Buchauszug

Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl

01.06.2021 - Werner Milstein

"Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben." (Sophie Scholl)

Sophie Scholl ist eine der Symbolfiguren des Widerstands gegen Hitler. Werner Milstein portraitiert anlässlich des 100. Geburtstags am 9. Mai 2021 das Leben dieser faszinierenden Persönlichkeit und fragt, ob ihr Leben jungen Menschen, die nach Orientierung und Sinn suchen, heutzutage eine Hilfe sein kann. Angereichert mit zahlreichen Quellen, Fotos und Querverweisen ist diese leicht zu lesende Biografie eine Fundgrube für Jugendliche, aber auch historisch interessierte Erwachsene.

Im Folgenden ein Buchauszug:

Für ihren Bruder Hans hatte sie einen wunderbaren Beweis für die Existenz Gottes. Die Menschen benötigen Luft, um zu leben, und mit der Zeit ist sie verbraucht: »Aber, um den Menschen diese Nahrung für ihr Blut nicht ausgehen zu lassen, haucht Gott von Zeit zu Zeit einen Mund voll seines Atems in unsre Welt, und der durchsetzt die ganze verbrauchte Luft und erneuert sie.« Die Schöpfung sei voller Harmonie, aber der Mensch, der eigentlich in Fäden mit ihr verbunden sei, zerstöre sie. Wie oft hat sie sich an der Schönheit der Welt gefreut, aber der Mensch, so bemerkt sie bitter, sei hässlich. »Man sollte gute Augen haben, um alle die wunderlichen Einzelheiten sehen zu können«, schrieb sie ihrem Freund Fritz. Am liebsten würde sie sich auf die Erde legen, um den kleinen Geschöpfen so nahe zu sein und eins von allen zu werden.

Sie las in der ›Theodizee‹ des Philosophen Leibniz wie auch in dem Buch ›Schöpfer und Schöpfung‹ von Theodor Haecker. Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes wühlte sie auf. »Wie kann ich glücklich sein, wenn ich Brüder unglücklich weiß?« Ein Satz aus Bernanos’ ›Landpfarrer‹, den sie gemeinsam gelesen hatten, ging ihr durch den Sinn: »Die ewige Verdammnis ist das Nicht-mehr-lieben-Können.« Sie konnte die Liebe Gottes nicht verstehen. Ihr Suchen und Sehnen endeten immer wieder an dieser Grenze.

Als einzigen Weg sah sie das Gebet, aber ihr zerfielen die Worte. Sie musste um das »Beten können« beten.

Es ist die Bitte, die einer der Jünger an Jesus richtete: »Herr, lehre uns beten.« Er ist der einzige »Mensch, der es fertiggebracht« hat, »ganz gerade den Weg zu Gott zu gehen.« Gegen die Gottesferne helfe »nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.«

In ihrem Ringen mit Gott und ihrer Unruhe begegnete ihr ein Ausspruch des Kirchenvaters Augustin: »Zu dir hin, o Gott, hast du uns erschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.« Sie fand diese Stelle in den ›Bekenntnissen‹ des Theologen, dessen Texte sie jeden Tag stückweise las.

Wenn Sophie Scholl einen Mensch liebte, dann schloss sie ihn in ihr Gebet ein. In ihr Tagebuch schrieb sie: »Ich liebe ihn um Gottes willen, was kann ich Besseres tun, als mit dieser Liebe zu Gott zu gehen?« Auch wenn sie diese Liebe nicht begreifen konnte – und wer kann ehrlicherweise dieses Geheimnis Gottes schon ergründen? –, so bekam sie »Ehrfurcht vor dem Menschen, weil Gott seinetwegen herabgestiegen ist«. Und sie schrieb es für sich, vor allem für sich, weil sie immer wieder über ihre Arroganz, ihren »Hochmut« erschrocken war: »Ja, das soll man immer bedenken, wenn man es mit anderen Menschen zu tun hat, daß Gott ihretwegen Mensch geworden ist.«

»Gib Licht meinen Augen, oder ich entschlaf des Todes, und mein Feind könnte sagen, über den ward ich Herr.« (Psalm 13,4) Dies war der Lieblingsvers der Geschwister und ihrer Freunde, er war Bitte und Zusage zugleich. Sie vertraute darauf, dass in dieser unerlösten Welt am Ende nicht die »Herrschaft der brutalen Gewalt« siegen werde, sondern der Geist. »Ja, wir glauben an den Sieg des Stärkeren, aber der Stärkeren im Geist.«

Im Oktober 1941 wurde deutlich, dass der Plan, die Sowjetunion vor dem Einbruch des Winters zu besiegen, scheiterte. Auf diese Situation war die Wehrmacht nicht vorbereitet. Das Kriegs-Winterhilfswerk sammelte für die Soldaten Wollsachen aller Art. Die Familie Scholl reagierte entschieden: »Wir geben nichts.« Fritz Hartnagel war entsetzt, ihm standen die Kameraden vor Augen. Für Sophie Scholl aber war die Entscheidung eindeutig. Wer gegen das nationalsozialistische System war, musste auch dafür sein, dass dieser Krieg mit einer Niederlage Deutschlands endet.

Werner Milstein: Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl. 208 Seiten, erschienen 22. März 2021, Gütersloher Verlagshaus, € 15,-

Werner Milstein, geb. 1955, Studium der Theologie und Philosophie in Münster und Göttingen, er war Gemeindepfarrer in Ostwestfalen, danach im Verlagswesen in Hamburg tätig. Zurzeit ist er Religionslehrer am Berufskolleg in Olsberg/Sauerland.

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