Reflexionen

Eine authentische Gesellschaft

01.12.2020 - Olivia Haese

Heutzutage müssen wir uns zumindest in sozialen Situationen oft verstellen. Vermutlich mussten das auch unsere Vorfahren. Unser "echtes" ich zeigen wir nur engsten Vertrauenspersonen oder aber überhaupt niemandem. Haben wir somit eine unechte Gesellschaft hervorgebracht? Und was soll es eigentlich bedeuten, "echt" zu sein?

Seit einigen Jahren ist oft davon die Rede, dass Leute in den sozialen Medien ihr Leben auf verschönerte und teils absurd unrealistische Weise darstellen. Aber hatten die Menschen nicht schon immer die Tendenz, in der Öffentlichkeit nur eine glänzende Fassade zu präsentieren? Sicherlich wäre es interessant, durch anthropologische und psychologische Untersuchungen herauszufinden, ob sich dieses Verhalten in der Moderne verstärkt hat. Ich kann mir vorstellen, dass nur wenige daran zweifeln. 

In der westlichen Welt wurde während der Renaissance durch die humanistische Philosophie auch das psychologische Selbstverständniss des Menschen neu geordnet. Man begann den Menschen vorangehend als Einzelnen wahrzunehmen, mit seinen individuellen Bedürfnissen, Ansichten, Emotionen, Erfahrungen.  Insofern könnte man davon ausgehen, dass durch die gedankliche Revolution während des Umbruches zur Neuzeit eigentlich mehr Wert auf die einzigartige Authentizität des Menschen gelegt wurde. Aber: je wichtiger die individuelle Persönlichkeit, desto wichtiger auch der Schein dieser Person. Und je bewusster wir uns unserer subjektiven Wahrnehmung sind, desto größer wohl unser Wunsch, uns nach außen hin zu verstellen. Der komplexen Gefühlswelt eines Individuums bedarf es schließlich an Schutz. Vielleicht war, um ein ganz wenig zu pauschalisieren, die Renaissance der Anstoß für die egotistische Selbstprofilierung des modernen Menschen, die wir als so wenig authentisch empfinden.

Der Duden führt die Herkunft des Begriffs "Person" auf das etruskische Wort für "Maske" zurück. Daraus ließe sich schlussfolgern, dass bereits in der Antike eine Verbindung der Identität einer Person und ihrer verzerrten, verstellten Interaktion mit der Außenwelt bestand. Vielleicht insofern, dass unsere "Persönlichkeit" nur eine Ansammlung von Charaktereigenschaften ist, die wir bewusst und unbewusst für ein möglichst erfolgreiches Zusammenleben in der Gesellschaft kreiert haben – jede Charaktereigenschaft gleicht dabei einer Verzierung auf der Theatermaske, das soziale Leben ist die Bühne.

Auch unabhängig von dieser  Herangehensweise: unser sensibles "authentisches ich" ist nicht unbedingt immer etwas, was wir anderen zeigen wollen, können oder sollten. Und doch sind sich Psychologen einig, dass wir "authentisch" sein müssen, um glücklich und gesund leben zu können.

Authentisch sein in einer unauthentischen Gesellschaft?

Eine authentische Gesellschaft würde aus authentischen Individuen bestehen. Wie ließe sich ein so abstrakter Begriff wie "Authentizität" denn definieren, und wie könnte ein Mensch diese ausleben? Verwirrend ist diese Fragestellung vor Allem angesichts der bereits erwähnten Natur unserer Persönlichkeit. Es muss einen bedeutenden Unterschied geben zwischen der "Persönlichkeit" und des "authentischen ich" eines Menschen: Wäre ich anders erzogen worden, in einer anderen Kultur oder in einem anderen Land aufgewachsen, hätte ich vermutlich eine ganz andere Persönlichkeitsstruktur als die, die ich jetzt habe. 

Insbesondere in antiken spirituellen und religiösen Schriften finden sich Gedanken über die Unterscheidung des "ego" und des "wahren ichs" bzw. des "höheren ichs". Während das "ego" in diesen Schriften als "falsches ich" gilt, wird der gleiche Begriff in der Psychologie als allgemeiner, "bewusster Sinn für sich selbst" verwendet. Dass gerade dieses Wort eine andere Bedeutung in diesen Disziplinen hat, hat vermutlich nicht zur Entwirrung beigetragen.

Die meisten von uns merken intuitiv, wann jemand authentisch ist und wann er sich verstellt. Oftmals lässt sich kein konkreter Anhaltspunkt für dieses Urteil finden, man merkt es einfach. Immerhin würden viele zustimmen, dass wir uns in einer Gesellschaft voller Getue befinden. In letzter Zeit ist der Begriff "Narzissmus" von größerem Interesse geworden. Zu narzisstischen Charaktereigenschaften gehören mitunter ein übertriebenes Selbstwertgefühl, eine Anspruchshaltung und ein beständiger Wunsch nach Lob. Es ist nicht schwer, solche Eigenschaften in unserer Politik- und Medienlandschaft zu bemerken. An Narzissmus mangelt es der Menschheit höchstwahrscheinlich nicht. Der von manchen empfohlene "gesunde Narzissmus" ist ein anderes Thema.

Sollte man annehmen, dass ein unmissverständlicher Narzisst es mit seinem übertriebenen Selbstwertgefühl dann besonders leicht hat, authentisch zu sein? Der Narzissmus ist das polare Ende eines Spektrums, von dem Co-Abhängigkeit das andere ist. Während sich der Narzisst für die Definition seiner Identität über andere erhebt, opfert sich der Co-Abhängige anderen gegenüber auf.
Ich nehme an, dass die meisten Personen Tendenzen zu einer dieser beiden Enden des Spektrums haben, wenn nicht zu beiden. Sowohl die narzisstische als auch die co-abhängige Persönlichkeitsstruktur entsteht, indem der jeweilige Mensch (zumeist bereits als Kind) gelernt hat, seine menschliche Identität unbewusst auf seiner Beziehung zu anderen zu basieren. Diese spiegelbildlichen Verhaltensmuster entspringen also der gleichen Ursache: der Identifikation mit einem falschen "ich", oder mit anderem Worten: Mangel an Authentizität. Die psychologischen Erklärungen von Narzissmus und Co-Abhängigkeit zeigen also lediglich Extremformen von dem uns gängigen und etablierten (Miss)Verständnisses des "ich".

Was hat es also mit diesem "wahren ich" auf sich? Meine Muster, meine Glaubenssätze, meine Erfahrungen gehören alle zu mir und zu meiner Identität – keine Frage. Sie zu ignorieren oder zu unterdrücken wäre unproduktiv und aussichtslos. Die Tatsache, dass meine Selbstwahrnehmung immer situationsabhängig und in Bewegung ist, bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass sie unwahr oder ungültig ist. Man könnte sagen, die Ausdrücke unserer Persönlichkeit sind wie bunte Verzierungen auf der Maske, die die ungefärbte Essenz unseres "wahren ichs" bedecken. Doch wo ist die Grenze zwischen kontextbedingter Färbung und Unauthentizität?

Die Antwort auf diese Frage ist vermutlich so individuell wie jede einzelne Person auf diesem Planeten. Aber ist sie nicht von essenzieller Wichtigkeit? Wie sollen wir authentisch ausleben, ohne eine verständliche Referenz dafür zu haben, was Authentizität ist? Zumal wir alle dazu sozialisiert werden, unsere Identität in Relation zu anderen Menschen zu entwickeln, bleibt die Gefahr, dass ein "falsches ich" die Überhand nimmt – oder behält. 

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