Digitale Transparenz

Eine Welt ohne Geheimnis ist keine Welt

15.05.2019 - Thorsten Havener

Stellen Sie sich einmal vor, was wäre, wenn wir in einer Welt leben würden, in der keine Geheimnisse existieren würden, uns nichts Geheimnisvolles umgeben würde? Wenn alles öffentlich wäre und nichts mehr privat, dann, so formulierten es Sven Stillich und Claudia Wüstenhagen in ihrem Zeit-Artikel «Was du nicht weißt …», endet das Menschsein. Eine Ahnung bekommt man davon, wenn man sich ansieht, wie das Privatleben von Schauspielern oder Politikern durch das Vorgehen von Paparazzi bis in jede kleinste Einzelheit enthüllt wird, wenn Einkünfte, Krankheiten, Drogenabstürze und Liebesaffären schillernd und schlagzeilenträchtig über die Medien in die Welt getragen werden. Wenn auf Facebook mit einem einzigen Klick das Innerste nach außen gekehrt wird. Menschlich ist das bestimmt nicht. Oder halten Sie das wirklich für erstrebenswert?

Vielleicht lässt sich an dem folgenden Beispiel demonstrieren, wie eine solche Welt aussehen würde: Das «Panoptikum» ist ein architektonischer Gefängnisentwurf, in dem die Insassen jederzeit beobachtet werden können und keinerlei Rückzugsmöglichkeit haben. Sämtliche Häftlinge werden von einigen wenigen Wärtern lückenlos überwacht. Es ist unmöglich, sich oder etwas zu verbergen. Es herrscht totale Transparenz. Für die Insassen die Hölle. Das Konzept für eine derartige Anstalt stammt von Jeremy Bentham, einem Juristen und Sozialreformer im vorviktorianischen England. In der Mitte des Gebäudes steht ein Beobachtungsturm, von dem aus die Wärter Einblick in die Zellen haben, ohne dass die Insassen dies bemerken. Sie wissen nicht, wann sie überwacht werden und wann nicht, sie haben daher das Gefühl, permanent unter Kontrolle zu stehen.

In die Praxis umgesetzt wurde das Panoptikum später vorwiegend in Ländern mit autoritären Regimen. Dabei war das Modell von Bentham durchaus humanitär gedacht, denn die Zellen waren lichtdurchflutet und die Insassen sollten sogar einen Lohn für ihre Arbeiten erhalten – damals keine Selbstverständlichkeiten. George Orwell griff die Idee des Panoptikums (letztlich geht es hier um den Verlust jeglicher Privatheit) in seinem Roman 1984 auf. Der Staat «Big Brother» überwacht in dieser Utopie sämtliche Räume mit Abhörsystemen und Kameras. Dadurch kann eine mächtige Minderheit  eine unterdrückte Mehrheit disziplinieren. Umso unverständlicher erscheint es mir, dass wir heutzutage freiwillig so viel von uns preisgeben, dass wir ständig auf Facebook, Instagram und Co. posten, was uns gerade durch den Kopf geht. Und zwar alles, ohne Grenzen, ohne zu überdenken, was vielleicht nur privat und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sein könnte.

Durch die sozialen Netzwerke hat sich George Orwells 1949 veröffentlichte Zukunftsvision eines Überwachungsstaates, die er in seinem Roman 1984 als erschreckende Utopie schilderte, inzwischen auf ein beinahe behaglich anmutendes Bild der Vergangenheit reduziert. Menschen werden sogar freiwillig zu Mitspielern in der Fernsehsendung Big Brother und lassen sich rund um die Uhr von den Fernsehkameras und damit den TV-Zuschauern überwachen. In dieser Fernsehsendung sehen wir übrigens das Gegenteil von Orwells Roman. Hier überwacht nämlich eine Mehrheit – der TV-Zuschauer – eine Minderheit, nämlich diejenigen, die sich bereit erklärten, zeitweise in einen mit Kameras ausstaffierten Container zu ziehen.

Wir tragen freiwillig «Wanzen» mit uns her um und geben rund um die Uhr Dinge weltweit kund, die eigentlich «ins Heim» gehören. In den achtziger Jahren ging man noch gegen die Volkszählung protestierend auf die Straße. Die Menschen pochten auf ihr Grundrecht der «informationellen Selbstbestimmung», sie wollten selbst festlegen, was sie von sich preisgeben und was nicht – und dabei ging es einzig um Daten über die Größe der Wohnung, die Strom- und Heizkostenrechnung oder ob man mit Gas oder Öl seine Räume erwärmte. Die Proteste der Volkszählungsgegner hatten Erfolg, denn das Bundesverfassungsgericht untersagte Volkszählungen für die Zukunft. Die Begründung war mehr als einleuchtend: Eine Gesellschaftsordnung, in der der einzelne Bürger nicht mehr wissen könne, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über ihn weiß, sei nicht vereinbar mit dem Recht auf jene informationelle Selbstbestimmung.

Wenn ich heute für fünf Minuten mein Smartphone nutze, gebe ich wahrscheinlich mehr Informationen über mich preis, als meine Eltern bei der Volkszählung in den achtziger Jahren. Menschen zahlen sogar viel Geld für den neuesten Taschenspion. Um beim Einkauf ein paar Cent zu sparen, sammeln wir Payback-Karten und andere digitale Rabattkarten. Wir nutzen diverse Apps, die unsere Daten über unsere Gesundheit oder Ernährungsgewohnheiten sammeln und analysieren, weil es so bequem ist. Dabei verraten wir sehr viel von und über uns. Und wir tun es, ohne groß darüber nachzudenken. Unsere Apps sind uns wichtiger als unsere Geheimnisse. Der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, schreibt hierzu: «Gäbe es Gott als App zum Herunterladen, das Christentum würde wieder populär werden.»

Durch die sozialen Plattformen können wir persönlichste Mitteilungen verfolgen, die ins Netz gestellten Fotos geben uns Einblicke in die Wohn- und sonstigen Zimmer völlig fremder Menschen. Ein paar Klicks, und schon kennen wir den jeweiligen Beziehungsstatus, die Lieblingsbücher, die Lieblingssongs oder sonstige Interessen von Menschen. Wir wissen, was die Kollegin in der Mittagspause gegessen hat, weil das Foto ihres Pasta-Gerichts auf Facebook zu liken war, bevor die betreffende Person Parmesan darauf gehobelt hatte. Unentwegt twittern wir all diese Dinge – macht Donald Trump ja auch. Der italienische Schriftsteller Umberto Eco wusste schon sehr früh, wohin das führen würde. Er sagte einmal in einem Spiegel-Interview, dass die sozialen Medien, in denen jeder ungefragt seine Meinung verkünden kann, eine «Invasion der Idioten» verursache. Schlauer Mann!

Von der lutherschen «Heim»-lichkeit ist in der heutigen Zeit also immer weniger übriggeblieben. Eine wachsende Anzahl von Menschen scheint tatsächlich vergessen zu haben, private Dinge in den eigenen vier Wänden, «im Heim» zu lassen. Im August 2016 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel, der den Titel trug: «Alles muss raus – Diskretion ist aus der Mode gekommen». Die Autorin des Beitrags, Evelyn Roll, zitierte Sätze, die sie auf Facebook gefunden hatte, Sätze wie: «Ich esse keine Rüben mehr, davon muss ich furzen.» Oder: «Ich pinkel zur Strafe jeden Morgen in ihr Waschbecken.» Solche Aussagen sind wirklich kein Erkenntnisgewinn. Roll fand für  diese gnaden- und zum Teil auch rücksichtslose Geheimnislosigkeit treffende Bezeichnungen wie «Alles-muss-raus-Tourette-Virus» oder «Mitteilungsdiarrhö».

Es stimmt, wir sprechen über alles: Welchen Sex wir bevorzugen, ob man diesen oder jenen Typen daten sollte, welcher Veggie Burger am besten schmeckt, wie man das Finanzamt problemlos austrickst, wann die Familie nervt, welcher Arbeitskollege gemobbt wird, ob man die Schamhaare wegrasieren sollte oder nicht. Nichts wird ausgelassen, jedes kleinste Detail wird über soziale Plattformen getragen und in Endlosschleifen ausdiskutiert. Dieses Phänomen ist noch recht neu. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, mich je mit Freunden so freizügig über mein Privatleben ausgetauscht zu haben, und schon gar nicht permanent. Und dass die in der digitalen Welt herumschwirrenden Daten im großen Stil von Internetgiganten gesammelt werden – mit der Konsequenz, dass unsere Privatsphäre beschnitten wird – , interessiert die meisten von uns dabei wenig. Eric Schmidt, einstiger Google-Manager, sagte einmal gegenüber einem Gesprächspartner: «Wenn Sie etwas machen, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendwer erfährt – dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.»

Blieb früher das Geheime geheim, so wird heute nahezu jedes Tabu öffentlich gebrochen. Scheint es dann überhaupt noch sinnvoll zu sein, Geheimnisse zu haben? Der Psychologe Andreas Wismeijer hatte ja her aus gefunden, dass Selbstschutz der entscheidende Grund für Geheimhaltung ist, letztlich der Schutz der eigenen Privatsphäre. Und die wird in digitalen Zeiten, in denen der Mensch permanent gläserner wird, weil er immer mehr von sich preisgibt, wieder wichtig werden. Mag es auch noch ein wenig dauern, aber ich bin überzeugt: Irgendwann wird uns die  eigene Durchschaubarkeit doch zu gespenstisch werden.

Vor Jahren postete ich ein Urlaubsfoto von mir auf Facebook. Auf dem Bild trug ich  eine Sonnenbrille. Innerhalb von Stunden wussten meine Follower, wie meine Frau aussieht und dass ich in  einem Café saß, das an  einem griechischen Hafen lag. Ehefrau, Café und Hafen waren auf dem Foto nicht zu sehen, aber die findigen Fans hatten sie in der Spiegelung meiner Brille erkennen können. Ich, der große Hüter von Geheimnissen, hatte das nicht bedacht. Aufgrund meiner Unachtsamkeit wurden private Details öffentlich, die ich eigentlich im Verborgenen lassen wollte. Ich fühlte mich in diesem Moment tatsächlich ein wenig schutzlos.

Eine Studie der Cambridge University hat ergeben, dass Programme, die das Verhalten von Facebook-Nutzern verfolgen, private Fakten ermitteln können, die nicht im Profil angegeben sind. Darunter Informationen über die sexuelle Orientierung, vergangenen oder aktuellen Drogenkonsum oder ob die Eltern sich getrennt haben, als man noch ein Kind war. Die Wissenschaftler der Studie arbeiteten mit  einem von Microsoft finanzierten Forschungszentrum zusammen und analysierten die Daten von 58.000 Facebook-Usern, die sich bereit erklärt hatten, an der Untersuchung teilzunehmen. Hierbei wurden die Likes der Studienteilnehmer ausgewertet und mit Antworten verglichen, die sie in Fragebögen notiert hatten. Hinsichtlich der Hautfarbe lag man in 95 Prozent der Fälle richtig, hinsichtlich der sexuellen Orientierung zu 88 Prozent, bei der Religion und der politischen Überzeugung zu 80 Prozent. Auch emotionale Probleme konnten die Computerprogramme mit einer Genauigkeit von 62 bis 72 Prozent bestimmen.

Selbstschutz und Schutz der Privatsphäre sind in heutigen Zeiten schwierig geworden. Vieles landet in der Öffentlichkeit, aus Unachtsamkeit, einer Laune her aus und manchmal auch durch Böswilligkeit. Ungefiltert werden politische Meinungen in Kommentaren geäußert oder andere beschimpft. Betrunkene Teenager filmen sich gegenseitig auf Partys und posten die Videos online. Eltern zeigen voller Stolz den Nachwuchs nackt in der Badewanne. Sie wollen ihre Meinung oder ihre Filme oft nur mit der Familie oder dem Freundeskreis teilen – und vergessen dabei, dass sich in den letzten Jahren etwas Entscheidendes geändert hat: Mit einem Mausklick kann das, was gepostet wurde, weltweit Beachtung finden. Zum ersten Mal in der Geschichte liefern wir private Daten freiwillig. Doch war um tun wir das? Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman prägte den Begriff der «Bekenntnisgesellschaft»: Wir füttern soziale Netzwerke, um uns lebendig zu fühlen und unsere Existenz mitzuteilen. Wir wollen wahrgenommen werden. Ich twittere, also bin ich...

 

Das war ein Auszug aus "Sag es keinem weiter: Warum wir Geheimnisse brauchen" von Thorsten Havener, S. 69-75.

 

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