Rücksichtnahme

Ein trauriges Beispiel

01.10.2021 - Daniela Ribitsch

Eigentlich wollte ich in diesem Monat von etwas anderem erzählen. Doch was ich am 9. September in meiner Lokalzeitung The Express gelesen habe, hat mich sehr traurig gemacht. Besonders traurig daran ist, dass es sich dabei keineswegs um einen Einzelfall handelt. Und genau darum möchte ich darüber sprechen. In der Hoffnung, dass andere Eltern es besser machen

Im August, als Pennsylvanias Gouverneur Tom Wolf die Mund-Nasen-Schutz-Pflicht (MNS) in Schulen einführte, ging der Kampf zwischen MNS-BefürworterInnen und -GegnerInnen in die nächste Runde. Traurigerweise wird dieser Kampf nun auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen und gefährdet damit deren Gesundheit. Bei einem Meeting der Schulkommission in meiner Nachbarstadt Bellefonte sprach sich, wie The Express berichtete, eine Gruppe empörter Eltern gegen die MNS-Pflicht aus und zeigte sich besorgt darüber, dass ihre maskenlosen Kinder ausgegrenzt wurden.

Obwohl sich MNS-BefürworterInnen und -GegnerInnen nun schon mehr als ein Jahr lang bekämpfen, habe ich immer noch nicht vollständig begriffen, warum es eigentlich so schwierig ist, Mund und Nase mit einem Stückchen Stoff zu bedecken. Noch unverständlicher und problematischer finde ich es allerdings, dass die MNS-Debatte so politisch ist. Immerhin geht es beim MNS einzig und allein darum, unsere Kinder und uns zu schützen.

Wie die amerikanische Nachrichtensendung ABC World News Tonight With David Muir Mitte September berichtete, testeten 243.000 Kinder innerhalb von nur einer Woche coronapositiv. In einigen US-Staaten begann die Schule bereits im Juli, und seit damals wurden schon mehr als eine Million Kinder positiv auf Corona getestet. Immer mehr Kinder werden täglich ins Krankenhaus eingeliefert. Jetzt, Mitte September, sind es einige Hundert pro Tag. Wenn Sie diesen Artikel lesen, werden es höchstwahrscheinlich noch viel mehr sein. Denn Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren infizieren sich in einem viel größerem Tempo als jede andere Altersgruppe. Und freilich werden auch weiterhin Erwachsene eingeliefert. Allein am 8. September waren es 100.000. Aber auch diese Zahl wird sich mittlerweile erhöht haben. Beinahe alle eingelieferten Corona-PatientInnen sind ungeimpft. Tragischerweise mussten bereits Mitte September immer mehr Krankenhäuser entscheiden, wen sie zuerst behandeln.

Laut Express verglich ein Elternteil, eine Dame, beim Bellefonte-Meeting den MNS mit dem Holocaust. Ein Vergleich, der einfach nur Unverständlichkeit und fassungsloses Kopfschütteln in mir hervorruft, der aber leider immer wieder von unterschiedlichen MNS-GegnerInnen gemacht wird. Die Dame erklärte diesen Vergleich beim Meeting damit, dass Kinder lernen sollten, sich der Regierung zu widersetzen anstatt sich zu fügen. Wir dürften Kindern nicht beibringen, der Regierung blindlings zu folgen. Es beginne mit Masken, die nicht hinterfragt würden. Die Regierung sagt, sie liebt dich, sie würde dir nie wehtun, sei einfach still und mach mit. Leg das Armband an und steig in den Zug. So begründete die Dame ihren vehementen Widerstand gegen die MNS-Pflicht an Schulen.

An dieser Stelle möchte ich MNS-GegnerInnen gerne bitten, für einen Moment eine andere Perspektive einzunehmen. Warum beschließt eine Regierung die MNS-Pflicht in Schulen einzuführen? Weil einige Eltern, wie die besagte Dame oberhalb, ihre Kinder ohne Schutz dem Virus aussetzen. Die Regierung kann also gar nicht anders: Sie hat die Pflicht, hier einzuschreiten und die Kinder zu schützen, wenn die Eltern versagen. Und Eltern, die ihre ungeimpften Kinder ohne MNS mit anderen Menschen zusammenkommen lassen, setzen ihre Kinder einem vielfach höheren Infektionsrisiko aus. Und in der Schule gefährden diese Kinder dann ihre MitschülerInnen. In diesem Fall hat die Regierung mit der Verordnung der MNS-Pflicht also tatsächlich das Wohlergehen aller Kinder im Sinn und es wäre daher gut, auf die Regierung zu hören.

Aber schauen wir uns nun vier konkrete Beispiele an, die zeigen, wie wertvoll ein MNS ist. Im Miami-Dade County in Florida starben innerhalb von nur drei Wochen dreizehn ungeimpfte Schulbezirksangestellte an Corona. In Pennsylvania, wie ich von einer Bekannten gehört habe, hat eine Kinderbibliothekarin einer öffentlichen Bibliothek zwölf Kindern in der Bibliothek vorgelesen. Sie hatte Corona und steckte zehn der Kinder an. Dieses Frühjahr, als die Impfung noch kaum verfügbar war, fanden die Kurse an meinem College wie gewohnt am Campus statt, jedoch mit strengen Regeln. In meinem Deutschkurs saß eine Studentin, die während des Semesters an Corona erkrankte. Dank der strengen Einhaltung der Regeln MNS und genügend Abstand blieben wir coronafrei. Und das vierte Beispiel betrifft den Kollegen meines Mannes. Er führte am Beginn des aktuellen Semesters Studierende in die Benutzung der Universitätsbibliothek und deren Ressourcen ein. Im Zuge dessen saß er lange neben einem Studierenden, der Hilfe brauchte und unentwegt hustete. Der Studierende sagte, er habe eine Nasenhöhlenentzündung. Da er aber nicht zu husten aufhörte, wurde er zur Campuskrankenschwester geschickt. Zwanzig Minuten später kam der Anruf: Der Student hatte Corona. Wie gut, dass alle Anwesenden einen MNS-Schutz getragen und Abstand gehalten hatten. Der Kollege meines Mannes ist zudem geimpft. Er hat negativ getestet.

Und nun darf ich Sie, liebe LeserInnen zu einem Gedankenexperiment einladen. Stellen Sie sich vor, Sie schicken Ihr Kind ohne MNS in die Schule. Natürlich fürchten sich andere Kinder, wenn sie sehen, dass einige MitschülerInnen nicht besonders vorsichtig zu sein scheinen und daher das Risiko um ein Vielfaches erhöht ist, dass diese als VirusträgerInnen infrage kommen. Wie oben erwähnt, infizieren sich Kinder schneller an Corona als jede andere Altersgruppe. Darum ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihr Kind ohne MNS krank werden wird. Sehr krank. Schwer krank. So krank, dass er oder sie ins Spital muss. Und nun stellen Sie sich vor, dass kein Intensivbett für Ihr Kind mehr zu Verfügung steht, weil die von anderen ungeimpften, maskenlosen Erwachsenen und Kindern besetzt sind…

Wer trägt nun die Schuld? Das Spital, weil es keine Ressourcen mehr hat, weil so viele Eltern die von der Regierung eingeführte MNS-Pflicht ignoriert haben? Oder die Regierung, weil sie den MNS in Schulen verlangte? Oder die Eltern, die zu beschäftigt damit waren, die MNS-Pflicht zu bekämpfen und ihren Kindern beizubringen, sich der Regierung zu widersetzen? Und welche Lektion lernt Ihr Kinder dabei? „Meine Eltern verboten mir, einen MNS zu tragen, weil die Regierung mich dazu verpflichtete, um so mein Leben zu schützen“?

Bei dem College, an dem ich arbeite, herrscht immer noch MNS-Pflicht. Viele Angestellte und Studierende sind geimpft. Aber nicht alle. Vor Semesterbeginn Ende August war die Rede davon, dass nur Ungeimpfte einen MNS tragen müssten. Doch aufgrund der steigenden Zahlen in der Stadt müssen nun auch Geimpfte einen tragen. Freilich ist es nicht so toll, AnfängerInnen mit MNS Deutsch beizubringen. Aber es funktioniert. Und es fühlt sich eigentlich so ziemlich wieder wie vor Corona an. Nur dass wir eben Mund und Nase mit einem Stückchen Stoff bedecken und Abstand halten müssen.

Es ist wirklich allerhöchste Zeit, endlich diesen sinnlosen MNS-Kampf zu begraben und Frieden miteinander zu schließen. Als Elternteil lieben Sie Ihr Kind natürlich mehr als alles andere auf der Welt und wollen sie oder ihn selbstverständlich beschützen. Wenn es also nur eines einfachen Stückchens Stoff im Gesicht bedarf, damit Ihr Kind wieder in der Schule lernen darf und am Abend wieder sicher zu Ihnen nach Hause kommt, dann lassen Sie es doch bitte dieses Stückchen Stoff sein!

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