Spiritualität

Ein Streifzug durch die Religionslandschaft

01.09.2021 - Eduard Fassel

Wir haben Frieden, wir haben Wohlstand, und alles Wissen wartet nur darauf, gegoogelt zu werden – das ist die Normalität der Moderne. Wie aber sieht es auf dem Gebiet der Religion aus? Ich ergreife die Möglichkeiten, die mir die „freie Welt“ durch Studium und Praxis gewährt hat, um mich ein wenig umzusehen...

Bei einem Streifzug durch die religiöse Landschaft sind es natürlich zuallererst die Kirchen und Klöster, die einem ins Auge fallen und die bei uns landauf, landab seit jeher das religiöse Leben geprägt haben. Da ich mich einer gewissen Nostalgie diesen altehrwürdigen Gemäuern gegenüber nicht erwehren kann, habe ich immer wieder bei Klöstern für eine mehrtägige Bleibe angefragt, um die eigene Praxis zu vertiefen, wie es so schön heißt. Dabei widerfuhr es mir öfter, dass mein Gesuch auf Ablehnung gestoßen ist, die man in Form einer Neutaufe zum Ausdruck gebracht hat. „Sehr geehrter Herr Fässler“, antwortete mir einmal eine Äbtissin (und dann überlegst du, das „a“ ganz links, das „ä“ ganz rechts auf der Tastatur). Ein Abt war weniger kreativ (S. g. Herr Fass), wogegen mich ein anderer gar zur Frau machte. Über die Krise des traditionellen Christentums hatte ich an anderer Stelle bereits geschrieben, und auch dieses Beispiel zeigt, wie unglaublich groß die Kluft ist, die sich da auftut: Einerseits fehlt seit geraumer Zeit der Nachwuchs und es gibt Platz ohne Ende, andererseits hat man sich so hinter seinen tradierten Mauern verschanzt, dass nicht einmal die Rückfrage kommt, was man denn all die Einkehrtage zu tun gedenkt... Es macht mich betroffen, wenn beispielsweise die Franziskaner ein Kloster nach dem anderen aufgeben, und so eine über Jahrhunderte entstandene Infrastruktur für innere Entwicklung einfach wegfällt. Für eine moderne Gesellschaft, in der fast alles, was äußerlich getan werden kann, bereits getan wurde, wären gerade solche Orte von großem Wert. Was demgegenüber wirklich Mut macht, sind die erstarkenden kontemplativen Strömungen wie dem Herzensgebet, die bei den christlichen „Laien“ immer mehr Verbreitung finden.

Sieht man sich weiter um, fällt der Blick in den Großstädten auf die Synagogen und Moscheen. Da ich leider überhaupt keine praktische Erfahrung mit dem Judentum oder dem Islam habe (sie aber aufgrund ihrer streng monotheistischen Ausrichtung in einem Atemzug nenne), kann ich mich dem nur theoretisch nähern. In dem Buch Sohar sagt ein angesehener Rabbi, dass man nicht die Torheit begehen sollte, nur das „Gewand der Thora“ zu betrachten. Denselben Eindruck, dass die Erzählungen nur die Hülle deralten Geheimnisse sind, gewinnt man bei den intuitiven Thora-Auslegungen des chassidischen Schriftstellers Friedrich Weinreb (1910-1988). Indem er die sprachlichen Variationsmöglichkeiten des hebräischen Originals auslotet, macht er deutlich, dass viel mehr hinter diesen alten Schriften steckt, als die allseits bekannten Geschichten glauben machen wollen. Das Judentum ebenso wie der Islam waren stark in ihrer Mystik. Plakativ gesagt: Während Imame dogmatische Streitfragen unter sich abklärten, verwirklichten Mystiker wie Rabia, Rumi, Khan oder Bayazid das höchste religiöse Ziel. Solche wie Halladsch, die aufgrund der Immensität dieser Erkenntnis nicht an sich halten konnten, wurden von der Masse wegen Gotteslästerung beseitigt. Gerade aus diesen lebenden Zeugnissen erscheint mir hervorzugehen, wie groß Allah wirklich ist. Der überwiegende Eindruck ist jedoch, dass diese Mystiker oder Rabbis nicht gegen das Gewicht einer festgeschriebenen Überlieferung ankommen. Im Islam wie im Judentum kann es aus meiner Sicht fruchtbar sein, die traditionelle Religionsausübung mit den jeweiligen mystischen Strömungen wie dem Sufismus bzw. dem Chassidismus zu verbinden.

Unscheinbar in der religiösen Landschaft, aber mit vielen Kurshäusern gut aufgestellt, sind die Buddhisten mit ihren Meditationsformen Zen und Vipassana. Bar jeden metaphysischen Bezugs erfolgt der Zugang hier sehr pragmatisch und praxisbezogen anhand der bewussten Wahrnehmung des Atems bzw. der Körperempfindungen. Es ist eindrucksvoll zu sehen, dass im deutschen Vipassana-Zentrum darauf hinarbeitet wird, die Kapazität auf 150 (!) Teilnehmer pro Kurs auszuweiten. Dazu muss man wissen, dass hier zehn Tage lang zehn Stunden am Tag gesessen wird. Spirituelle Wellness oder Klostertourismus sehen anders aus. Dass trotz japanischer Verhältnisse die Nachfrage so groß ist, lässt tief blicken: Bietet man etwas Substanzielles an, auch wenn es sehr fordernd und erstmal fremdartig ist, setzt es sich mit der Zeit durch. Eine Schattenseite gibt es allerdings, denn die buddhistische Herangehensweise trifft keineswegs die Mitte unserer westlichen Gesellschaft. Sie basiert nach wie vor stark auf dem selbstgefassten Vertrauen des Schülers in den Meister. In einer nicht-autoritären Kultur, in der es dafür auch keinen traditionellen Rückhalt gibt, ist das Voraussetzen eines solchen Vertrauens jedoch alles andere als selbstverständlich. Hier entfaltet eine Instruktion beileibe nicht die Wirkung, wie sie es in Asien tut. Wenn ich also in einem Kurs sitze und es innerlich mal wieder brenzlig wird, dann kann ich mit „Einfach weitermachen“ (Vipassana) oder „Vergiß alles“ (Zen) wenig bis gar nichts anfangen. Trotz in sich stimmiger Kurskonzepte ist es die sich daraus ergebende Rigorosität, ein „Sei dir selbst eine Insel“ als Dogma, das im Westen den Zugang zur buddhistischen Meditation für viele erschweren kann.

Wer sich nicht gleich vollauf in die Praxis stürzen möchte, wie es die buddhistischen Meditationsformen nahelegen, sondern sich vorerst eine solide theoretische Grundlage aneignen will, der stößt früher oder später auf die indische Philosophie und Psychologie. Auch diese sind bereits in Deutschland vertreten, vor allem durch die Vedanta-Gesellschaft. Um das einordnen zu können, muss man sich über die völlig entgegengesetzten gesellschaftlichen Ausrichtungen im Klaren sein. Ebenso wie unsere Wissenschaftler leidenschaftlich an der Erforschung der materiellen Welt interessiert sind, war es eine nationale Passion im alten Indien, die innere Welt zu erforschen. Unzählige Rishis zogen sich zurück, um furchtlos, mit ihrem eigenen Geist als Instrument, zu den tiefgründigen Erkenntnissen zu gelangen, die später in den Upanischaden niedergeschrieben wurden. Immer wieder durch verwirklichte Meister bestätigt und der Zeit entsprechend angewendet, ist der Vedanta die wohl solideste und umfassendste Philosophie, zu der der menschliche Geist gefunden hat. Wen also Skepsis und Zweifel plagen, dem seien Literatur und Vorträge in dieser Richtung sehr empfohlen.

Mein persönlicher Streifzug endet mit einem hoffnungsvollen Blick in die Ferne, denn im Osten braut sich wieder etwas zusammen. Aus Indien kommt der zurzeit stärkste religiöse Impuls, ausgelöst durch den Yogi und Mystiker Sadhguru (Jaggi Vasudev). Treffender wäre es wohl, von einer spirituellen Welle zu sprechen, die sich durch die beispiellose Nutzung aller medialen Plattformen weltweit rasant ausbreitet. Seit Jahren hält der indische Meister Yoga- und Meditationskurse und tingelt unermüdlich von einem Vortrag zum nächsten, spricht vor Studenten, vor der UNO, beim Weltwirtschaftsforum, im indischen und amerikanischen Fernsehen, und ist aufgrund seiner Klarheit nach wie vor ein gefragter Gesprächspartner. Daraus ergaben sich unzählige Stunden an Videomaterial, die professionell für YouTube, Blogartikel und die sozialen Medien aufbereitet und übersetzt wurden. All das soll jedoch nur dazu dienen, die Menschen zu kitzeln, wie er selbst sagt. Will man es dann praktisch erkunden, kann man sogleich stufenweise weitergehen. Das Angebot ist groß und reicht von anfängertauglichen Online-Angeboten bis hin zu authentischen Hatha-Yoga-Workshops und Meditationskursen, die mittlerweile auch in Europa verfügbar sind. Ich mache keinen Hehl daraus, dass mich das Ausmaß der digitalen und analogen Infrastruktur, die dieser indische Guru (man darf das Wort glaube ich wieder sagen) in den letzten 30 Jahren aufgebaut hat, tief beeindruckt. Das Besondere dabei ist die Betonung der technischen Seite (dementsprechend die Bezeichnung des Hauptkurses als „Inner Engineering“). Die Eigenschaft einer ausgeklügelten Technik ist, dass sie in ihrer Wirkung funktionieren muss, was ich in der Tat bestätigen kann. Wie ich finde eine sehr zeitgemäße Art, Spiritualität erfahrbar zu machen!

In jedem Fall wird es nicht langweilig sich umzusehen, und sich vielleicht sogar persönlich in einen inneren Weg zu involvieren. Die religiöse Landschaft von heute ist vielfältiger, überschaubarer und zugänglicher denn je. Das sollten wir wirklich schätzen lernen: Entgegenkommender als jetzt waren die Zeiten noch nie.

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