Buchauszug

Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor

15.01.2019 - Alper Soytürk

In den folgenden Textabschnitten handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor" von Alper Soytürk, erschienen im Dezember 2018.

»Du willst deine Freunde besser kennenlernen? Dann mach einen Fehler.«Berat (25) aus Reinickendorf

Ferhat rieb sich verschlafen die Augen und griff reflexartig zu seinem Smartphone. Er sah, dass die digitale Anzeige auf dem Display 01:53 Uhr zeigte. Als er bemerkte, dass nicht die Display-Beleuchtung ihn blendete, sondern der Vollmond, der ihm ins Gesicht schien, legte er das Smartphone beiseite. Irgendwann in den kommenden Tagen, dachte er, würde er eine Gardine anbringen. Er horchte etwas auf, als er meinte, ein Geräusch vor seiner Haustür vernommen zu haben. Er machte jedoch keine Anstalten, seine warme Bettdecke beiseitezuschieben,  und  legte  seinen  Kopf  wieder  auf  das Kissen. Das war bestimmt die Katze vom Nachbarn,  die  gerne  frei  im  Hausflur  herumlief  und  gelegentlich an seiner Tür kratzte. Er stellte ihr immer eine Schale Wasser und einen kleinen Fressnapf vor die Tür. Gerade als er wieder seine Augen geschlossen hatte und in den Schlaf versinken wollte, konnte er  das  Geräusch  vor  seiner  Haustür  jetzt  laut  und  deutlich hören. Es kratzte an der Tür. Er hatte doch erst gerade heute Nachmittag frisches Wasser und einen vollen Napf hingelegt. Verfressene Katze, dachte Ferhat verärgert und zog widerwillig  die  Bettdecke  beiseite.  Als  er  aufstand  und barfüßig in den Flur schlich, hörte er ein leises Winseln. So ein Geräusch hatte er noch nie gehört, das konnte unmöglich die Katze des Nachbarn sein.

»Cemal?«,  sprach  er  kaum  vernehmbar  zu  sich selbst. Er schaute durch den Türspion, und diesmal schrie er den Namen so laut, dass es im gesamten Treppenflur hallte. »Cemal!« Anschließend riss er die Tür auf und sah, wie sein Freund  Cemal  auf  dem  Boden  saß  und  sich  gegen den Türrahmen lehnte. Ferhat lief ziellos im Treppenflur hin und her. Erst beugte  er  sich  zu  seinem  Freund  hinunter,  dann  versuchte  er  in  seine  Hosentasche  zu  greifen,  bis  er  merkte, dass er überhaupt keine Hose anhatte. »Bleib  ganz  ruhig,  Cemal«,  redete  Ferhat  auf  ihn  ein  und  beunruhigte  sich  selbst  am  meisten  damit.  Erst  gab  er  Cemal  einige  Klapse  ins  Gesicht,  dann  sich  selbst,  um  sich  zu  vergewissern,  dass  das  kein  Alptraum  war.  Noch  vor  einer  Minute  lag  ich  im Tiefschlaf,  dachte  er  sich,  als  er  sich  zu  Cemal  hinunterbeugte.  Ferhat  fühlte  nach  seinem  Puls  und  bemerkte dabei, dass Cemal ein Klappmesser in der Hand  hielt,  dessen  Klinge  bis  zur  Mitte  mit  Blut verschmiert  war.  Ferhat  versuchte  das  Messer  aus  Cemals Hand zu lösen, doch dieser hielt verkrampft daran fest.

»Cemal, mein Lieber. Hier bist du in Sicherheit«, versuchte  Ferhat  auf  ihn  einzureden,  weil  er  bemerkte,  wie  Cemals  rechtes  Auge  flatterte,  und  er befürchtete,  dass  Cemal  wegtreten  könnte.  Doch Ferhat  begriff  schnell,  was  der  Grund  für  Cemals  verkrampften  Griff  war.  Dieser  hatte  tiefe Schnittverletzungen  in  der  anderen  Hand,  die  er  erfolglos versuchte, hinter seinem Rücken versteckt zu halten. Ferhat konnte sich daraus keinen Reim machen.

»O Gott! Was hast du da? Was ist passiert?«


Plötzlich  nahm  Ferhat  einen  starken  metallischen Geruch  wahr.  Gleichzeitig  roch  es  irgendwie  säuerlich,  aber  auch  scharf  nach  billigem  Wodka.  In diesem  Moment  bemerkte  er,  dass  Cemal  zu  reden versuchte. »Ferhat  ...  Es  gab  Streit  ...  isch  hab’  ...  meinen Vater  ...  isch  hab’  ihn  verletzt  ...,  stammelte  er mühsam. Ferhat  erschrak,  als  er  bemerkte,  dass  Cemals Hemd zerrissen und mit Blut überströmt war. Doch als er auch noch feststellen musste, dass Cemal während des Sprechens rötlicher Speichel aus dem Mund floss  und  ihm  über  das  Kinn  lief,  rannte  Ferhat  in Panik  zurück  in  seine  Wohnung.  Hastig  wählte  er  die 112. »Kommen  Sie  bitte  schnell  in  die  Adalbertstraße  90! Ich glaube, mein Freund hat schwere Verletzungen.«

»Ich werde schweigen, aber ich werde nicht vergessen.«Seher (34) aus Tempelhof

Ferhat  stand  vor  dem  Fenster  und  schaute  noch einmal  hinter  sich,  wo  Cemal  im  Krankenbett lag.  Vom Fenster des Krankenzimmers konnte er direkt in den Landwehrkanal blicken. Er konnte aber auch sehen, wie sein Gesicht am Fenster gespiegelt wurde und  fand,  dass  er  müde  und  angestrengt  aussah. Obwohl  er  eine  bräunliche  Haut  hatte,  merkte  er, wie blass er wirkte und wie sich das kleine schwarze Muttermal  auf  seiner  rechten  Wange  stark  von  der hellen  Haut  abhob.  Er  strich  mit  der  Hand  durch seine  dichten,  schwarzen,  leicht  gelockten  Haare und fand, dass er für seine 22 Jahre zu ernst aussah. Er hasste  an  sich,  seine  Unbekümmertheit,  die  er vor  fünf  Jahren  aus  der  Türkei  mitgebracht  hatte, im Laufe der Zeit verloren zu haben. Er hörte zwar immer wieder Komplimente seiner Mitschülerinnen wegen seiner schlanken Figur, seiner großen Körpergröße und den großen schwarzen Augen, doch er machte  sich  mehr  Sorgen  um  seine  Psyche,  die,  wenn man sie verbildlichen könnte, um vierzig Jahre älter  wirken würde  als  sein  müdes,  nachdenkliches  Gesicht,  das  sich  am  Fenster spiegelte.  Es konnte nicht  an  seinem  Aussehen  liegen,  dass  viele  seiner Mitschüler  ihn  reifer  einschätzten,  als  er  eigentlich alt  war.  Es  war  eher  seine  für  viele  zu  reife  Art, jedem  in  allen  Belangen  helfen  zu  wollen,  wie beispielsweise  seine  übertriebene  Hilfsbereitschaft. Wenn die Schüler in der Schulpause zum Bäcker auf der gegenüberliegenden  Straßenseite  rannten und er eine alte Oma sah, wie sie die Straße überqueren wollte,  dann  zog  er  es  vor,  ihr  die  Einkaufstüten abzunehmen und sie bis vor ihre Haustür zu tragen. Wenn  jemand  in  Mathe  wieder  nichts  verstanden hatte  und  er  nach  der  Stunde  versuchte,  dieser Person   die   mathematische   Gleichung   mit   solch  einer  Geduld  zu  erklären,  dass  seinem  Gegenüber irgendwann  der  Geduldsfaden  riss  und  es  einfach die Klasse verließ mit der Bemerkung, dass man sich einen Ausfall in der Klausur ja leisten könne. Wenn er auf der Arbeit in einem türkischen Hochzeitssaal die weiblichen Mitarbeiterinnen aufforderte, früher nach Hause zu gehen, da es spät geworden sei, und er  sich  dafür  bereitstellte,  den  dreckigen  Saal  nach  der  Hochzeitsfeier  weiterzuputzen,  als  den  jungen  Frauen  zuzumuten,  um  drei  Uhr  morgens  noch den Heimweg antreten zu müssen. Er war in Elazığ aufgewachsen, in einem kleinen Dorf, und so hatte er  es  immer  von  seinen  Eltern  und  Verwandten gelernt,  nämlich  stets  selbstlos  zu  sein.  Mit  dieser  Einstellung war er in Berlin in den letzten fünf Jahren an seine Grenzen geraten. Er würde jetzt am liebsten zu  Cemals  Vater  gehen.  Cemal  hatte  etwas  davon gesagt, dass er seinen Vater verletzt habe, bevor er in Ohnmacht  fiel.  Ferhat  ging  davon  aus,  dass  Cemal diese Verletzungen von seinem Vater haben musste.


War  es  Notwehr,  war  es  ein  Angriff?  Er  vermochte diese  Frage  nicht  zu  beantworten.  Plötzlich  hörte  er,  wie  die  Tür  hinter  ihm  aufging.  Er  drehte  sich um und sah, dass eine Krankenschwester an Cemals Bett  getreten  war,  um  dessen  Vitalfunktionen  auf den   Gerätschaften,   an   denen   er   angeschlossen   war,  zu  kontrollieren.  Sie  begrüßte  Ferhat,  und  er erkundigte  sich  bei  ihr  nach  Cemals  Verletzungen.  Ferhat   hörte   der   Krankenschwester   zu,   die   ein  Klemmbrett  in  ihren  Händen  hielt  und  auf  ihm  ablas,  welche  Verletzungen  Cemal  davongetragen hatte.  Neben  irgendwelchen  lateinischen  Begriffen,  die  ihm  überhaupt  nichts  sagten,  verstand  er  nur einzelne  Wortfetzen,  mit  denen  er  etwas  anfangen  konnte. Sie sprach die zahlreichen Fachbegriffe mit einer  derartigen  Routine  aus,  dass  Ferhat  irritiert war. Die  Uhr  zeigte  fünf  nach  vier.  Ihr  helles, glänzendes  Gesicht  zeigte  keinerlei  Anzeichen  einer  Übermüdung oder Überlastung. Ihre blauen Augen, die  ihn  an  den  Meeresgrund  erinnerten,  blickten  erst  aufmerksam  auf  die  Patientenakte,  um  dann mit  großer  Eindringlichkeit  auf  Ferhats  Gesicht  zu  verharren.  Ferhat  deutete  dies  als  Ermahnung,  ihr mehr  Aufmerksamkeit  zu  schenken,  da  er  immer  wieder  den  Augenkontakt  mit  ihr  mied.  So  gehört es  sich,  dachte  er.  Er  dachte,  dass  seine  Blicke sie verlegen machen könnten. So kannte er das aus der Türkei,  aus  seiner  Heimatstadt  Elazığ.  So  bin  ich  eben aufgewachsen, schoss es ihm durch den Kopf. Ihre  kastanienbraunen  Haare  leuchteten  im  grellen Licht  des  Krankenzimmers.  So  jung  und  doch  so routiniert. Wie alt konnte sie sein? Vielleicht Anfang zwanzig?

»...  und  einen  tiefen  Schnitt  knapp  neben  der  Pulsader.  Einen  Zentimeter  daneben,  und  er  wäre  wahrscheinlich   verblutet.   Ich   werde   ihm   jetzt   in   die   isotonische   Kochsalzlösung   einen   kleine   Dosis  Schmerzmittel  spritzen,  damit  er  die  Nacht weitestgehend  schmerzfrei  durchschlafen  kann.  Er  braucht  dringend  Schlaf  und  Erholung.  Sie  sollten wissen  ...«,  wollte  sie  noch  ausführen,  doch  Ferhat  fiel ihr ins Wort.

 Bildergebnis für Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor

Alper Soytürk: Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor, Dezember 2018, 12.99 Euro.

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