Erziehung

Eltern sind keine Hubschrauber

01.05.2015 - Anke Fienbork

Es vergeht kaum ein Monat, in dem in den Medien nicht das Thema Helikopter-Eltern aufgegriffen wird. Dort werden Eltern beschrieben, die ihr Kind durch übertriebene Fürsorge zu unselbständigen Narzissten erziehen, die ohne Mitgefühl und Wertevorstellungen ihre Umwelt tyrannisieren. Dieser Erziehungsstil hätte angeblich sogar weit schlimmere Folgen, als eine Vernachlässigung des Kindes.

Das Fatale daran ist, dass man, egal was man tut, oftmals selbst als ein Helikopter-Elternteil dargestellt werden kann. So hat jeder die Möglichkeit den anderen der Überfürsorge zu bezichtigen und sich selbst davon zu distanzieren. Das Resultat ist, dass Eltern es per se eigentlich nur noch falsch machen können. Nehmen wir das Beispiel Ernährung. Einerseits werden die Eltern belächelt, die jede Nahrung, die ihre Kinder erhalten, auf ihre biologisch-dynamische Herkunft überprüfen. Andererseits gelten auch solche Eltern als erzieherische Versager, die es nicht schaffen, ihrem Kind die Grenze zu setzen, dass es nicht mehr als ein Eis am Tag essen darf. Jedes Eis darüber hinaus wäre eine Verwöhnung des Kindes. An einem heißen Sommertag bräuchte man dann tatsächlich einen Hubschrauber, um genau zu kontrollieren, ob das Kind nicht verbotenerweise doch noch ein zweites Eis beim Nachbarskind zu sich nimmt.

 

Eltern wird vorgeworfen, dass sie ihrem Nachwuchs nichts mehr zutrauen. Leider machen die Pädagogen, Psychologen und Therapeuten den gleichen Fehler bei den Eltern, die sie kritisieren. Sie trauen den Eltern auch nichts mehr zu. Wenn Kinder, denen man nichts zutraut, zu unselbständigen Erwachsenen werden, wie kann man dann erwarten, dass Eltern, denen nichts mehr zugetraut wird, sich zu verantwortungsvollen und selbstbewussten Erziehenden entwickeln? Lasst die Eltern genau wie ihre Kinder Fehler machen. Vor allem sind Eltern nicht in allen Bereichen gleich übervorsichtig. Vielleicht machen sie sich in dem einen Bereich größere Sorgen, aufgrund eigener Erfahrungen, während sie in anderen Bereichen die Dinge entspannter sehen. Genauso wie ein Kind nicht in allen Bereichen gleich selbstbewusst und selbständig sein kann. Die Frage ist, warum man solche Erziehungsratgeber überhaupt lesen sollte, wenn man die Ziele ohne das Lesen des Buches besser erreichen kann. Man sollte sein Kind mit dem eigenen Kopf, Herz und Bauchgefühl erziehen.

 

Eltern haben heutzutage einen anderen Umgang mit der Schule ihrer Kinder als früher. Kamen damals die Eltern selten in die Schule, werden die Lehrer mittlerweile sehr häufig von Eltern aufgesucht. Einerseits ist ein gegenseitiger Austausch auch von Seiten der Lehrer erwünscht und in den meisten Fällen auch erfolgreich. Andererseits ist die Schulleistung der Kinder heutzutage nicht mehr so transparent für die Eltern wie früher. Die hohe Erwartungshaltung der Eltern zur Schullaufbahn ihres Kindes wird stark kritisiert. Diese steht aber im Gegensatz dazu, dass die Eltern ihrem Nachwuchs angeblich nichts mehr zutrauen. Denn wenn man sich wünscht, dass das Kind das Abitur macht, dann traut man ihm doch eine Menge zu. Im Gegenzug dazu wird sich über Eltern lustig gemacht, die es für ihre Kinder erst einmal etwas ruhiger angehen lassen wollen, indem sie auf einer Waldorfschule erst einmal lernen sollen, ihren Namen zu tanzen.

 

Den überbehütenden und alles kontrollierenden Eltern wird vorgeworfen, alles für ihr Kind zu tun - von Therapien über Klavierunterricht bis zur Nachhilfe - damit es mit der Schullaufbahn und der späteren Karriere des Kindes klappt. Für Eltern wird es immer schwerer sich vorgeschlagenen Therapien für die Kinder zu entziehen. Die Pädagogen sind angewiesen, die gesamte Entwicklung der Kinder zu überwachen und zu dokumentieren. Man muss schon eine starke Persönlichkeit haben, wenn man von den Erziehern angesprochen wird, dass das eigene Kind sich einer logopädischen Therapie unterziehen müsse, um dann mit den Worten zu reagieren, dass man doch lieber erst einmal abwarten möchte, das könne sich schließlich auch von alleine wieder geben. Eltern werden auch niemals in der Lage sein, an Stelle ihres Kindes die Abiturprüfung abzulegen. Allein das Kind wird durch seine schriftlichen Arbeiten in der Schule und die dortigen mündlichen Leistungen für seine schulische Laufbahn verantwortlich sein. Die Eltern können es höchstens unterstützen. Wenn wir es in Migrantenfamilien richtig finden, dass die Eltern ihre Kinder in der Schule unterstützen, weil sie wollen, dass es die Kinder später einmal besser haben als sie selbst, warum können wir diese Einstellung nicht in jeder Familie gutheißen?

 

Selbstverständlich wird es für Kinder schwierig, sich selbstbewusst und selbstständig zu entwickeln, wenn einerseits eine hohe Erwartungshaltung der Eltern besteht, aber andererseits keine Zeit vorhanden ist und leider auch kein Interesse der Eltern besteht. Es genügt nicht, Kindern Wertvorstellungen als auswendig gelernte und starre Verhaltensweisen zu präsentieren. Diese Werte werden erst durch vorgelebtes Handeln lebendig. Einige Eltern hetzen sich ab, um den Nachwuchs gleich nach der Ganztagsschule zum Klavierunterricht zu bringen. Damit handeln sie aber genau so, wie es vom Staat gewünscht wird, da er ja schließlich den Ausbau von Ganztagsschulen massiv vorantreibt, damit Kinder bis zum Nachmittag unter staatlicher Aufsicht verbleiben. Der Klavierunterricht ist auch nicht immer von den Eltern erzwungen, sondern oft von dem Kind gewollt und bereichert das Leben des Kindes und der gesamten Familie. Das Problem ist, das alles miteinander zu vereinbaren und zusätzlich noch ein Familienleben führen zu können, in dem Zeit vorhanden ist, miteinander zu leben und außerdem dem Kind die Möglichkeit zu geben, alleine die Welt zu erkunden.

 

In der Tat gibt es Eltern, die wegen jeder Kleinigkeit den Lehrer anrufen. Ist es die angeblich gelangweilte Hausfrau, die nichts Besseres zu tun hat oder ist es die vermeintlich gestresste, berufstätige Mutter, die die Sorge umtreibt, nicht das Beste für ihr Kind herausholen zu können? Oder gab es schon immer merkwürdige Eltern? Für die Selbständigkeit der Kinder ist es auch nicht von Vorteil, wenn man als Eltern vorschreibt, mit welchen Freunden sich das Kind zu treffen hat. Diese Erfahrung muss man dem Kind schon selbst überlassen. Aber warum muss man so viele Eltern in einen Topf werfen, diesen Topf mit dem Etikett „Helikopter-Eltern“ versehen und damit meinen ihnen zu helfen? Denn eigentlich wollen Erziehungsratgeber dies ja leisten.

 

Ein weiteres Beispiel zeigt die Widersprüchlichkeit der Definition der überfürsorglichen Helikopter-Eltern noch einmal: In vielen Schulen lernen die Kinder zuerst nach Gehör zu schreiben. Um ihnen die Kreativität beim Schreiben nicht zu nehmen und um sie nicht zu demotivieren, müssen sie so schreiben, wie sie es hören. Die Eltern sollen zu Hause die Rechtschreibfehler der Kinder nicht verbessern. Man könnte dieses Verbot schon als Zumutung empfinden, immerhin sollten Eltern doch wohl selbst bestimmen dürfen, ob sie diese Fehler verbessern wollen oder nicht, da dieses Verfahren oft dazu führt, dass die Rechtschreibung der Schüler fehlerhaft bleibt. Als Eltern sitzt man ja dann schon wieder ziemlich in der Zwickmühle. Widersetzt man sich dem Verbot der Schule, kommt bestimmt der Verdacht auf, ein kontrollierendes Helikopter-Elternteil zu sein, dem der Erfolg und das Weiterkommen des Kindes das Wichtigste auf der Welt ist. Allerdings sitzen auch die Befürworter dieser Lernmethode in der Helikopter-Falle. In den Erziehungsratgebern wird nämlich darüber geklagt, dass die übervorsichtigen Eltern ihre Kinder keine Fehler machen lassen - aus Angst sie zu demotivieren und aus Sorge, dass sie mit einer Niederlage nicht zurecht kommen könnten. Dieses trifft schließlich auch auf die Befürworter dieser Lernmethode zu. Die Eltern, die ihre Kinder beim Erlernen der Rechtschreibung unterstützen, haben kein Problem ihre Kinder auf Fehler hinzuweisen.

 

In erster Linie sind Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich. Genau wie ihre Kinder lernen auch die Eltern aus ihren Fehlern, wenn man sie denn lässt. Das Wichtigste ist, dass die Eltern eine emotionale Bindung und Beziehung zu ihrem Kind haben. Dann regelt sich vieles von allein und wenn es sich geliebt fühlt, ist ein Kind auch besser in der Lage, mit Niederlagen fertig zu werden.

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