Reflexion

Erin­ne­run­gen eines alten weis(s)en Man­nes

15.06.2019 - Helmut Zilliken

Damals wuschen wir Baby­win­deln, weil es kei­ne Ein­weg­win­deln gab. Wir trock­ne­ten die Wäsche nicht in einem strom­fres­sen­den Trock­ner, son­dern im Wind auf der Wäsche­lei­ne.

Die Klei­dung der Kin­der ging stets an die jün­ge­ren Geschwi­ster, denn neue Kin­der­klei­dung konn­ten wir uns nicht lei­sten. Schu­he hat­ten wir nur ein Paar.

Im Haus hat­ten wir ein ein­zi­ges Radio und spä­ter einen klei­nen Fern­se­her mit einem Bild­schirm in DIN4 Grö­ße. In der Küche gab es kei­ne elek­tri­schen Maschi­nen, son­dern Brot­mes­ser und Schnee­be­sen.

Als Pol­ster­ma­te­ri­al für Päck­chen oder Pake­te benutz­ten wir alte Zei­tun­gen, kein Sty­ro­por oder Pla­stik. Der Rasen­mä­her wur­de mit der Hand gescho­ben, er mach­te kei­nen Krach und stank nicht.

Fit­ness­trai­ning fand im Gar­ten oder beim Jog­gen statt. Des­halb benö­tig­ten wir kei­ne elek­tri­schen Lauf­bän­der.

Das Was­ser tran­ken wir aus der Lei­tung, ohne Pla­stik­fla­schen. Der Fül­ler wur­de wie­der mit Tin­te gefüllt. Einen neu­en zu kau­fen war zu teu­er. Damals fuh­ren die Kin­der mit dem Bus, der Stra­ßen­bahn, dem Fahr­rad oder gin­gen zu Fuß zur Schu­le. Einen 24stüngigen Mama­ta­xi­ser­vice mit einem 50.000€ teu­ren SUV der Mut­ter gab es nicht.

Lie­be Her­an­wach­sen­de und sol­che, die es noch wer­den wol­len: Es ist trau­rig, wenn Ihr Euch dar­über beklagt wie ver­schwen­de­risch wir Alten gelebt haben, weil wir kei­nen Umwelt­schutz kann­ten?

Glaubt Ihr, wir benö­ti­gen Beleh­rung. Von einer Genera­ti­on, in der Kas­sie­re­rin­nen ihre Kas­se befra­gen, damit das Wech­sel­geld stimmt.

Glaubt Ihr, wir wären blind gewe­sen. Wir sahen den ver­schmutz­ten Rhein, in dem man ana­lo­ge Fil­me ent­wickeln konn­te und haben die Was­serrein­heit wie­der­her­ge­stellt. Indu­strie­ab­fäl­le im Was­ser wur­den ver­bo­ten. Heu­te kann man wie­der im Rhein baden und Fische sind auch wie­der da.

Glaubt Ihr denn, wir wären blind gewe­sen. Den sau­ren Regen gibt es nicht mehr. Die Autos beka­men einen Kat und die Indu­strie Fil­ter­an­la­gen. Sau­rer Regen ist über­haupt kein The­ma mehr.

Glaubt Ihr denn, wir wären taub gewe­sen. Wenn die Düsen­jets das Geschirr im Schrank zum Klir­ren brach­ten, haben wir neue Trieb­wer­ke erfun­den, die nur noch sum­men.

Glaubt Ihr denn, unse­re Nasen hät­ten ver­sagt. Der Indu­strie­staub im Ruhr­ge­biet wur­de mit Fil­ter­an­la­gen ein­ge­dämmt. Jetzt ist das Ruhr­ge­biet eines der grün­sten Gebie­te in Deutsch­land.

Glaubt Ihr denn, wir hät­ten Angst gehabt. Beim Grenz­über­gang nach Hol­land haben wir brav unse­ren Per­so­nal­aus­weis vor­ge­zeigt und nicht geschmug­gelt. Danach gings an die Nord­see – baden.

Glaubt Ihr denn, wir waren dumm. Wir haben flei­ßig gelernt und das Abitur gemacht und sind nicht am Frei­tag zur Kli­ma­de­mo gelau­fen und haben geschwänzt.

Glaubt Ihr denn, wir waren faul. Wir und unse­re Groß­el­tern haben das zer­stör­te Deutsch­land wie­der­auf­ge­baut. Haben geschuf­tet, Wohl­stand geschaf­fen und ein lie­bens­wer­tes Land wie­der auf die Bei­ne gestellt.

Dann, ja erst dann, haben wir für Luxus gesorgt. Weil wir es uns ver­dient haben. Weil wir ange­packt haben und uns nicht über schwe­re Mathe­klau­su­ren beschwert haben.

Wir sind in Bonn in den Hof­gar­ten gelau­fen und haben für Frie­den und Abrü­stung demon­striert. Wir waren Atom­kraft­geg­ner und durch­aus umwelt­be­wußt. Wir wuß­ten unse­re Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen und die­se zu kor­ri­gie­ren.

Wir hat­ten kei­ne Angst vor Mes­ser­ste­chern und Ver­ge­wal­ti­gern, die unse­re Gast­freund­schaft miß­ach­te­ten. Mes­ser­ste­che­rei­en gabs im Rot­licht­mi­lieu. Heu­te über­all – weil Ihr die Will­kom­mens­kul­tur hofiert.

Wisst Ihr eigent­lich, was wir alles über­lebt haben und Ihr des­halb auch gebo­ren wur­det. Das Wald­ster­ben, BSE und Kli­ma­schwan­kun­gen. Lak­to­se­into­le­ranz und Vega­nis­mus waren gänz­lich unbe­kannt. Vie­le von uns sind über 80 Jah­re alt gewor­den. Und wir stre­ben das auch wei­ter­hin an, weil wir noch eine Zukunft mit Euch gemein­sam haben wol­len.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen