Flüchtlinge

Europas "Geduld"

01.10.2013 - Nasreen Ahmadi

Am Rande von Oberursel, einer Vorstadt von Frankfurt, stehen heruntergekommene beigefarbene Container. Dass in diesen schäbigen Containern Menschen leben, konnte ich zuerst nicht glauben. Doch als mich zwei Mädchen vor dem Container, eines aus Afghanistan und die andere aus Mazedonien aufklären, dass dies das Asylheim sei, bin ich mehr als geschockt.

In dem von Rost zerfressenen Containern sind ungefähr 130 Flüchtlinge untergebracht, die auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten oder nur für kurze Zeit geduldet sind. In den Stahlkisten leben auf 15 Quadratmetern zwei Erwachsene. Das Mädchen aus Afghanistan teilt mit ihren beiden Geschwistern und ihrer kranken Mutter seit einem Jahr dort ein einziges Zimmer. Allen Bewohnern stehen Gemeinschaftsküchen und Duschen zur Verfügung. Die Gemeinschaftsküchen befinden sich in schäbigen Zuständen und auch die Sanitäranlagen in den Toiletten sehen schlimmer als benutzt aus. Kein Wunder, weil zu viele Menschen sie benutzen müssen. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort, denn die Duschen und Toiletten sind zum größten Teil nicht abschließbar. Als die Hausmeisterin des Asylheimes merkt, dass ich hier herumgeführt werde, werde ich vom Gelände verwiesen, da es angeblich ein Privatgelände sei. Doch ich glaube, der wahre Grund für den Rausschmiss ist folgender: Sie weiß, dass die Unterbringung in diesem Asylheim keinem menschenwürdigen Standard entspricht. Eine angemessene Unterkunft ist ein Menschenrecht, doch anscheinend nicht für Asylsuchende, denn die Situation im Containerlager Oberursel ist in Deutschland kein Einzelfall.

 

Rund 40 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. In Asylheimen untergebrachte Menschen sind verletzt, traumatisiert und gezwungen auf fremde Hilfe zu vertrauen. Sie haben ihre Heimat, ihr letztes Hab und Gut, ihre Freunde und Familie verloren. Sie flohen vor Gewalt, Krieg, Verfolgung und vor massiven Menschenrechtsverletzungen oder aufgrund miserabler Lebensverhältnisse. Ihr Leben, oder das ihrer Familien, ist bedroht und der einzige Ausweg liegt in der Hoffnung, an einem anderen Ort Schutz und ein neues zu Hause zu finden. Doch wer sich in ein anderes Land retten will, ist nicht unbedingt aus dem Elend befreit und in Sicherheit. Der Traum von einem besseren Leben mit Zukunftsperspektiven verwandelt sich oft in einen Alptraum.

 

Europa mauert sich ein
Europa hat in den letzten Jahren mit ungeheurem Aufwand alle Zugangsmöglichkeiten zum Land abgesperrt. Die Grenzen sind mit Zäunen, Gräben, Radartürmen und Wärmebildkameras gesichert. Grenzsoldaten bewachen mit Schnellbooten die Gewässer. Trotzdem versuchen jeden Tag hunderte von verzweifelten Flüchtlingen die Grenze zum besseren Leben zu überwinden. Dass diese Reise oftmals  ihre letzte sein wird, wissen sie leider nicht. Denn die Küstenwache versucht  mit allen Möglichkeiten, die kleinen, überfüllten Flüchtlingsbote aufzuhalten und zurückzudrängen. Dabei ist ihnen nahezu jedes Mittel recht, denn anscheinend gelten die Menschenrechte außerhalb der europäischen Grenze nicht. Und so sterben jeden Tag vor den Grenzen Europas zahlreiche Männer, Frauen und Kinder. Schaffen sie es doch aufs Festland, treffen sie in den Grenzlagern auf  Erniedrigung, Abschreckung oder sogar Misshandlung.

 

Nach der Drittstadtregelung ist der EU-Staat für das Asylverfahren zuständig, in den der Flüchtling als erstes eingereist ist. Länder können so Asylbewerber bereits an der Grenze zurückweisen, wenn diese aus einem Drittstaat eingereist sind. Griechenland ist mit dieser Regelung besonders überfordert, da dort die meisten Asylsuchenden als erstes ankommen. Deshalb treffen Schutzsuchende vor allem in griechischen Lagern auf menschenunwürdige Verhältnisse. Aber auch in Italien, Malta, Spanien und Ungarn sieht es nicht anderes aus, denn auch dort stehen illegale Zurückweisungen, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung und gewalttätige Übergriffe an der Tagesordnung. Doch die EU ist weit davon entfernt, einen europaweiten Rechtsschutz für Asylsuchende  einzuführen. Stattdessen setzen sie auf Abschottung und Abgrenzung und verweigern somit die Hilfe unter Missachtung des elementaren Gebotes der Menschlichkeit.

 

Flüchtlinge in Deutschland
Flüchtlinge, die es nach schweren Strapazen doch nach Deutschland geschafft haben, leben seit Jahren in entsetzlichen und furchtbaren Verhältnissen. Sie führen ein Leben zwischen Hoffen und Bangen und ohne jede Aussicht, in diesem Land auf Dauer bleiben zu dürfen. Denn sie sind nur für kurze Zeit geduldet, das heißt, dass sie vorübergehend nicht abgeschoben werden können. In Deutschland leben über 200 000 Menschen mit dem Aufenthaltsstatus einer Duldung, die halbjährlich ausgestellt wird. Über die Hälfte  von ihnen werden seit mehr als 10 Jahre „geduldet“. Ihr Leben ist von Fremdbestimmung, Rechtslosigkeit und staatlicher Kontrolle geprägt. Dies fängt schon mit der Zuteilung zu einem Asylbewerberheim an. Der Wunsch in ein bestimmtes Bundesland zugeteilt zu werden, wo Verwandte und Bekannte leben, wird komplett außer Acht gelassen.

 

Geduldete Flüchtlinge unterliegen räumlichen Beschränkungen, die ihnen verbieten, den zugewiesenen Landkreis zu verlassen. Reisen innerhalb Deutschlands und der Besuch von Freunden und Verwandten ist ohne Genehmigung, die in den meisten Fällen nicht erteilt wird, nicht gestattet. Die Fremdeinmischung geht soweit, dass Flüchtlinge den ihnen zustehenden Geldbetrag nur in Form von Gutscheinen, Sachleistungen, Kleidung und Lebensmittelpaketen bekommen. Ihnen wird deutlich vor Augen geführt, dass sie am gesellschaftlichen Leben nicht teilhaben dürfen und hier nicht erwünscht sind. Die Ausübung einer Arbeit ist im ersten Jahr verboten. Aber auch nach diesem einen Jahr ist die Wahrscheinlichkeit Arbeit zu finden ziemlich gering, da andere Arbeitnehmer, Deutsche oder EU-Ausländer, gegenüber Asylsuchenden Vorrang haben. Außerdem wollen viele Arbeitgeber niemandem einen Job anbieten, von dem sie nicht genau wissen, ob er noch in den nächsten zwei Monaten anwesend ist. Doch trotz all dieser Hindernisse gilt die Erwerbstätigkeit als entscheidender Faktor für eine längere Bleibeoption.
Integration trotz massiver Ausgrenzung

 

Elif A. kam im Alter von sieben Jahren mit  ihrer Familie und ihren drei Schwestern  im Januar 1994 nach  Deutschland. Aus politischen Gründen flohen sie aus der Türkei. Dass sie die nächsten 13 Jahre ein Leben mit unsicherer Aufenthalts- und Lebensperspektive zwischen Ausreisepflicht und Bleiberechtsoption führen müssten, wussten sie jedoch nicht. Alle drei Monate wurde ihr Duldung nur verlängert. Vor jeder Verlängerung erfasste sie Panik und Angst. Einen relativ normalen Alltag zu gestalten war schwer, denn oft hat man mit ansehen müssen, wie Familien und Freunde von heute auf morgen trotz Duldungsstatus abgeschoben wurden.

 

Da Elif mit ihrer Familie nur auf Duldung lebte, wurde ihren Eltern kein Deutschkurs angeboten und so musste sie sich um alle bürokratischen Hürden selbst kümmern. Dass diese Lebenssituation sie besonders belastete, versuchte sie zu verbergen. Schon früh merkte sie, dass sie hier “anders leben“ musste, als all ihre Mitschüler. Das fing schon damit an, dass sie und ihre Familie jahrelang in einem Asylheim untergebracht waren. Während all ihre Freundinnen ein eigenes Zimmer hatten, lebte Elifs Familie zu sechst in zwei Zimmern mit einer Gemeinschaftsküche. Freunde zu sich „nach Hause“ einzuladen war ihr deshalb unangenehm peinlich. Auch die Klassenfahrt nach Italien wurde ihr bis zur letzten Sekunde verboten. Erst durch das Einschreiten ihrer Lehrer bekam sie die Erlaubnis von den Behörden. Trotz der vielen Unsicherheiten und Entmutigungen versuchte Elif sich gegen diese Ausgrenzungen zu widersetzen.

 

Während viele Asylkinder oft durch die massiven Ausgrenzungen und das fehlende „zu Hause“, das von hoher Bedeutung für eine gesunde Entwicklung des Kindes ist, demotiviert wurden, bewirkten all diese Belastungen bei Elif und ihren Geschwistern ein besondere Motivation. Und so erreichten sie schulische Bestleistungen und waren nebenbei noch gesellschaftlich sehr aktiv. Trotzdem wurden sie weiter mit einer kurzfristigen dreimonatigen Duldung bestraft. Wenn alle Kinder reihum von ihrem Urlaub erzählten, konnten sie nur schweigen, weil sie aufgrund ihrer eingeschränkten Rechte kein Recht auf Urlaub hatte. Immer wieder stellte sie sich die Frage, warum die Behörden denn nicht sehen, dass sie nach all den Jahren ein Teil der Gesellschaft geworden waren. Warum man ihnen die gesellschaftliche Zugehörigkeit verweigerte, obwohl sie ihre Kindheit und Jugend hier verbracht  und sich bemüht hatten, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

 

Erst nach 13 Jahren Kettenduldung bekamen sie und ihre Schwestern dann endlich einen Aufenthaltsstatus und damit ihre Selbstbestimmung. Was man ihr jedoch in all diesen Jahren genommen hatte, war eine schöne Kindheit, denn früh musste sie erwachsen werden und sich mit Fragen beschäftigen, mit denen sich Kinder eigentlich nicht auseinander setzten sollten. Heute studiert  Elif in Gießen BWL und ist im letzten Semester. Nebenbei arbeitet sie in einem Unternehmen als Werkstudentin und engagiert sich ehrenamtlich. Hätten die Behörden sich für eine Ausweisung entschieden, wäre Deutschland eine hochengagierte Bürgerin verloren gegangen. Bis heute fragt sich Elif, warum man mit den Kettenduldungen die Menschen so sehr quält und ihnen das Gefühl gibt nicht erwünscht zu sein .Warum die Politik durch bessere Asylgesetzen nicht verantwortlicher handelt, endlich mehr Verantwortung übernimmt und die Kettenduldungen abschafft.

Wenn Humanität zur Inhumanität wird
Das die Bleiberechtsregelung und die Aussetzung der Abschiebung aus humanitären Gründen erfolgt, ist vielleicht nicht zu bestreiten. Doch dass man Menschen mit einer drei-bis sechsmonatigen Duldung über Jahre hinweg jede Chance nimmt, sich eine Zukunft aufzubauen, den Alltag zu gestalten und eine Arbeit zu finden ist nicht zu leugnen. Die zahlreichende Einschränkungen müssen deshalb aufgehoben werden. Wenn man Menschen Schutz gewähren möchte, wachsen daraus auch moralische Verpflichtungen. Keiner der Menschen ist freiwillig aus dem Land geflohen. Viele von ihnen bringen grauenvolle und traumatische Erlebnisse mit sich. Sie einfach am Rande der Stadt in einen Container wegzusperren, wie dies im  Asylheim in Oberursel geschieht, ist keine Lösung. Denn das bewirkt nur, dass sich rassistische Vorurteilsstrukturen gegenüber Schutzsuchenden weiter in der Gesellschaft ausbreiten und Dialoge, Begegnungen und Sensibilisierung nicht zustande kommen.

 

 

 

 

Foto: © HORIZON

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