Porträt: Daud Ata

"Es fehlt uns an Vorbildern!"

18.08.2013 - Tahir Chaudhry

Daud Ata (33) wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in einer Hamburger Plattenbau-Großsiedlung im Stadtteil Osdorfer Born auf. Entgegen vielen Erwartungen erkämpft er sich den Aufstieg aus dem sozialen Brennpunkt, über das Gymnasium, das Studium bis in die Selbstständigkeit. Nach seinem eigenen Bildungserfolg unterstützte er auch andere Jugendliche aus dem Stadtteil mit seinem Projekt „BGK – Bildung gegen Kriminalität”. Heute als Geschäftsführer eines jungen aufstrebenden IT-Unternehmens in Hamburg schaut er auf eine ereignisreiche Karriere zurück.

„Die Migranten müssen aufhören zu jammern!”, meint Daud. Er möchte schließlich, dass sie endlich aus ihrer Opferrolle hervortreten und nicht nur „ihren eigenen materiellen Fortschritt” anstreben, sondern ein Stück weit von dem etwas zurückgeben, was sie der Gesellschaft zu verdanken haben. Denn hätte die Mehrheitsgesellschaft den Neuankömmlingen „nicht die gleichen Möglichkeiten gegeben, die sie selbst hatten”, dann wären ihnen jegliche Entwicklungsmöglichkeiten verwehrt geblieben. Daud sieht es nämlich als seine persönliche Pflicht an, dass er aus seiner Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft seine Mitmenschen am Erfolg teilhaben lässt. Andernfalls mahnt er, würde „lediglich Neid und Hass geschürt”. Daher seien gerade Migranten-Quoten der falsche Weg, um für mehr Akzeptanz zu werben. Stattdessen seien Migranten und ihre Folgegenerationen gefragt, mehr Berührungspunkte zu schaffen, „sich gesellschaftlich stärker zu involvieren und zu partizipieren”.


Die fehlenden Vorbilder

Daud Atas Vater kam vor knapp 40 Jahren aus finanziellen Gründen nach Deutschland. Er arbeitete erst Gastronomie und anschließend als Busfahrer und holte kurze Zeit später seine Frau nach. Mit zwei Brüdern und einer im Rollstuhl sitzenden Schwester wuchs Daud in einer Gegend auf, die als sozialer Brennpunkt gilt, in dem es immer wieder zu Gewalt und Straftaten kam. Wenn er über seine Vergangenheit spricht, dann versucht er seine Erfahrungen so nüchtern wie möglich zu schildern. Rückblickend relativiert er besonders die Gefahren seines Viertels. Es scheint, als wolle er nicht zu sehr über die negativen Erfahrungen sprechen, um die dort lebenden Menschen nicht als „verloren” abstempeln zu müssen. In einem bestimmenden Tonfall interveniert er prompt in das zu oft wiederholte Urteil über seinen Stadtteil, das zwischen Klischee und Realität umher schwingt: „In solchen Stadtteilen fehlt es ganz einfach an Vorbildern und an Motivation, überhaupt irgendetwas bewegen zu können”. In einem Stadtteil, in dem Jugendliche von Arbeitslosigkeit geplagt sind, sozial benachteiligt werden und mit familiären Problemen zu kämpfen haben, sei die Stimmung dementsprechend niedergeschlagen. Nur wenigen gelingt es, aus dieser Ohnmacht zu erwachen.

 

In der Grundschule fiel der eher zurückhaltende Daud nicht weiter auf. Doch nach der Einstufung in das Gymnasium wandelte er sich zu einer Person, die viele Klischees seines Stadtteils bestätigte. Gerade dort wurde als der einzige „Ausländer” unter den 30 Mitschülern stark wahrgenommen. „Zu Beginn herrschten Startschwierigkeiten“ und erst mit den Jahren wurde aus Daud ein fleißiger Schüler mit konkreten Zielen. Unkonkret wurde es bei der Bestimmung seiner eigenen Identität, da seine Mitschüler ihn „gerne in die Rolle des ewigen ‘Ausländers’ pressten”, obwohl er die deutsche Staatsbürgerschaft besaß. Aber wenn er dann zusammen mit seiner Familie, die Verwandten in Pakistan besuchte, wurde er hingegen als „Der Deutsche” etikettiert. Heute weiß er, dass ihm in dieser Hinsicht die elterliche Erziehung zugutekam. Die unbestimmte Identität wurde nicht als Problem angesehen. Denn seine Eltern legten nie Wert darauf, die Identität in irgendeiner Weise zu bestimmen oder einzuschränken. Dafür wiesen sie ihre Kinder an, in keinen Komplex zu verfallen und die Tugenden beider Kulturen bedenkenlos in sich aufzunehmen. Neben seiner Erziehung war für Daud der Sport ein wichtiger Faktor, der ihn von den düsteren Machenschaften seines Viertels fernhielt. „Meistens!“, ergänzt Daud schmunzelnd. Er verbrachte viel Zeit auf dem Basketballplatz und „lange Nächte vor dem Fernseher, um die NBA Liveübertragungen aus den USA mitzuverfolgen”.

 

Die Bildung als Schlüssel

In der Schulzeit fand Daud schnell heraus, dass er später in der Medienbranche arbeiten möchte, und engagierte sich nebenbei bei dem internationalen muslimischen Fernsehsender MTA. So kam es nicht von ungefähr, dass er sich nach seinem Abitur an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaften“ in Hamburg für die Fachrichtung Medientechnik einschrieb und parallel dazu als Bildregisseur tätig war. Während seines Studiums sammelte Daud außerdem praktische Erfahrungen in der Sendeabwicklung bei Studio Hamburg und im Vertriebsmarketing bei der Spiegel-Gruppe.


Je weiter die Karriereleiter hinaufführte, fühlte sich Daud dazu verpflichtet, den Jugendlichen aus seinem Stadtteil einen Weg aus dem sozialen Abgrund in eine selbstbestimmte und integrierte Zukunft geben zu können. Der Jugendkrawall im Jahre 2004, bei dem sich zahlreiche Jugendliche neben einem Bandenkrieg auch eine Schlacht mit der Polizei lieferten, brachte Daud zum Nachdenken. Daraufhin startete er 2005 zusammen mit seinem Kommilitonen Johannes Wolde-Mikael „BGK – Bildung gegen Kriminalität”, ein gemeinnütziges und soziales Nachhilfeprojekt im Stadtteil Osdorfer Born. Hier sollten Studenten aus dem Stadtteil den Schülern ab der 5. Klasse dreimal wöchentlich kostenlose Hausaufgabenhilfe und Mentoringunterstützung in den Abendstunden geben.
Zurückschauend ist es für Daud unfassbar, dass das Nachhilfe-Projekt trotz der großen Hürden und Hindernisse, die es nehmen musste, mittlerweile „als festes Element im Stadtteil” etabliert hat und personenunabhängig fortgeführt wird. Dass es nicht ganz einfach ist, „so unterschiedliche Menschen für einen gemeinsamen Zweck zusammenzubringen”, hat Daud lernen müssen.

 

Heute erfüllt es ihn mit Stolz, wenn er sich an die Erfolgsgeschichten zurückerinnert. „Es gab sehr viele Jugendliche, ohne Perspektive und Motivation, deren Eltern und Lehrer sie schon längst aufgeben hatten. Uns gelang es auf die Zukunftsängste der Schüler einzugehen, am geringen Selbstvertrauen und an der geringen Frustrationstoleranz zu arbeiten”. Jugendliche, die bis dahin orientierungslos herumirrten und Berufswünsche wie „Rapper oder Porscheverkäufer” verfolgten, nahmen ihr Leben selbst in die Hand und strebten voller Willensstärke konkrete und bodenständige Lebensziele an. So entwickelte sich BGK „von einer Nachhilfe für benachteiligte Jugendliche zu einer Karriereschmiede für Hamburg”.


Der etwas andere Unternehmer
Derweil war Daud nicht nur Ehemann, sondern auch Vater einer Tochter, als er das Studium vorzeitig beendete und 2008 in das Trainee-Programm einer bekannten Mobilfunkgesellschaft einstieg. Aus heutiger Sicht war es „ein großer Fehler, aufgrund finanzieller Vorzüge des Arbeitslebens das Studium abzubrechen”, urteilt Daud wehmütig. Jedoch hat er sich nun fest vorgenommen, das Studium nach der Festigung seines Unternehmens abzuschließen. Das eine Jahr im Trainee-Programm „war schrecklich, denn es ging nur darum, ständig Umsätze zu machen, was einen innerlich krepieren ließ”. Hinzu kam noch, dass der zwischenmenschliche Umgang „ein gegenseitiges Zerreißen war”. Was dann schlussendlich das Fass zum Überlaufen brachte, war die Tatsache, dass ihm nicht ermöglicht wurde, sein Gebet am Nachmittag zu verrichten. Daud stieg aus und glaubte daran, dass er sich mit dem angeeigneten Know-how genauso gut selbstständig machen könne. Infolgedessen fasste er den Entschluss, für die Erlangung der Freiheit, hohe Risiken in Kauf zu nehmen.


2009 gründete Daud das „Atakom Systemhaus” in Hamburg-Billstedt. Ein junges IT-Unternehmen mit Fokus auf kleine & mittelständische IT-Kundenbedürfnisse. Es sollte jedoch ein Unternehmen sein, „das nicht nur monetär bereichert, sondern auch ideell”. Demgemäß ziert die Website des Unternehmens das Zitat: „Spenden hat noch keinen Besitz geschmälert!” Die Idee dahinter ist, dass Atakom anderen Unternehmen IT-Lösungen anbietet, mit denen Ressourcen eingespart und Betriebsprozesse optimiert werden können. Ein Teil der entstehenden Kosteneinsparungen gehen als Spenden an hilfsbedürftige gemeinnützige Projekte.


Die ersten drei Jahre liefen mehr schlecht als recht. Es ist eine Zeit, die viel Energie raubte und Geduld erforderte. Minusgeschäfte trotz der 70-Stunden-Wochen nagten an Körper und Psyche. Als ich ihn frage, was ihm in dieser Zeit mit Mut und Kraft ausstattete, ändert sich seine Körperhaltung und Mimik. Es scheint, als würde Daud gerne über die Zeit in seinem Leben reden, in der es ihm nicht gerade gut ging. Er spricht von ihm als den besten Freund, der ihm in dieser schwierigen Zeit zur Seite stand: Gott. „Als die Existenzängste den Tag bestimmten und der Verstand jegliche Hoffnung zurückdrängte, wurden die Gebete intensiver und die Beziehung zu Gott stärker”, bemerkt Daud. Dass er sich immer wieder vor der Insolvenz schützen konnte, kann er nicht als ein Zufall bezeichnen. Er weiß, dass Gott lebendig ist und die „Probleme seiner geliebten Geschöpfe in Kommunikation mit dem Menschen” löst. Jetzt ist er glücklich mit dem, was er unternehmerisch erreicht hat. Denn er schaffte es, sich aus der Schuldensituation zu befreien und stellte das Unternehmen auf solide Beine. Extreme Wachstumszwänge hat er nicht. Doch ein solides Wachstum ist ein Ziel.


Deutschland braucht Brückenbauer

Wenn man Daud heute nach seiner Identität fragt, dann antwortet er ziemlich lang: „Ich fühl mich als ein in Deutschland geborener, liberaler und wertekonservativer, deutscher Ahmadi-Muslim, der seine Wurzeln in Pakistan hat.” Für seine drei Kinder wünscht sich Daud ein Deutschland, in dem Menschen mit Migrationshintergrund ein angenehmes Leben führen können. Die vergangenen Integrationsdebatten täuschten darüber hinweg, „dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten haben, als Unterschiede”. Hetzer gäbe es leider genug. Was man brauche, seien viel mehr Brückenbauer, die verbinden, statt zu teilen. So koordiniert er beispielsweise „Muslime für Frieden”, ein Projekt, das bundesweit Flyer-Kampagnen durchführt und in Großstädten plakatiert. Es soll die Kernbotschaft der islamischen Lehren „Liebe für alle, Hass für keinen“ unterstreichen und gegen Ressentiments vorgehen. Mit Sorge beobachtet er den Umgang mit Migranten während dieser wirtschaftlich instabilen Zeit. Er hofft daher, dass sich die Lage in Zukunft stabilisieren wird, „damit sich ein nachhaltiger gesellschaftlicher Frieden” verbreiten kann. Daud ist optimistisch und glaubt an eine Zukunft, in der „eine schöne Kultur mit der Andersartigkeit von Menschen gepflegt wird“.

 

Foto: © Körber Stiftung

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