Rezension

Eine Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart

01.06.2021 - Dr. Burkhard Luber

“Niemand, der bei Verstand ist, zieht den Krieg dem Frieden vor; denn in diesem begraben die Söhne die Väter, in jenem die Väter die Söhne.”

Herodot von Halikarnassos (490/480 - 424 v. Chr.), antiker griechischer Historiker.

Der Hamburger Edition gebührt großen Dank, dass sie dieses fundamentale Werk ins Deutsche hat übersetzen lassen, das bisher nur in der französischen Originalausgabe vorlag. 

Dass der Krieg die Menschheit nicht nur seit dem 19. Jahrhundert, wo dieses Buch einsetzt, prägt, ist offenkundig, ob von Heraklit als “Der Vater aller Dinge” apostrophiert, von Leo Tolstoi im Titel seines monumentalen Romans “Krieg und Frieden” verwendet oder mit der obigen, dem Rezensionstext vorangestellten Sentenz bedacht. Es gibt sogar Reflexionen, die aus der immerwährenden Kriegstätigkeit der Menschheit die Frage stellen, ob der Mensch nicht einfach eine Fehlkonstruktion der Evolution darstellt, denn kein anderes Lebewesen geht so zerstörerisch mit seiner Umwelt und mit seiner eigenen Spezies um.

Auch in dieser Zeitschrift wird er thematisiert, so z.B. in den Rezensionen von Scott Wolford The Politics of the First World War, den Kriegstagebüchern von Clara Zetkin und in Camlot/Bloch: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Und auch der Rezensent reiht sich bescheiden in diese Aufzählung mit ein mit seiner Staatsexamensarbeit, in der er den preußisch-österreichischen Krieg von 1866 analysiert hat. 

Es ist also thematisch durchaus angemessen, diesem Thema ein Buch von mehr als 900 Seiten zu widmen, in dem in vier Teilen:

•   Der moderne Krieg

•   Soldatische Welten

•   Kriegserfahrungen

•   Kriegsfolgen 

57 internationale Wissenschaftler versammelt sind, über “alles” was mit dem Krieg zusammenhängt zu schreiben. Genauer gesagt: über “fast alles” (wie sich im Laufe der Rezension noch zeigen wird). 

In seiner Einführung zu diesem Sammelband stellt der Herausgeber das Buch als ein Werk vor, in dem eine eindrucksvolle “Vielfalt an Perspektiven” präsentiert wird. Die Strukturierung dieser immensen Materialfülle ist überzeugend: Jeder der vier Teile ist mit einer konzisen Einleitung versehen, die den danach folgenden Einzeltexten vorausgeht. Nach jedem Einzeltext folgen hervorragend detaillierte Literaturhinweise (leider ohne Angabe von Webseiten-Links dort, wo es angebracht wäre). Am Ende finden sich dann als hervorragende Orientierungshilfen für die Lektüre Querverweise. Enttäuschend allerdings, dass es am Ende des Buches zwar ein Personen- und ein Ortsregister gibt, ein sehr viel wichtigeres Sachwortregister jedoch bedauerlicherweise fehlt. 

Unmöglich kann hier der Inhalt des gesamten Bandes wiedergegeben werden. Deshalb sollen hier zehn Kapitelüberschriften genannt werden, die in besonders eindrucksvoller Weise die Bandbreite des Buches demonstrieren:

•   Die AK-47 erobert die Welt

•   Hunger als Waffe

•   Die Gespenster von My Lai

•   Ist der Krieg reine Männersache?

•   Der verwilderte Krieg in den Kolonien

•   Die Zeit der Trauer

•   Schweigen über Hiroshima

•   Vergewaltigung: eine Kriegswaffe?

•   Der Fahne dienen

•   Die Heimatfront

Der Auswahl dieser o.a. Textüberschriften ist nicht willkürlich gewählt, sondern entspricht der Perspektive des Buches: Es geht um die “kulturellen”, persönlichen, technischen Aspekte des Kriegsführens, seiner Verarbeitung durch die Teilnehmenden und den Nachkriegs-Folgen, es geht um nichts weniger als um ein sehr facettenreiches Darstellen der Wirklichkeit des Krieges, in den Schützengräben, in den Bunkern der Heimatfront, in den Gedanken und Ängsten der SoldatInnen. 

Diese Aspekte detailreich darzustellen ist faszinierend und viele Texte machen die grauenvolle Wirklichkeit des Krieges den LeserInnen sehr, mitunter sehr brutal deutlich. Blasser ist der Sammelband allerdings bei der Frage nach den politischen Rahmenbedingungen, die zu Kriegen führen: die Verfestigung des gegenseitigen Misstrauens der politischen und militärischen Entscheidungsträger, der kontinuierliche Aufbau der militärischen Drohpotentiale, die Eskalationsprozesse (nicht nur im Rüstungsbereich). Ein Text über die Klassiker der Kriegsursachenforschung wie z.B. Quincy Wright mit “A Study of War”, Lewis Richardson mit “Statistics of Deadly Quarrels” oder Anatol Rapoport mit “Fights, Games, and Debates” wäre hier angezeigt gewesen. Wer also mit Recht die mitunter schauerlichen Exzesse in der militärischen Kriegswirklichkeit liest und (hoffentlich) logischerweise nach den Kriegsgründen und den Motivationen fragt, wird in diesem Buch enttäuscht. Dennoch macht die eindrucksvolle Fleißarbeit, mit der hier auch sonst eher unterbelichtete Einzelthemen zur Sprache kommen das Buch zu einem unverzichtbaren “Kriegslexikon”. 

An Bücher wie das vorliegende, die in der Art einer Enzyklopädie daherkommen, müssen sich neben der Würdigung der Publikation auch Fragen nach dem “Was fehlt” gefallen lassen. Drei solcher Unterbelichtungen seien hier genannt, bei denen man sich angesichts des Universalitätsanspruchs des Sammelbands doch verwundert fragt, warum sie kaum bis gar nicht in den Sammelband aufgenommen worden sind: 

Es gibt kein spezielles Kapitel, das die Rolle der Religionen bei der “moralischen Aufrüstung” und propagandistischen Feindbildproduktion beschreibt. Unverständlich, wo doch die Soldaten der deutschen faschistischen Armee bekanntlich mit einem eingravierten “Gott mit uns” auf dem Koppelschloss in den Krieg zogen und z.B. im Bürgerkrieg des ehemaligen Jugoslawiens für die Kriegsmotivation die katholische Kirche, die serbisch-orthodoxe Kirche und der Islam wichtige Faktoren in der gegenseitigen Feindbild-Eskalation gespielt haben. Hier wäre auch eine Analyse der Militärpfarrer in ihrem “Einsatz” an und hinter der Front unbedingt von Nöten gewesen. 

Zwar findet natürlich die Dimension der Kriegspropaganda an verschiedenen Stellen des Buches ihren thematischen Niederschlag. Bedauerlicherweise fehlt allerdings ein eigenes Kapitel zum thematischen Umfeld “Patriotismus-Kultur”. Hier - nur ein Beispiel - hätte z.B. gezeigt werden können, wie in Deutschland die völkische Gesangskultur der “Bündischen Jugend” ziemlich nahtlos in ein Begleitinstrumentarium für die Feindbild-Eskalation vor dem Ersten Weltkrieg überging. Es wäre sogar nicht abwegig gewesen, die schon lange vor der Erstpublikation dieses Bandes vorliegenden, überaus materialreichen Untersuchungen des deutschen Friedensforschers Dieter Senghaas zum Thema “Krieg und Frieden in der Musik” vorzustellen.

Nur eines der knapp 60 Texte befasst sich unter dem Titel “Nie wieder Krieg” mit Gegenpositionen und Gegenbewegungen zum Militarismus. Auch wenn die Kriegsbefürworter und Kriegshetzer leider 1914 und 1939 und oft auch in Kriegen nach 1945 “gesiegt” haben, wird dieser Text den pazifistischen Bemühungen nicht gerecht, die z.B. in der international tätigen Organisation “Aktion Sühnezeichen - Friedensdienste” mit ihrem so eindrucksvollen Friedensengagement eine bemerkenswerte Reaktion auf die Kriegsgreuel des Zweiten Weltkriegs gefunden haben. 

Trotz dieser einigen wenigen Leerstellen ist der Sammelband von Cabanes ein unverzichtbares Standardwerk für alle, die sich auch unter friedensorientierten Motivationen über das breite Spektrum der Kriegswirklichkeit orientieren wollen. 

 

 

Bruno Cabanes (Hrsg.): Eine Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.  903 Seiten. 2020. Verlag Hamburger Edition. € 39,-

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