Gesellschaft

Erkenne deinen Rassismus

01.07.2020 - Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

Schon während meiner Haupt- und Realschulzeit habe ich meinen Lehrern stets gesagt, dass ich Arzt werden möchte. In beiden Schulen gab es einen Besuch im Berufsinformationszentrum (BiZ in Hachenburg und Montabaur). Obwohl ich alle Fragen dieser „wunderbaren Beratung“ im Hinblick auf meinen Berufswunsch Arzt beantwortete, z.B. dass ich gerne mit Menschen arbeite, ihnen helfe usw., haben mir die Berufsberater aus damals unerklärlichen Gründen die Empfehlung für Schlosser und Dachdecker gegeben. Ungefähr hatten beide Recht, ich bin Neurochirurg geworden.

Während meines Studiums der Humanmedizin in Graz lehrte mich der alte weiße Mann in Gestalt von ergrauten Professoren in vielen unterschiedlichen Kursen die evolutionsbiologischen Vorteile der Europäer gegenüber anderen Ethnien und vertrat die Lehren von Haeckel. Zum Kotzen war es. Widerspruch in der streng hierarchischen Denkweise dieser eitlen Elite kam so gut wie nie von jemandem, der diese Vorteile bereits besaß und überlegen war.

Mein Interview im Sekretariat eines hohen Angestellten in der Fraport AG scheiterte, nachdem mir nur positive Rückmeldung zuteil wurde, letzten Endes an fehlenden Sprachkenntnissen der deutschen Sprache. Diese Nachricht wurde mir von dem Jobvermittler überreicht, der diese selbst nicht verstand. Ich erklärte ihm damals, woran das wohl lag. Sein Erstaunen ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben, die vielen anderen Jobabsagen nicht. Zur Info: Meine Sprachkenntnisse waren damals fast genauso schlecht wie heute, nur das Wort Resilienz kannte ich damals nicht. Ich lebte das Wort nur aus.

Zweimal wurde ich von der Bundeswehr für eine hohe Beamtenposition abgelehnt. Einmal weil mein Lebenslauf einige Lücken aufwies, über die man mich ruhig hätte fragen können, dies jedoch einfach sein ließ. Und das zweite Mal ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Sowie die ganze Bewerbungsprozedur mir ein Rätsel ist. Hier eine kurze Zusammenfassung:

Ich bewerbe mich und vergesse in der Zwischenzeit, dass ich mich beworben habe, da die erste Antwort nach über zwei Monaten eintrifft, dass ich generell als Bewerber akzeptiert wurde. Irgendwann werde ich nach mehreren Telefonaten und E-Mails zum Assessment-Center nach Köln geschickt, absolviere dieses erfolgreich, fahre wieder zurück nach Hause und entspanne. Weitere Formalitäten werden abgeklärt, Monate vergehen. Nun werde ich für das Bewerbungsgespräch in der Neurochirurgie Koblenz eingeladen, bekomme aber keinen Termin, weil der Chefarzt (welche Koryphäe er auch sein mag, ich habe seinen Namen vergessen) nicht da ist, keiner weiß, wann er kommt, ob er krank ist oder im Urlaub ist, das sei so nicht ganz klar. Also schreibe ich eine E-Mail zurück an die Bundeswehrzentrale für solche glorreichen Bewerbungsprozeduren.

Eine Antwort kam überraschenderweise prompt: Der leitende Oberarzt wird das Gespräch mit mir durchführen, was er dann auch tut. Ein netter Kamerad, bietet mir Kaffee an, kennt sich aber mit dem Kaffeeautomaten nicht aus. Er sagt mir mehrfach, dass er zwar das Gespräch führe, aber nicht entscheiden könne. Der „Chef“ wird entscheiden, welcher seine Zeit eigentlich nicht mit mir verschwenden wollte und an sich untergetaucht war. Der „Chef“ habe aber den leitenden Arzt angerufen und instruiert, was er fragen solle und stehe mit ihm generell über WhatsApp in Kontakt. Nun gut. Die Strukturen in solchen Institutionen sind traditionell jenseits des normalen Menschenverstands. Als ob mich damals wirklich gejuckt hätte, was die Herrschaften mit mir vorhaben. Ich spielte das Spiel mit dem größten Arbeitgeber des Landes mit, der geradezu prahlerisch für seine Transparenz und gesellschaftliche Repräsentation wirbt.

Die Quintessenz dieses Bewerbungsgespräches war nun, dass der leitende Oberarzt mich einstellen würde, er aber leider nicht entscheiden könne. Entscheiden könne lediglich der „Chef“, der aber in geheimer Mission unterwegs war, (und mich aber bereits abgelehnt hatte).

Nach diesem Bewerbungsgespräch rufe ich selbst nach einer dreiwöchigen Pause an, bekomme telefonisch eine Absage vom leitenden Oberarzt, der mich immer noch einstellen wollen würde, es aber nicht dürfte, weil der „Chef“ einen anderen ausgewählt hätte. Trotz der Absage werde ich von der Bundeswehrzentrale für solche glorreichen Bewerbungsprozeduren weiter beschäftigt. Weitere Korrespondenz, weitere Telefonate und ein Gesundheitstest werden durchgeführt mit darauffolgendem langen Schweigen. Irgendwann nach über acht Monaten kommt die schriftliche Absage zur Kenntnisnahme. Nichts, absolut nichts ist hier transparent.

Dieses Beispiel zeigt, dass Rassismus während der Jobsuche überhaupt nicht nachgewiesen werden kann; er kann aber auch nicht widerlegt werden. Dieser Rassismus kann ebenfalls auf dem Wohnungsmarkt nicht nachgewiesen werden. Warum habe ich in Dortmund lange vor dem Wohnungsmangel über drei Monate lang eine Wohnung gesucht und nur Absagen erhalten? Die einzigen Wohnungen, die mir offenstanden, befanden sich in Nordstadt, einem Stadtteil mit negativem Ruf und hohem Ausländeranteil. Die Vermieter sorgen doch dafür, dass überwiegend Nicht-Weiße dort landen?

Die Resilienz ist ein Wort, welches auch die Bundeswehr in ihrem Weißbuch mehrfach erwähnte. Es ist eine Lebensweise aller nicht-weißen Deutschen oder Nicht-Deutschen in Deutschland. Was in Deutschland unter dem Radar mit den Nicht-Weißen geschieht, können sensible Menschen oft nicht ertragen und die meisten Weißen nicht mal sehen oder erkennen. Ständige Absagen, vorhandene Ablehnung, tägliche Belehrungen von irgendwelchen Weißen führen zum inneren Konflikt, ob der Fehler bei einem Selbst liegt. Bin ich gut genug? Tauge ich überhaupt für etwas? Bin ich für diesen Job geeignet? Bekomme ich die Wohnung überhaupt? War die Bundeswehr rassistisch oder bin ich einfach zu schlecht? Sind hier überhaupt rassistische Menschen vorhanden, oder liegt der Fehler ganz klar bei mir? Bin ich es nicht wert?

Viele meiner Beiträge befassen sich mit gesellschaftlichem Rassismus. Viele könnten meinen, ich nehme es wohl doch zu persönlich oder übertreibe, bin wohl ein Sensibelchen? Nein, mit Sensibilität habe ich wenig zu tun, sonst wäre ich kein Neurochirurg. Aber so schlimm kann es doch nicht in Deutschland sein, denn schließlich bin ich doch in eine hohe Position gelangt auf dem Weg zum Chefarzt, könnten andere meinen. Aber vielleicht bin ich nur resilient wie viele andere auch, was nur heißt, dass ich in einer hohen Position bin, obwohl ich in Deutschland bin und nicht, weil ich in Deutschland bin.

Auch bei diesem Beitrag habe ich lange überlegt, ob ich von einigen dieser „Kleinigkeiten“ im Vergleich zu alltäglichen Schikanen anderer nicht-weißer Mitbürger berichten sollte. Viele berichten von ihren Erfahrungen auch deswegen nicht, weil sie ihre negativen Erfahrungen im Vergleich zu Hetzjagden mit körperlichen Verletzungen für zu „nichtig“ halten. Unter anderem ist aus diesem Grund vielen privilegierten Nachbarn nicht mal klar, wie diskriminierend und rassistisch sie sich benehmen, weil niemand mit ihnen darüber spricht. Auch ich habe hier nicht von meinen alltäglichen Erfahrungen berichtet, sondern von großen Namen und Institutionen, wo es noch viel zu tun gibt: Fraport AG, Bundeswehr, Arbeitsagentur, Universitäten usw.

Was die vielen kleinen Unternehmen, die nicht mal im Rampenlicht stehen, mit nicht-weißen Mitbürgern heimlich machen könnten, sei erst mal nur am Rande erwähnt. Es ist ein Problem der Gesellschaftsmitte, nicht nur der Randgruppen. Eine Telefonhotline, eine Beschwerdestelle ohne weitere Konsequenzen hilft niemandem. Auch wenn das Wort „Rasse“ aus dem Grundgesetz verschwindet, ist niemandem geholfen. Eine Anzeige wegen rassistischer Beleidigung mit mehr Aufwand für die Opfer als für die Täter bringt uns auch nicht weiter. Die meisten Anzeigen werden nach einigen Monaten sowieso eingestellt. Es wird wirklich ein großer Fortschritt sein, wenn diese Gesellschaftsmitte ihren diskriminierenden Rassismus überhaupt erst erkennen wird. Erkenne deinen Rassismus.

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