Rezension

Erkennst du mich

01.09.2015 - Frederike Jesse

Wie gehe ich mit dem Tod eines guten Freundes um? Und vor allem, was bleibt von der einst geliebten Person? Andrea Bajani beschreibt in seinem Roman auf eine rührende und tief unter die Haut gehende Art, was in der Lücke nach dem Tod bleibt.

Antonio Tabucchi, Portugiese, und Andrea Bajani, Italiener, verbindet die Liebe zum Wort, das Schreiben. Die beiden Schriftsteller gehören unterschiedlichen Generationen an, was aber ihrer engen Beziehung zueinander keinen Abbruch tut. Bajani schreibt ausschließlich in der 2. Person Singular und richtet sich auf diese Weise mit jeder geschrieben Zeile an seinen verstorbenen Freund. Die 22 Kapitel, die an verschiedene Szenen eines Theaterstücks erinnern, stellen ein Mosaik aus Erinnerungen dar. Das Gefühl, in Bajanis Haut zu stecken und jede bittersüße Erinnerung mitzuerleben, verfolgt den Leser das ganze Buch hindurch. Der rote Faden der Kapitel ist der langsame Zerfall des todkranken Tabucchis. Trotz des langsamen Ablebens gibt es zahlreiche lustige, schöne und berührende Momente, die die beiden gemeinsam durchlebt haben. Gespräche über Literatur, die mit dem Telefon an den merkwürdigsten Orten stattfanden, sachlicher Informationsaustausch via E-Mail über die aktuellen Befunde und die letzten Besuche bei dem kranken Schriftsteller in Lissabon stellen den beständigen Dialog dar, der zwischen den beiden bestand. Tabucchi hat eine wichtige Rolle  im Leben des jüngeren Schriftstellers Bajani gespielt. Aus den Erinnerungen wird deutlich , dass er sowohl eine väterliche wie eine freundschaftliche Rolle einnimmt. Auch die Wertschätzung und Anerkennung, die er seinem älteren Freund entgegenbringt, klingt in seinen Beschreibungen mit an.

Es ist schwer den Inhalt dieses Werkes zusammen zu fassen, da die einzelnen Kapitel nicht in einem direkten Zusammenhang stehen. Man hat eher das Gefühl, dass man durch Bajanis trauernde Augen in spontane Erinnerungen hineinblickt. Erinnerungen, die immer auf eine andere Weise mit dem Verstorbenen verbunden sind. Es mag wohl daran liegen, dass das zentrale Thema die Freundschaft zweier Schriftsteller ist, und das Buch deswegen in einer sehr bildhaften Sprache geschrieben wird. Das gesamte Werk ist von zahlreichen Metaphern und anderen stilistischen Mitteln durchzogen, um die Erinnerung möglichst in Bildern darzustellen. Selbst wenn es um banale Alltagssituationen geht, wird jede Einzelheit in dieser bildlichen Sprache dargestellt. Dies wirkt an manchen Stellen etwas ermüdend und überladen.  Das ist schade, denn Bajani ist ein Meister im Erstellen von Metaphern. Hätte er diese etwas sparsamer verwendet, wäre die Schönheit dieser sprachlichen Bilder mehr zur Geltung gekommen. Trotz dieser kleinen Kritik ist die Lektüre des Buches sehr zu empfehlen. Besonders für Leser, die entweder selbst gerade mit einer Lücke in ihrem Leben umgehen müssen, oder die sich für das Denken von Schriftstellern interessieren. Das alltägliche Leben eines Schriftstellers wird nämlich auch wunderbar ganz nebenbei in diesem Roman dargestellt.

 


Andrea Bajani: Erkennst du mich. Deutscher Taschenbuch Verlag 2014. 170 Seiten. 9,90 Euro. 7,99 Euro (Kindle- Edition)

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