Rezension

Erloschene Liebe? Das Auto in der Verkehrswende: Soziologische Deutungen

15.06.2019 - Nikolai Luber

„Dieses Buch handelt von der Liebe der Deutschen zu ihrem Auto und wie sie langsam erlischt.“ So fassen die Autoren selbst ihr Buch zusammen. Die Liebe der Deutschen zu ihrem Auto: erloschen. Angesichts dieser soziologischen Deutung (so der Untertitel) werden sich die allermeisten Leser verwundert die Augen reiben. Wie kann das sein?

 

Bereits in der Einleitung stellen die Autoren fest, dass das Auto zum Opfer des eigenen Erfolges, der eigenen Verbreitung geworden ist: Es gibt einfach zu viele von ihnen: 67 Millionen für 82 Bürger. Diese Masse, diese rollende, mittlerweile jedoch mehr und mehr zum Stillstand gekommene Blechlawine verdirbt die Freude am Fahren und führt zum chronischen Verkehrsinfarkt. Der tägliche Stau macht das Versprechen von Freiheit zur Farce. Aus Liebe wurde Alltagsbeziehung und schließlich Alltagsfrust.

Gute Voraussetzungen eigentlich für eine rationale Lösung des Verkehrsproblems: Wo es zu viele Autos gibt, muss ihre Zahl reduziert werden. Um wieder mehr Raum für funktionierenden Verkehr zu schaffen, ist es nötig, den „Raumfresser“ Auto in seine Schranken zu weisen. Doch unsere Beziehung zum Auto ist keine rein rationale. Mehr noch: Die Autoren stellen fest, dass unsere Phantasie gar nicht darauf eingestellt ist, sich eine Realität ohne Auto vorzustellen. Wie kam es dazu? Woher stammt diese Allgegenwärtigkeit des Autos? Die Antwort darauf gibt das lesenswerte Kapitel mit dem sperrigen Titel „Die politische Herstellung der deutschen Autogesellschaft“. Die Autoren zeigen die Entwicklung vom Auto als maßgefertigtes Mode- und Sportprodukt, die Wegbereitung zum Massenverkehrsmittel ausgerechnet durch das Fahrrad und zur Dominanz wie Massenproduktion oder Steuerpolitik. Die zentrale Rolle des Autos ist einerseits das Ergebnis einer lang anhaltenden Interessengemeinschaft von Industrie, Staat und Kundschaft. Andererseits ist (oder vielmehr war) es auch das technische Abbild der klassischen Moderne: Durch Massenproduktion wurden individuelle Freiheit und private Lebensformen möglich.

Diese klassische Moderne und damit das private Auto sehen die Autoren als überholt an – bedingt durch zwei Entwicklungen: Individualisierung und Digitalisierung. Durch die weiter fortschreitende Individualisierung von der Kleinfamilie hin zu immer mehr Einpersonenhaushalten werden wir erstens zu individuell für das (private) Auto. Das Auto wird zwar noch gebraucht, aber nicht mehr zwingend als Privatbesitz und nicht in den Massen, die derzeit im öffentlichen Raum fahren oder an mehr als 23 von 24 Stunden pro Tag stehen. Die Digitalisierung, vor allem das Smartphone, schafft zweitens überhaupt erst die Voraussetzung für multimodalen Verkehr: Für die Nutzung unterschiedlicher Verkehrsoptionen, die per App in Echtzeit angeboten, gebucht und bezahlt werden können. Das ist die zentrale Vision der Autoren: Ein digitales Angebot aus dem jeder zu jedem beliebigen Zeitpunkt individuell und nicht mehr auf ein einzelnes Verkehrsmittel beschränkt, für sich die passende Option wählen kann, um von A nach B zu gelangen. Wie diese Vision in der Realität aussehen könnte, beschreiben sie gegen Ende des Buches anschaulich in ihrem „Plädoyer für ein technisches Feldexperiment“.

Was aber braucht es, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen? Die Autoren stellen fest, dass die Tendenz zu vielfältigeren Mobilitätsmustern zwar bereits vorhanden ist. Aber die geltenden Rahmenbedingungen verhindern ihre weitere Verbreitung. Der Schlüssel liegt für die Autoren in der Verwendung des öffentlichen Raumes. Sie fordern eine Abkehr davon, dass ein Großteil des öffentlichen Raumes kostenlos als Aufbewahrungsort für private Fahrzeuge genutzt werden kann: Die Liebe zum Auto konnte sich nur deshalb entwickeln, weil es überall einfach abzustellen ist. Diese Privatisierung öffentlichen Raumes wird beim Auto als selbstverständlich anerkannt. Bei Leihfahrrädern wird sie gerade diskutiert. Könnte dieser – gerade in den Städten- knappe Raum nicht sinnvoller genutzt werden als durch massenhafte Abstellfläche?

Die Autoren zeigen weitere Rahmenbedingungen in Form von Gesetzen, die für eine Verkehrswende geändert werden müssen: Die Straßenverkehrsordnung, die den Kommunen kaum Spielraum zur Gestaltung des Verkehrs gibt. So genügt es als Begründung für die Umsetzung einer Fahrradstraße nicht, dass die Kommune den Anteil des Radverkehrs erhöhen will. Ähnlich die Rechtslage im ÖPNV: Hier ist das entscheidende Hemmnis das Personenbeförderungsgesetz. Die Autoren bezeichnen es als „goldene Handschellen“ für den ÖPNV, weil dadurch nur das angeboten werden darf, was genehmigungsfähig ist und genehmigungsfähig nur das ist, was ohnehin schon angeboten wird. Der Status des ÖPNV ist damit seit der frühen Nachkriegszeit auf niedrigem Niveau eingefroren.

Fazit der Autoren: Die Förderung von Alternativen zum Auto reicht nicht aus, solange das Autofahren weiter gefördert wird. Für eine Verkehrswende müssen die Gesetze geändert werden. Sie sind die „bedeutendsten Stellschrauben, die unser kollektives Handeln als Gesellschaft bestimmen“. Um diese Wende in Gang zu bringen, hoffen die Autoren auf den „Funken, der die Realisierung zündet“. Fast klingt dies wie ein Appell an die Leser.

Das Buch zeigt, dass eine Verkehrswende nötig und machbar ist und wie sie konkret aussehen könnte. Aufschlussreich beschreiben die Autoren, wie die autozentrierte Gesellschaft entstanden und gewachsen ist, welche Rahmenbedingungen dafür bis heute wirken und daher geändert werden müssten. Ihre Vision vom multimodalen Verkehr wirkt kühn doch realistisch. Immer wieder zeigen sie anhand von Beispielen, dass Ansätze ihrer Vision bereits existieren und funktionieren. Unklar bleibt, wie die für die Wende erforderliche gesellschaftliche Mehrheit zustande kommen kann. Denn ein Blick auf Deutschlands Straßen und Plätze stellt die These von der erloschenen Liebe der Deutschen zu ihrem Auto doch (noch?) in Frage.

 

 

 

Weert Canzler, Andreas Knie, Lisa Ruhrort, Christian Scherf: "Erloschene Liebe? Das Auto in der Verkehrswende. Soziologische Deutungen", transcript Verlag, Bielefeld 2018, 174 Seiten, 17,99 Euro, ISBN: 978-3837645682

 

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