Gesellschaft

Es wird wieder gelacht

01.10.2013 - Claus H. Godbersen

Nachdem ich drei Jahre in einem Projekt gegen Rechtsextremismus gearbeitet hatte, gönnte ich mir kurz vor dem Wechsel auf einen anderen Posten eine Woche Urlaub auf Korsika. Von dort habe ich neben Sonnenbrand und Muscheln auch einige Gedanken über die deutsche Gesellschaft im Spiegel französisch-korsischer Sitten mit zurückgebracht.

Die vergangenen drei Jahre meiner Arbeit gegen Rechtsextremismus haben mir den Eindruck vermittelt, dass sich in Deutschland ein Wandel im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit unseres Landes abzeichnet. Bisher war die besondere deutsche Verantwortung für die Verbrechen des Hitler-Staates und dafür, dass so etwas sich nie wiederholen möge, unter den Eliten der Bundesrepublik ein unbestrittener Konsens, der nur von Extremisten und provozierenden Jugendlichen offen angegangen wurde. Die Forderung, diese deutsche Sonderverantwortung abzulegen, wird bis heute als „Schlusstrich-Mentalität“ geächtet. Aber genau dieses Denken wird anscheinend zunehmend auch von verantwortungsbewussten, engagierten und politisch moderaten Bürgerinnen und Bürgern offen vertreten. Zu dem eher emotionalen und unreflektierten „Irgendwann muss doch mal Schluss sein damit!“ gesellen sich auch ernstzunehmende Fragen wie „Welche Verantwortung hat meine vierzehnjährige Tochter dafür, was unter Hitler passiert ist?“ Unter Jugendlichen wiederum scheint sich zu zeigen, dass antisemitische Witze oder Hitler-Grüße nicht mehr – wie noch vor zehn Jahren – immer bewusste Provokationen sind, sondern zunehmend auch an einem fehlenden Bewusstsein für das besonders Ernste und Boshafte dieser Symbole liegen.

Was hat das mit Korsika zu tun?

„Wie verstehe ich einen korsischen Schäfer? – Klappmesser geschlossen: er ist zufrieden. Klappmesser offen: er ist unzufrieden.“ Dieser hier von mir frei aus dem Französischen übersetzte T-Shirt-Aufdruck war mein erster Hinweis darauf, dass die korsische Gesellschaft ein etwas anderes Verhältnis zur Gewalt hat als die deutsche, als ich durch die mit Souvenirläden gespickte Fußgängerzone der korsischen Hauptstadt Ajaccio schlenderte. Normalerweise setze ich keinen Fuß in diese Art von Geschäften, die offenbar überall auf der Welt dasselbe Konzept von Postkarten, Muschelkästchen und Bikinis verfolgen. Auf Korsika machte ich eine Ausnahme.

Korsische Souvenirläden sind schon deswegen anders als solche auf dem Kurfürstendamm oder am Tower of London, weil man sie auf den ersten Blick mit einem Waffengeschäft verwechseln könnte: Vor vielen von ihnen steht eine mannshohe Vitrine, in der unzählige gefährliche Taschenmesser mit hölzernem Griff und spitzer Klinge feilgeboten werden. Innen geht es weiter mit T-Shirts, Unterwäsche, Bechern und Türschildern, die einerseits die Klischee-Korsen, ihres Zeichens Faulpelze, Sturköpfe und Machos, karikieren – andererseits die auch vor Methoden des Terrorismus nicht zurückschreckende korsische Unabhängigkeitsbewegung und das organisierte Verbrechen. Da heißt es: „Auf Korsika ist Bombenstimmung.“ Ein beliebtes Motiv ist auch ein von Einschusslöchern durchsiebtes Ortsschild, auf dem der Französische Name der Insel „Corse“ durchgestrichen und stattdessen das einheimische „Corsica“ eingetragen ist. Auch das auf Korsika Jahrhunderte alte Problem der „Vendetta“ – Blutrache, die leicht in eine viele Todesopfer fordernde Fehde zwischen Großfamilien ausarten kann – wird hemmungslos parodiert.

Das alles mutete mir als deutschem Touristen befremdlich, wenn auch nicht völlig neu, an. Vor sechs Jahren hatte ich die französische Insel La Réunion im Indischen Ozean besucht, die nur zwei Tage vor meiner Ankunft von einem heftigen Tropensturm heimgesucht worden war, der sogar eine große Autobrücke zum Einsturz gebracht hatte. Kaum hatte die Insel sich von der Naturkatastrophe erholt, fand ich in Schaufenstern T-Shirts vor, die das Bild der eingestürzten Brücke im Piktogramm-Stil auf der Brust hatten. Eine auf La Réunion vorkommende, Malaria-ähnliche Krankheit namens Chickungunia, die noch im Jahr 2006 nicht wenigen Menschen den Tod gebracht hatte, war wiederum mit dem T-Shirt-Aufdruck wortspielerisch verewigt worden „Le Chick c'est pas chique“, zu deutsch etwa: Die Chick(ungunia) ist gar nicht chic.“

Hier stand ich 2013 also in der Einkaufsstraße Cours Napoléon und fragte mich vor dem Hintergrund meiner älteren Eindrücke von La Réunion und der aktuellen Eindrücke aus Korsika, welche Blüten dieser Schwarze Humor wohl in Deutschland getrieben hätte. Nach der Aufdeckung der NSU-Mordserie wären vermutlich spätestens im Dezember 2011 Hemden mit Aufschriften wie „NSU – Ein Knaller von Neckarsulm bis Hamburg“ oder „Zwickau-Trio: Fooling the Verfassungsschutz since 2001“ oder „Auf Fehmarn scheint immer die Sonne – sogar für Nazis!“ aufgetaucht. Falls die Leserinnen und Leser sich jetzt schütteln ob soviel Geschmacklosigkeit, habe ich mein Gefühl angesichts der Souvenir-Shops in Ajaccio authentisch transportiert. Auch mir blieb als Deutschem im ersten Moment die Luft weg, bei der Erkenntnis, dass man mörderische Terror- und Mafiakriminalität offenbar zu einem satirischen Touristik-Geschäft machen kann.


Gehen die Franzosen im Allgemeinen und die Korsen im Speziellen vielleicht etwas zu weit mit ihrer Leichtlebigkeit? Wäre nicht etwas mehr Respekt vor den Opfern von Naturkatastrophen, Epidemien und Gewaltverbrechen angebracht? Zweifellos kann Respekt in solchen Dingen nie falsch sein, und an diesem Respekt mangelt es in Deutschland gewiss nicht.

Zumindest nicht post mortem...
Denn erinnern wir uns: Es gab bis zum 4. November 2011 ein Deutschland, dass vom NSU nichts ahnte. Die Namen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe waren niemandem ein Begriff. Terrorismus war das Monopol eines gewissen Osama bin Laden. Es war und ist deutsche Staatsräson, dass Verbrechen wie die des Nationalsozialismus nie wieder passieren dürfen und dass menschliches Leben geschützt wird, sei es christlich, jüdisch, muslimisch oder welches auch immer. Die Bundes- und Landesregierungen seit 1945 hatten selbstverständlich ihren Job gemacht, Vergangenheitsbewältigung finanziell gefördert und die Jugend aufgeklärt. Und doch waren sie ungehört verhallt, die Kassandra-Rufe eines Exit-Gründers Bernd Wagner, einer Amadeu-Antonio-Stiftung oder eines Günther Beckstein, der als bayrischer Innenminister seine Beamten angewiesen hatte, einen rechtsextremen Hintergrund des Mordes an Enver Simsek im Jahr 2000 bei Nürnberg zu prüfen. Hatte diese Blindheit der Behörden und Medien daher gerührt, dass allein die Möglichkeit, in der Bundesrepublik könnte es eine zum äußersten bereite rechtsextreme Szene geben, so sehr am kollektiven Selbstwertgefühl gerüttelt hatte, dass man es partout nicht wahrhaben wollte? Diese Erklärung erscheint vielleicht etwas sehr psychologistisch. Aber hat – radikal betrachtet – ein Staat, zu dessen Aufgabe  es unter anderem gehört, die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und Ähnliches für alle Zukunft zu verhüten, nicht seine Existenzberechtigung in Frage gestellt, wenn auf seinem eigenen Hoheitsgebiet eine militante Neonazi-Szene wieder Fuß fassen kann?

Hat man es in Deutschland mit dem Respekt also ein wenig übertrieben? Diese Frage ist natürlich rhetorisch gemeint und eindeutig zu verneinen – aber bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass der Respekt oft gar nicht echt war, sondern sich auf Lippenbekenntnisse und abstrakte Geschichtsbetrachtung beschränkt hat. Das wiederum muss gar nicht verwundern, da es im Alltag emotional kaum leistbar ist, dem Geschichtsbewusstsein und der Verantwortung für eine demokratische und humane Gesellschaft in dem Maße gerecht zu werden, wie es von offizieller Seite immer wieder gefordert wird. Zumal, wie eingangs beschrieben, offenbar auch ernstzunehmende Stimmen zunehmen , die einer bisher noch als „Schlussstrich-Mentalität“ geächteten Haltung zur deutschen Vergangenheit das Wort reden. Diese Meinung lässt sich vermutlich gar nicht mehr lange aus dem öffentlichen Mainstream-Diskurs heraushalten.

Würde ein etwas französischerer Umgang mit Extremismus und Gewalt, ein Umgang „à la Corse“ sozusagen, Deutschland auch gut tun? Deutschland verharrt seit November 2011 angesichts der zehn vom NSU kaltblütig ermordeten Menschen in Schock. Auf Korsika hat es allein in der ersten Jahreshälfte 2013 fünfzehn Morde im Zusammenhang mit Bandenkriminalität, Familienfehden und Terrorismus gegeben.  Öffentlicher Aufschrei? – Fehlanzeige! In den ersten Juli-Tagen wurden bei Silvareccio vier Männer, die selbst schwer bewaffnet waren, nachts in ihrem Auto erschossen, und in Propriano wurde um acht Uhr morgens mitten in der Stadt ein Geldtransporter von mit Plastiksprengstoff und Kalaschnikows ausgerüsteten Räubern überfallen. Der frisch vereidigte Präfekt Korsikas, Christian Mirmand, hat in seinem ersten Presseinterview erklärt, es gäbe klar ein Gewaltproblem auf Korsika, dem entgegen zu treten ein Hauptvorhaben seiner Amtszeit sei. Währenddessen gehen die makabren Späße weiter: Ein Souvenirladen in Ajaccio verkauft Segeltücher mit dem Aufdruck eines drohenden, bewaffneten, vermummten Mannes, dessen Gestalt an Hizbullah oder ETA erinnert. Ein Geschäft in Corte verniedlicht mit „Vendetta“-Gravuren in den Klingen seiner Taschenmesser die Blutrache zu einer korsischen Schrulle.

Eine solche Haltung, die Gewalt auch als witzig und cool darstellt, trägt sicher nicht zu ihrer Abschaffung bei, eher im Gegenteil. Dieses Problem der Bagatellisierung von Terrorismus, Mafia-Aktivitäten und Klanstrukturen wird unter Korsen durchaus debattiert, beispielsweise von der Zeitschrift „Paroles de Corse“, die sich mit ihrer Juli/August-Ausgabe 2013 ganz dem Thema der Gewalt auf Korsika widmet. Aber dieser Schwarze Humor und die makabre Vermarktung der Gewalt beinhalten zumindest eine Ehrlichkeit, die in Deutschland jahrelang nicht zu finden war. Weder Rechtsextremismus wurde in den Medien nennenswert thematisiert, noch Rassismus und Diskriminierung im Alltag. Und was nützen politische Korrektheit und oberflächlicher Respekt, wenn sie letztendlich oft nicht mehr sind als Schweigen angesichts aktueller – nicht historischer – Opfer von Rechtsextremismus? Im Moment schweigen Deutschlands Eliten zwar nicht , sondern debattieren intensiv und auch weitgehend ehrlich über die rechtsextreme Szene, Rassismus im Alltag und Verfassungsschutzreform. Aber auch das wird einmal zu Ende gehen. Dann wird voraussichtlich wieder der zumindest auf den ersten Blick respektvolle, todernste und aus korsischer Sicht überaus steife Umgang mit Extremismus und Gewalt Einzug erhalten. Dieser Konsens unter den deutschen Eliten wird aber, wie gesagt, mittelfristig von einer sich zunehmend verbreitenden gegensätzlichen Haltung herausgefordert werden. Diese Haltung will eine mit der Geburt in Deutschland quasi geerbte besondere Verantwortung vor der Welt nicht mehr akzeptieren oder – im Falle junger Leute – weiß davon schlicht nichts. Womöglich kündigt sich hier bereits eine Form des Humors an, die dem korsischen Umgang mit Mafia-Morden und Terroranschlägen ähnelt. Schon in diesem Sommer 2013 machte die Videospiele-Zeitschrift „360 live“ mit den Worten „Hart wie Kruppstahl“ auf einen neuen Action-Titel aufmerksam. Satirische Elemente sind auf dem Cover beim besten Willen nicht zu erkennen – der Nazi-Slogan wird völlig allein stehen gelassen, als handle es sich um das Normalste von der Welt.  Die für Kultur und Bildung Verantwortlichen in Deutschland täten gut daran, sich für den Fall vorzubereiten, dass eine solche Entwicklung tatsächlich nicht aufzuhalten sein sollte.

Ich wage die These, dass ein bisschen davon der deutschen Gesellschaft sogar guttun würde.

 

Foto: © kinglomo

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