Kultur

Europa als ob nicht Europa: Jacques Derrida über Identität, Verantwortung und Vertrauen

01.08.2020 - Dr. Peter Zeillinger

Der französische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004) wäre am 15. Juli 90 Jahre alt geworden. Sein Denken der De-konstruktion, der »Entlarvung von Konstruktionen«, ist Zeit seines Lebens mit zahlreichen Vorurteilen bedacht worden. Insbesondere im deutschsprachigen Raum wurde dabei allerdings übersehen, dass in Derridas Relecture der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte zugleich Elemente und Kriterien dieses Erbes erkennbar wurden, die gerade in politischer Hinsicht zukunftsträchtig sind.

Welcher Art von Diskurs kann man heute trauen?

In Zeiten der Wirksamkeit strategischer Lügen und von  »messagecontrol«, dem politischen Nicht-Antworten auf präzise gestellte Fragen, von gelenkter Demokratie und Formen des Populismus, die sich nicht vom Volk steuern lassen, sondern selbst das Volk zu steuern versuchen, stellt sich die für das soziale und politische Zusammenleben brisante Frage: Wem trauen? Welcher Art von Diskurs Vertrauen schenken?  Dabei fehlt es keineswegs an Vernunft in den öffentlichen Debatten – es fragt sich nur: Wozu wird sie eingesetzt, um welches Ziel, mit welchem rationalen Kalkül zu erreichen?

Jacques Derrida hat von seinen ersten Publikationen Anfang der 1960er-Jahre an die herrschenden Diskurse seiner Zeit darauf hin befragt, welche zum Teil unreflektierten Voraussetzungen in ihnen wirksam sind, auf welchen Grundlagen sie aufbauen und ob diese haltbar sind. Das ist vielfach als bloß kritische Haltung wahrgenommen worden, doch ergaben sich dabei zwangsläufig auch Kriterien dafür, unter welchen Bedingungen ein philosophisches, politisches oder juridisches Denken und eine darauf aufbauende Praxis ihren Ansprüchen gerecht werden. Entgegen einer verbreiteten Ansicht besitzt die Dekonstruktion somit von Anfang an einen bejahenden, Praxis begründenden Grundzug.

Die Frage nach der Identität Europas

Vor fast genau 30 Jahren, kurz nach dem Berliner Mauerfall, hielt Derrida im Mai 1990 in Turin einen Vortrag zur „Identität Europas“, der auch für die gegenwärtigen politischen Herausforderungen nichts an Aktualität eingebüßt hat. Unter dem Titel „Das andere Kap. Erinnerungen, Antworten und Verantwortungen“[1] stellte sich Derrida der Frage nach dem Erbe und der daraus ablesbaren Identität des alten, in vielerlei Hinsicht erschöpften Namens Europa. Dieser Name bezeichnet weder eine klar abgrenzbare geographische Region, noch ist er einfach von einem der höchst unterschiedlichen „Projekte“, „Identifizierungen“ und „Selbstinszenierungen“ seiner Geschichte her zu verstehen – obwohl er zugleich auch nicht von ihnen getrennt werden kann.

Derrida setzte an den Beginn seiner Überlegungen in Turin ein nur scheinbar paradoxes Axiom: „Es ist einer Kultur eigen, dass sie nicht mit sich selber identisch ist.“ (Kap 12, Kursiv i.O.) Er konnte dieses Axiom formulieren, da „Kultur“ (von lat. colere, »pflegen, bebauen«) per definitionem eine „Art des Umgangs“ bezeichnet, die zum einen nicht einfach vorgegeben ist und zum anderen auf Gegebenes „reagiert“ bzw. „antwortet“. Kultur kann sich somit nicht einfach mit-sich-identifizieren, sie ist vielmehr stets auf anderes bezogen – und findet ihre Identität eben in der spezifischen Art und Weise dieses Umgangs. „Es gibt keinen Selbstbezug, keine Identifikation mit sich selber ohne Kultur – ohne eine Kultur des Selbst als Kultur des anderen.“ (Kap 13)

Was hat dies jedoch mit dem alten Namen Europa zu tun? Derrida kleidet dies in eine Frage: „Wird das Europa von gestern, von morgen oder von heute nichts als ein Beispiel für die­ses Gesetz sein?“ In einer breit angelegten Relecture der Geschichte des Selbstverständnisses bzw. des „Geistes Europas“, wie sie im 20. Jahrhundert auch von Paul Valéry und Edmund Husserl formuliert wurde, vergleicht Derrida diesen Geist mit dem Wortfeld des lateinischen caput („Haupt“) bzw. dem französischen und deutschen „cap / Kap“und dem englischen „heading“. Hat sich Europa nicht stets in gewisser Weise als ein kulturelles Haupt, als eine „vorgeschobene Spitze“ (Kap, Phallus) und als eine Art „Kapitale“ (Hauptstadt, Zentrum) verstanden? Die Assoziationen dazu sind heute allerdings selten positiv und die damit verbundene Praxis – z. B. des Kolonialismus und des Kapitalismus – in vielerlei Hinsicht sogar katastrophal. Im französischen „faire cap“ („Kurs nehmen auf“) sowie im Englischen „heading towards“ wird jedoch deutlich, dass mit dem Wortfeld des Kaps stets die Orientierung auf das andere hin eigens mitzubedenken ist. Welche Rolle spielt demnach „das Andere“ für die Identität Europas? In welcher Beziehung steht das Andere zum Erbe Europas?

Worin genau besteht das Erbe Europas?

Derridas Hinweis auf das kulturelle Nicht-mit-sich-selbst-identisch-sein und die Analogie zwischen dem Geist Europas und dem Wortfeld des Kaps heben einen Grundzug des europäischen Erbes hervor, den es zu entfalten gilt: Die mit dem alten Namen Europa verbundene Kultur hat sich offensichtlich nie einfach mit sich selbst zufrieden gegeben. Sie hat stets versucht über sich hinauszugehen – auf das noch ausständige Andere hin, auf den oder die Anderen zu: im Denken, in der Philosophie, in der Wissenschaft, aber ebenso in der Politik, in der Wirtschaft, etc. Nicht selten hat dies zum Schlimmsten geführt, zu Unterdrückung und Beherrschung, Kolonialismus, Auswüchsen der Globalisierung u.v.m. Zugleich gehört es aber zum selben Geist Europas auch darüber hinauszugehen und eben diese Art der Nicht-Wahrnehmung und Ausbeutung des und der Anderen zu erkennen – und so das Missverständnis einer Identität-mit-sich-selbst, die sich gegen-den-Anderen zu bestimmen versucht, zu entlarven, zu de-konstruieren und seine Überwindung einzuklagen. Auch die Aufklärung, die Menschenrechte, die Frage nach universaler Gerechtigkeit, die Kritik am Paternalismus und einem männlichen (phallischen, souveränen) Herrschaftsideal, der Kampf gegen den Kolonialismus, den Kapitalismus, eine fragwürdige Globalisierung und sogar den Eurozentrismus selbst gehören in dieses selbe Erbe Europas, obwohl dieser Kampf natürlich nicht mehr „bloß europäisch“ ist. Daher spricht Derrida nie vom Kap allein, wenn es um das Erbe Europas geht, sondern vom „anderen Kap“, vom „Kap des Anderen“, sogar vom „anderen des Kaps“.

Europa als ob nicht Europa

In diesem Sinn erhalten das Axiom des kulturellen Nicht-mit-sich-selbst-identisch-seins und die bereits erwähnte Frage Derridas nochmals einen anderen Klang: „Wird das Europa von gestern, von morgen oder von heute nichts als ein Beispiel für die­ses Gesetz sein?“ (Kap 13) Derridas Schlussfolgerung aus dem Erbe Europas und zur Identität Europas bleibt nicht an der Oberfläche des Sammelsuriums dessen stehen, was mit diesem Namen assoziiert werden kann. Er betont vielmehr den unhintergehbaren Zusammenhang von Über-sich-hinausgehen und sich-vom-Anderen-her-in-Frage-stellen und -in-Frage-stellen-lassen. Gehört es nicht auch zum Erbe und zur Identität Europas, das „Andere“ gegen den Eurozentrismus zu verteidigen und die Anderen in ihrem Kampf zu unterstützen? Derrida formuliert daraus eine Verantwortung Europas: „vielleicht besteht die Verantwortung darin, dass man aus dem erinnerten Namen [Anm. »Europa«], aus dem Gedächtnis des Namens, […] eine Chance, das heißt eine Öffnung der Identität hin zu ihrer eigenen Zukunft macht.“ (Kap 29)

Daraus entsteht ein neues Verhältnis von Identität und Universalität, das durchaus als normatives Kriterium für ein globales Denken und eine globale Praxis verstanden werden kann: Das »Eigene«, das was die »eigene Identität« und die »spezifische Kultur« ausmacht, müsste daran gemessen werden, inwiefern es dieser regionalen oder nationalen Identität gelingt (oder nicht gelingt), das Universale zu repräsentieren, das heißt auch: das Andere wahr- und ernstzunehmen. Damit wird keine Einheitskultur propagiert, sondern eine Vielfalt ermöglicht, deren verallgemeinerbares Kriterium der Anerkennung darin besteht, auf „regionale Weise“ das „Globale“ zu repräsentieren. Die Tradition der Menschenrechte würde in diese Richtung gehen (wenn man sie nicht als kündbaren „Vertrag“ missinterpretiert), ebenso die Idee des Rechtsstaates (wenn man ihn nicht mit der fragwürdigen Struktur der Souveränität seiner Verantwortung enthebt). Entscheidend ist in jedem Fall die Anerkennung der Möglichkeit der Berufung, die ein Kriterium sichtbar werden lässt, die den heute grassierenden Populismus effektiv zu entlarven vermag: Weder eine quasi-souveräne Entscheidung „von oben“ noch eine zumeist ebenso fragwürdige Mehrheitsmeinung „von unten“ dürften sich der kritischen Möglichkeit der Berufung entziehen. Nur in diesem Sinn kann man einer stets dringlichen politischen oder juridischen Entscheidung trauen.

Welchem politischen Diskurs kann man trauen?

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz hat vor einigen Wochen das Gegenbeispiel zu einem vertrauenswürdigen politischen Gestus geliefert. Auf die Verfassungsgemäßheit mancher Maßnahmen und Verordnungen seiner Regierung an­gesprochen, sowie auf die nötige kritische Prüfung derselben, antwortete der Bundes­kanz­ler Mitte April, dass die Entscheidungen aus einer solchen Prüfung durch die Höchstgerichte vermut­lich erst zu einem Zeitpunkt gefällt würden, an dem die Maßnahmen selbst nicht mehr in Kraft wären. Demnach würden die Prüfung und ihr Ergebnis für die gegenwärtige Entschei­dung und ihre befristeten Folgen de facto keine Relevanz besitzen.[2] Strukturell bedeutet dies die Negation der Bedeutung künftiger Kritik für die Legi­timität politischen Han­delns in der Ge­genwart und damit die Verweigerung der Verantwortung gegenüber dem, was durch die herr­schenden Maßnahmen „aus­geschlossen“ wird und von ihr unberücksichtigt bleibt. Der politische Gestus, der hier per­for­mativ sichtbar wird, ist derjenige der klassischen Souveränität. (Mittlerweile hat der österreichische Verfassungsgerichtshof am 22. Juli 2020 Kernelemente der Corona-Regelungen der Bundesregierung als verfassungswidrig erkannt und außer Kraft gesetzt. Offen bleibt, was es bedeutet, wenn ein politischer Entscheidungsträger zum Zeitpunkt einer Entscheidung die Möglichkeit einer solchen Kritik de facto als irrelevant für die Durchführung politischer Maßnahmen erachtet.)

Derridas messianische „Zukunft schon jetzt“: die democratie à-venir

Derridas Grundlegung des Politischen, sowie politischer und juridischer Praxis hat demgegenüber stets einen anderen Gestus hervorgebracht, der mit der Temporalität der „messianischen Zeit“ in den monotheistischen Traditionen vergleichbar ist: Das Kriterium für die strukturelle Legitimität einer politischen oder juridischen Entscheidung liegt darin, inwiefern es gelingt, das künftige – vielleicht niemals vollständig erreichbare – Ziel schon hier-und-jetzt wirksam und sichtbar werden zu lassen. De-konstruktion bedeutet also nicht, die Gegenwart zu kritisieren, um auf eine künftige Verwirklichung zu vertrösten, sondern jene Kriterien umzusetzen, die sich nicht einfach mit den Gegebenheiten identifizieren, sondern das Andere, die Zukunft in der Gegenwart bereits ankommen (à-venir, adventus) lassen.

„Ein letztes Wort noch: […] Ich bin ein Europäer, zweifellos bin ich ein europäischer Intellektueller, und es gefällt mir, daran zu erinnern; weshalb sollte ich mich dagegen wehren? Doch bin und fühle ich mich nicht durch und durch europäisch. Damit will ich sagen (liegt mir daran, ich muss es sagen), dass ich nicht durch und durch europäisch sein möchte und darf. […] Meine kulturelle Identität, jene, in deren Namen ich rede, ist nicht bloß europäisch, sie ist nicht mit sich selber identisch; ich bin nicht durch und durch »kultu­rell«.“ (Kap 60)

 

Peter Zeillinger ist Theologe und Philosoph. Er ist wissenschaftlicher Assistent der THEOLOGISCHEN KURSE der Österreichischen Bischofskonferenz und Lektor am Institut für Politikwissenschaft und sowie am Institut für Philosophie der Universität Wien. Kontakt: peter.zeillinger@univie.ac.at

 


[1]     Jacques Derrida, Das andere Kap. Erinnerungen, Antworten und Verantwortungen (Mai 1990), in: DERS., Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa (Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992), 9-80.

[2]     Zu einer verfassungsrechtlichen Kritik der Äußerung von Sebastian Kurz siehe das Statement des Wiener Rechts­phi­lo­so­phen Alexander Somek: Alexander Somek, Is the Constitution Law for the Court Only? A Reply to Sebastian Kurz, VerfBlog, 2020/4/16, verfassungsblog.de/is-the-constitution-law-for-the-court-only/ [Download 9.5.2020].

 

Erstquelle: feinschwarz.net

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