Sprachkolumne

Erst Ich, dann vielleicht Wir? Fehlende Solidarität in Zeiten von Corona

01.09.2021 - Daniela Ribitsch

„Gemeinwohl“ ist ein wenig verwendeter Begriff in Gesellschaften, die besonderen Wert auf Individualismus legen. Unter „Gemeinwohl“ versteht der Duden „das Wohl(ergehen) aller Mitglieder einer Gemeinschaft“. Die Idee ist, das Wohlergehen der Gemeinschaft über die eigenen individuellen Interessen zu stellen und als Individuum aktiv zum Wohlergehen der Allgemeinheit beizutragen.

Ein unersetzliches Gut in unserer Welt ist eine gesunde Erde, die uns allen ein gesundes Leben ermöglicht. Um dieses Gut zu schützen, ist der Beitrag einer und eines jeden Einzelnen von uns notwendig. Doch wie die Coronapandemie leider nur allzu deutlich gezeigt hat, stellten und stellen viele von uns ihre individuellen Interessen über „das Wohl(ergehen) aller Mitglieder“ unserer Gemeinschaft.

Ein sehr gerne gebrauchter Begriff in dieser Pandemie ist jener der „Eigenverantwortung“. Gekoppelt mit der Farbe „Grün“ des Corona-Ampelsystems hat er sich jedoch als nicht besonders effektiv erwiesen, wie die weltweit immer wieder steigenden Corona-Infektionen eindrucksvoll zeigten und zeigen. „Eigenverantwortung“ und „Grün“ sind ganz einfach Begriffe, die nicht recht zusammenpassen wollen. Pennsylvania, wo ich wohne, führte letztes Jahr noch vor Deutschland das Corona-Ampelsystem ein. Doch mit dem Umschalten auf Grün verabschiedete sich bei zu vielen Menschen die Eigenverantwortung. Das ist auch nicht verwunderlich, denn der Begriff „Grün“ signalisiert generell: „Alles ist in Ordnung.“ Daher verstanden viele Menschen das Virus als keine wirkliche Bedrohung mehr und verzichteten folglich auf den empfohlenen Mund-Nasen-Schutz (MNS). Und wer keinen MNS trug, vergaß nur zu gerne auf den notwendigen Abstand. Pennsylvanias Gouverneur blieb also nichts anderes übrig, als eine MNS-Pflicht zu verhängen.

Von der MNS-Pflicht ließen sich allerdings nicht alle Menschen beeindrucken. Nicht nur in Pennsylvania, sondern weltweit. Als Wegbegleiter zur „Eigenverantwortung“ bräuchten wir in dieser Pandemie anstelle von „Grün“ daher den Begriff der „Fremdverantwortung“. Wir sind als Individuen nämlich nicht nur – wie Philosophin Susanne Moser erklärt – für unser eigenes Wohl verantwortlich (Eigenverantwortung), sondern auch dem Wohl anderer Menschen verpflichtet (Fremdverantwortung). Womit wir wieder beim Gemeinwohl wären, also dem „Wohl(ergehen) aller Mitglieder einer Gemeinschaft“.

Ein beispielloser Akt der Fremdverantwortung ereignete sich im Jahre 1665 im englischen Dorf Eyam. Als die Pest über Eyam hereinbrach, schotteten die BewohnerInnen ihr Dorf freiwillig über ein Jahr lang vollständig von der Außenwelt ab, um eine Ausbreitung auf andere Städte zu verhindern. Für uns ist so etwas wohl unvorstellbar. Aber es verlangt auch niemand von uns, unsere Freiheit dermaßen drastisch einzuschränken. Doch als in Gemeinschaften lebende Individuen tragen wir für unsere Mitmenschen Verantwortung. Vor der Coronaimpfung gab es, wie vorhin erwähnt, jene Menschen, die den MNS trugen und Abstand hielten, während andere diese Maßnahmen völlig ignorierten. Nun ist die Impfung endlich für die breite Masse zugänglich und trotzdem ist unsere Gesellschaft einmal mehr geteilt, nämlich in die Geimpften und in die Impfverweigerer. Dass unser individuelles Handeln (kein MNS, kein Abstand und nun keine Impfung) enorme Auswirkungen auf unsere Mitmenschen hat, demonstriert Corona ja immer noch sehr eindrucksvoll.

Wo war und ist die Solidarität in dieser Pandemie? Die Solidarität, die sich laut Duden durch „unbedingtes Zusammenhalten“, durch ein „Zusammengehörigkeitsgefühl“ und ein „Eintreten füreinander“ auszeichnet? Wo gab und gibt es dieses „Eintreten füreinander“, das wir so dringend brauchten und immer noch brauchen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, einander zu beschützen, Intensivbetten für Nicht-CoronapatientInnen frei zu halten und KrankenhausmitarbeiterInnen davor zu bewahren, ein weiteres Mal an ihre Grenzen gehen zu müssen?

Auch wenn Corona uns nun schon weit über ein Jahr lang begleitet, so ist es doch ein neues Virus, auf das ExpertInnen freilich noch nicht alle Antworten haben können. Sie sind schließlich keine ProphetInnen. Dennoch ist es ihnen gelungen, in Rekordzeit beindruckend wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Aber da das Virus und die Impfung wie gesagt neu sind, strömen viele, ständig zu wechseln scheinende Informationen auf uns ein und verwirren uns. Zudem schwirren auch viel zu viele Falschinformationen und Verschwörungstheorien im Netz herum. Freilich sind wir verunsichert. Freilich ist es nicht leicht zu erkennen, was nun stimmt und was nicht. So beeindruckend unser Gehirn auch ist, mit dieser Informationsflut hat es seine Schwierigkeiten, und es tut sich mitunter sehr schwer, richtiger von falscher Information zu unterscheiden. Auf Grund des begrenzten Speicherplatzes in unserem Gehirn erinnern wir uns zudem für gewöhnlich nur an den Inhalt einer Nachricht, nicht jedoch an den genauen Wortlaut. Falls Sie, liebe LeserInnen, je schauspielerisch tätig waren, wissen Sie nur allzu gut, wie schwierig es ist, sich jedes einzelne Wort einzuprägen. Da unser Gehirn sich auf den Inhalt konzentriert, nicht jedoch auf den genauen Wortlaut, haben wir Probleme uns zu merken, was in einem gelesenen oder gehörten Text tatsächlich geschrieben stand bzw. gesagt wurde.

1972 gab das US-amerikanische Forschungsteam John D. Bransford und Marcia K. Johnson einer Versuchsgruppe Folgendes zu lesen: „John wollte das Vogelhaus reparieren. Er schlug auf den Nagel, als sein Vater hinzukam.“ Anschließend wurden die TeilnehmerInnen gefragt, ob der Text das Wort „Hammer“ beinhaltete. Was meinen Sie? Wurde das Wort „Hammer“ erwähnt? – Nicht schummeln! Der Großteil – und vielleicht auch Sie – antwortete mit Ja. Doch das stimmt nicht; das Wort „Hammer“ wurde nicht genannt. Eine Kontrollgruppe bekam den gleichen Text zu lesen, allerdings mit einer winzigen Änderung: John schlug nicht auf den Nagel, sondern er „suchte den Nagel“. Nun glaubten nur 20% der TeilnehmerInnen, das Wort „Hammer“ gelesen zu haben. Diese Studie zeigt, wie sehr die Formulierung unser Gehirn beeinflussen und uns fälschlicherweise glauben machen kann, dieses oder jenes wurde tatsächlich gesagt.

Die Dauerflut an Informationen macht es extrem schwierig, unsere Aufmerksamkeit auf den genauen Wortlaut zu richten und uns ferner zu merken, wer was gesagt hat. In den sozialen Medien lasen wir letztes Jahr beispielsweise, 5G löse entweder Coronasymptome in uns aus oder schwäche unser Immunsystem dermaßen, dass wir anfälliger für COVID-19 seien. Später allerdings konnten wir uns nicht mehr daran erinnern, dass diese Information einer unzuverlässigen Quelle entstammte. Und wenn wir zum wiederholten Male lesen, das Virus sei für junge Menschen ungefährlich, so werden wir es irgendwann glauben, auch wenn es falsch ist.

Wir müssen unsere Quellen daher sorgfältig auswählen – und brauchen wie bereits erwähnt ExpertInnen. Denn wenngleich sie sich noch mitten im Corona-Lernprozess befinden, so haben sie doch ein tiefgründiges Wissen auf ihrem jeweiligen Gebiet – im Gegensatz zu LaiInnen, die ihre Informationen aus allen möglichen Quellen erwerben, ohne jedoch zu behalten, wer was genau gesagt hat.

Teil einer Gemeinschaft zu sein bedeutet, sich umeinander zu kümmern und willens zu sein, für „das Wohl(ergehen) aller Mitglieder“ zurückzustecken. Ein MNS tut nicht weh und das Risiko, an Corona zu erkranken, ist größer, als schwere Nebenwirkungen durch die Impfung zu erleiden, wie die vielen geimpften Menschen auf der ganzen Welt deutlich gezeigt haben. Als Gemeinschaft sollten wir unbedingt zusammenhalten – nicht nur in dieser Pandemie, sondern auch um unsere Erde für unsere Kinder, Enkelkinder und Zukunftsgenerationen zu erhalten.

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