Reportage

Ein Roma-Mädchen bricht aus (Teil 1)

15.05.2016 - Alia Hübsch-Chaudhry

"Keine Angst vor mir, Zigeunerin. Ich will nur deine Tränen", ruft der fiktive TV-Reporter Borat (alias Sacha Baron Cohen) einer Roma-Frau im gleichnamigen Film lechzend hinterher. Die Tränen der Sinti und Roma-Angehörigen gelten als heilig und segensreich. Und doch gibt es einen "Antiziganismus", der besonders in Europa weithin verbreitet ist. Auch nach jahrzehntelanger Verfolgung im Dritten Reich sind sie hierzulande nach wie vor geächtet. Ihnen hängt das Gerücht an, sie seien dreckig und kriminell, "Klauer" und "Müll-Esser". DAS MILIEU sprach mit Muflehah über ihr Erwachsenwerden in einem Roma-Haushalt und ihre Befreiuung aus den Fängen einer (un)gewöhnlichen Lebensart in eine selbstbestimmte Freiheit.

Muflehah drückt sich gewählt aus. Man könnte meinen die 23-jährige Roma-Frau sei eine Diplomatin. Die gelernte Friseurin und Mutter von zwei Kindern ist reflektiert und selbstkritisch. Sie wirkt klug, besonnen und bleibt höflich. Doch immer wieder gibt es Brüche in diesem Bild. Besonders in Momenten, in denen sie sich in alte Zeiten und Schauplätze hineinsteigert. Dann wird sie direkter, lauter und teilweise konfrontativ. Muflehah hat tiefsitzende Grübchen und trägt eine dezent lockere Kleidung, die einen Hauch von Folklore versprüht. Einflüsse aus dem ehemaligen Jugoslawien, Italien, Frankreich und Spanien verschmelzen in ihrem Erscheinungsbild, was sicher mit der Wanderfreudigkeit ihrer Großeltern zwischen diesen Regionen zu tun hat. Ihre Mutter war neun, ihr Vater zwölf, als sie schließlich in Deutschland sesshaft wurden. Sie zogen in eine Plattenbausiedlung nach Hamburg.

Muflehah könnte die Frau sein, die mit dem Hund vom Nachbarn Gassi geht, die Kinder in ihrer Freizeit bei den Hausaufgaben unterstützt und sich für nichts zu schade ist. Sie kennt den schlechten Ruf, der ihrer Volksgruppe voraus eilt. Muflehah will konsequent ehrlich und hilfsbereit sein. Doch wenn man Muflehah kennt, weiß man, dass dies nicht immer so war. Sie musste sich das Vertrauen ihres Umfeldes hart erkämpfen.
 
Seit ihrer Zeit in der Grundschule wusste sie schon, dass sie anders war. Ihre Klassengemeinschaft ließ es sie spüren. Sie verstand das nicht. Das begann bei der Frage nach ihrem Herkunftsland. "Als ich gesagt habe, dass ich Roma bin, dachten alle, ich komme aus Italien", erinnert sie sich. Muflehah wollte ihre Herkunft nicht verleugnen. Doch als ihre Mitschüler älter wurden, wurde ihr ihre Offenheit zum Verhängnis. Immer wieder bekam sie fortan zu hören, welch Abschaum sie sei. "Ihr klaut Essen aus dem Müll vom Discounter! Ihr lebt im Dreck!", hielt man ihr vor.

Eine belastende Kindheit

Mit gemischten Gefühlen blickt sie auf ihre Kindheit. Ihre Erlebnisse sind ungewöhnlich, was ihr selbst jedoch in vielen Fällen nicht bewusst ist. Als ihre Mutter auf dem Flohmarkt "arbeitet", also mit gestohlener Ware handelt, wird Muflehah damit beauftragt, auf ihre jüngere Schwester, die noch ein Säugling ist, für mehrere Stunden am Wochenende aufzupassen. Die neunjährige Muflehah soll sich in das Bett ihrer Mutter legen, damit ihre Schwester glaubt, dass Mama noch da ist. "War ja ganz leicht. Nur Wasser kochen und Pulver rein. Fertig ist die Milch.", damit beruhigt sie den schreienden Säugling. Lachend fügt sie hinzu: "Meine Mama hatte eben sehr viel Vertrauen“.
 
Dabei ist ihre Mutter ein Kontrollfreak: draußen spielen darf Muflehah nur, wenn sie in der Nähe der Haustür bleibt und ihre Mutter sie währenddessen durch das Fenster beobachten kann. Wenn Muflehah sich mit anderen Mädchen anfreunden will, werden diese zunächst einem strengen Auswahlverfahren unterzogen. "Sie hat meine Freundinnen nur einmal angeschaut und meinte sofort, alles über sie zu wissen.", erzählt sie ironisch. Auch Übernachtungen bei Freundinnen sind tabu. Jedoch dürfen ihre Freundinnen sooft bei ihr übernachten wie sie wollen, so bleiben sie unter ständiger Beobachtung ihrer Mutter.

In ihrer Freizeit spielt Muflehah wie andere Mädchen in ihrem Alter mit Puppen, tobt sich auf dem Spielplatz aus oder schaut fern. Häufig muss sie aber auch den Haushalt mitschmeißen: putzen, beim Kochen helfen, aufräumen und einkaufen. Als sie älter wird, wird ihr nach und nach der gesamte Haushalt übertragen. Das hat Langzeitwirkungen hinterlassen. Mittlwerweile hat sie einen regelrechten Putzzwang entwickelt, was sicherlich auch mit dem Vorurteil der verdreckten Roma-Wohnung zu tun, dem sie nun zu entrinnen versucht.

Muflehah macht schon in ihrer frühen Kindheit erste Erfahrungen mit Gewalt. "Wenn ich nicht auf meine Eltern gehört habe, wenn ich meinen Bruder geärgert habe oder zu viel fern geschaut habe, wurde ich geschlagen.", sagt sie. Eine Szene kann sie bis heute nicht vergessen. Da wurde ihr Bruder vom Vater mal wieder wegen etwas geschlagen. "Da kam meine Mutter mit dem Messer zu ihm und schrie: ‚Bring ihn doch um, bring ihn doch um!", eine Szene, die sie erst Jahre später verstand. Eigentlich hatte ihre Mutter gemeint: "Warum schlägst du ihn so sehr? Da kannst du ihn auch gleich umbringen!". Muflehah aber glaubte lange Zeit, dass ihre Mutter so böse sei, dass sie ihren Bruder hätte umbringen wollen.

Es fällt ihr schwer, darüber zu reden, wie oft sie beobachten musste, dass ihre Geschwister und ihre Mutter geschlagen wurden. Das belastet sie stärker, als die Tatsache, dass sie selbst geschlagen wurde. Die Motivation zur Schule gehen zu wollen, kam hauptsächlich aus Angst vor Gewalterfahrungen zuhause. Deshalb ist Muflehah überpünktlich wach, schmiert sich ihr Schulbrot und versucht leise durch die Tür zu schleichen. "Sooft wenn ich aus dem Haus schleichen wollte, um zur Schule zu gehen, hörte ich plötzlich wie meine Mutter rief: ‚Bleib mal Zuhause!". Das musste nicht immer einen Grund haben. Zufälligerweise musste sie dann Zuhause bleiben, wenn an diesem Tag ihre Lieblingsfächer Erdkunde und Sport auf dem Plan standen. "Immer wenn ich nicht gehen wollte, musste ich zur Schule. Bis heute kann ich das nicht nachvollziehen."

Das Klischee vom klauenden Zigeuner

"Natürlich sind nicht alle Roma so. Aber bei der Mehrheit kannst du das beobachten und das hat Gründe". Ihr Urteil fällt sehr streng aus. Doch sie findet: "Nur Roma sollten Roma kritisieren. Erst dann kann die Kritik etwas bewirken. Wenn Außenstehende Roma kritisieren, wird es als Diskriminierung verstanden". Nicht nur im Dritten Reich galten Sinti und Roma als geborene Verbrecher oder als ein durch Vorurteile stigmatisiertes Volk, auch heute haben sie es nicht leicht. Sie leben insbesondere in ost-europäischen Ländern in bitterer Armut und werden teilweise zum Klauen genötigt. Muflehah sieht das ähnlich und fügt hinzu: "Es war bestimmt einmal aus der Not heraus. Aber mittlerweile ist es eine schlechte Gewohnheit geworden."
Die Mutter von Muflehah wurde als Kind zum Betteln und Klauen gezwungen. Obwohl sie selbst weiterhin klaut, schickt sie Mufleha niemals zum Klauen, lobt sie allerdings mehrere Male, wenn die Tochter es von sich aus tut. Das stärkte ihr Selbstbewusstsein. Als Mufleha ungefähr zwölf Jahre alt ist, warnt ihre Mutter sie: "Klau das nächste Mal lieber nicht, denn wenn die dich erwischen, ist dein Leben kaputt".

Muflehah hat in ihrem Leben schon alles Mögliche geklaut. "Es war Schmuck, Kleidung, sogar Makeup, obwohl ich mich nicht geschminkt habe." Nur ein einziges Mal wird sie erwischt, als sie nach dem Einstecken der Ware zurück in den Laden läuft, um nach ihrer Freundin zu rufen. Mit fünf Jahren hatte es mit Bonbons aus dem Süßigkeitenladen angefangen. Sie klaute zusammen mit ihrer Tante und ihrem Bruder. "Mir war damals nicht klar, dass wir alle gemeinsam im selben Laden geklaut haben".

Das Klauen hat für ihre Familie und Freunde auch einen Reiz. Muflehah lernt immer wieder neue Tricks, wie man beispielsweise den Schmuck in den Ärmel fallen lassen kann, ohne dass er herausfällt oder wie die Diebstahlsicherung am Kleidungsstück überlistet wird. "Mein Vater hat nie geklaut, außer ein Mal. Er hat Kunden mit Handyverträgen betrogen. Für das Klauen fehlte ihm das Selbstbewusstsein.", weiß sie.

Mit dem Klauen kam für Muflehah auch der erste Zug an einer Zigarette. Sie fühlt sich erwachsen. "Lecker war das nicht, aber ich fand es aufregend." Immer wenn sie mit bestimmten Leuten zusammen ist, raucht sie, bis es irgendwann regelmäßig wird. Im Alter von elf Jahren bewahrt sie in ihrem Rucksack für ihre Mutter Zigaretten auf und wartet darauf, bis sie danach gefragt wird. "Eine Zeit lang habe ich nur geraucht, um die Aufmerksamkeit meiner Mutter auf mich zu ziehen". Ob sie beim Schwelgen in Erinnerungen lachen oder weinen soll, weiß sie nicht so recht.

Die höllische Angst vor der Heirat

Im Alter von 13 Jahren wächst in Muflehah die Angst, ein Leben wie ihre Mutter führen zu müssen. Ihre Mutter hatte eine Ausbildung als Designerin begonnen und musste sie abbrechen, weil sie mit ihrem Cousin, dem Vater von Muflehah, zwangsverheiratet wurde. Oftmals sind der Bildungsgrad und die soziale Herkunft im Kontext der Zwangsverheiratungen entscheidend. Sie sind in allen patriarchalischen Kulturen vorzufinden.

Der einzige Sinn im Leben ihrer Mutter bestand darin, zu feiern, zu trinken und die Kinder zu hüten. Doch das ist Muflehah zu wenig und sie sieht keinen Sinn im Leben. Sie fühlt sich leer, fremd und unverstanden. Muflehah sagt sich: "Lieber sterbe ich, als so ein Leben zu führen!"

Zusammen mit ihrer Freundin will sie sich daraufhin das Leben nehmen. "Wir waren Selbstmordfreundinnen.", sagt Muflehah zunächst mit lachendem Gesicht. Dann verfinstert sich ihre Miene, denn sie weiß: "Jetzt kann ich darüber lachen, aber das war sehr schlimm für mich." Sie malt sich verschiedene Szenarien aus, wie sie sterben möchte. Es ist ihr wichtig, wie ihre Eltern sie auffinden und was sie bei dem Anblick ihrer gestorbenen Tochter denken.
"Soll ich ein Abschiedbrief schreiben und meiner Mutter unter den Kopfkissen legen? Soll ich mich im Keller aufhängen? Ich war ein bisschen eitel und dachte, wenn ich da so hänge, sehe ich nicht so schön aus. Die sollten mich so nicht finden. Dann doch lieber zerquetscht oder im Wasser."


Auch die Idee von der Brücke ins Wasser zu springen, verwirft sie, weil sie sich zu stark vor ihrem Selbsterhaltungstrieb fürchtet. Sie weiß, sie würde nach Luft ringen und versuchen an Land zu schwimmen und nicht sterben. Dann entscheidet sich Muflehah für die Autobahn-Brücke. Als sie von oben die vielen vorbeifahrenden Autos beobachtet und mehrere Wagen mit kleinen Kindern sieht, wird sie unsicher. Zudem muss sie an ihre jüngere Schwester denken: "Sie hat mich so sehr geliebt, mich immer Mami genannt. Sie ist jeden Morgen zu mir gekrabbelt und hat mich geküsst." In diesem Moment bereut Muflehah sofort all ihre Selbstmordgedanken. Sie würde ihre jüngere Schwester zu sehr vermissen und ihre Schwester sie. Ihrer Freundin erklärt sie ihre Entscheidung: "Ich möchte nicht, dass diese kleinen Kinder sterben, nur weil ich sterben will".

Nach Hause will sie aber nicht. Denn sie weiß genau: "Entweder sterbe ich, weil ich tot geschlagen werde, die verheiraten mich oder irgendwas anderes wird mir passieren". Sie weiß, dass ihre Eltern nach ihr suchen werden. Muflehah und ihre Freundin überlegen, was zu tun ist. Sie beschließen vorübergehend bei Bekannten unterzukommen. "Die waren aber nur auf Spaß aus und sind nachts zum Schwimmbad. Mir war aber überhaupt nicht danach zumute, aber ich musste mit". Muflehah ist genervt und überlegt wieder nachhause zu fahren. Sie ist klitschnass, einsam und verzweifelt. "In dem Moment ist mir nicht eingefallen in eine Kirche oder Moschee zu gehen." Das bereut sie im Nachhinein.

Zusammen mit ihrer Freundin, die zugleich Muflehahs Nachbarin ist, macht sie sich auf den Heimweg. "Meine Mutter hat vor der Tür unten gewartet. Sie hat auch erfahren, dass meine Freundin weggelaufen ist." Sie stand wohl immer wieder dort, um nach Muflehah zu schauen. Im Gegensatz zu ihrer Freundin, sieht Muflehah ihre Mutter schon von Weitem und kehrt sofort um, ohne ihrer Freundin etwas zu sagen. Die Freundin ist irritiert, läuft allein weiter und trifft bald auf die Familie von Muhflehah. Sie erzählt ihnen, dass sie nicht weiß, wo Muflehah hin ist. Doch niemand glaubt ihr.

Mittlerweile hat sich die gesamte Familie von Muflehah bei ihr im Haus versammelt. Auch ihre Tanten und Cousinen sind da. Nach und nach schlagen, spucken und treten sie alle zusammen auf Muflehahs Freundin ein bis sie blutet. Sie sagen: "Du hast Muflehah entführt! Du hast sie auf die Idee gebracht, wegzulaufen!" Damit sie aufhören sie zu schlagen, beginnt die Freundin damit, sich eine Geschichte auszudenken. Muflehah sei für einen Jungen weggerannt, habe ihr Jungfräulichkeit verloren und wolle den Jungen jetzt heiraten.

 


Fortsetzung folgt…





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