Radikalismus

Extremismus ist kein Virus, das Menschen befällt

01.03.2021 - Mohammad Saboor Nadeem

“Risikogruppe”, “Gefahr”, “Präventionsmaßnahmen”, dieses sind nur einige Begriffe, welche wir zur Zeit in Verbindung mit der Corona-Pandemie oft hören. Bisher habe ich diese Wörter hauptsächlich mit dem öffentlichen Diskurs über Radikalisierung verbunden. Jedoch hat die medizinische Sichtweise mir verdeutlicht, wie Wörter unser Verständnis von Radikalisierung trüben können.

Dass das Corona-Virus eine Gefahr für Leib und Leben darstellt, leugnen nur die Wenigsten. Es ist ein Virus, das durch Tröpfchen von einem Menschen zum Anderen übertragen wird. Sodass wir dem Risiko, uns zu infizieren, hilflos ausgesetzt sind. Außer wir schützen uns bestmöglich. Dafür wurden im Eiltempo Studien angelegt und Schutzkonzepte ausgearbeitet, die Risikogruppen identifizieren und besonders anfällige Menschen effektiv schützen sollen. Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln wurden gesetzlich verordnet, damit wir vor der Gefahr, die vom Virus ausgeht, geschützt werden.

Dieses Muster erinnert stark an den 2015 von der britischen Regierung ausgearbeiteten Maßnahmenkatalog zur Einschätzung von Gefahren für vulnerable Personen, die besonders anfällig für extremistische Ideologien sind. Öffentliche Einrichtungen, wie Bildungseinrichtungen und Sportvereine, sind von der Regierung aufgefordert, regelmäßig zu prüfen, ob Anlass zur Sorge besteht, dass junge Menschen mit extremistischen Ideen angesteckt und manipuliert werden. Um dann in den jeweiligen Hotspots effektive Präventionsmaßnahmen zur Eindämmung einzuleiten, damit identifizierte Risikogruppen nicht zu blutrünstigen und rachsüchtigen Monstern mutieren.

Obwohl hier von zwei unterschiedlichen Dingen die Rede war, also einmal vom Corona-Virus und von Extremismus, ist der sprachliche Umgang damit derselbe. Dass dabei eine elterliche Fürsorge durchklingt, ist verständlich. Aber wer die Beiträge von Virologen und Experten über die Ausbreitung von Viren und Ansteckungsgefahren verfolgt, wird mir sicherlich zustimmen, dass wir im Umgang mit dem Thema Radikalismus einen Paradigmenwechsel brauchen. Denn anders als ein Virus werden Extremisten und extremistische Organisationen, die sich als revolutionäre Bewegungen verstehen, von politischen Motiven angetrieben. Dabei zeigt der sprachliche Umgang auch, wie wir Extremisten unbewusst infantilisieren, indem wir annehmen, dass Menschen von extremistischen Ideologien wie von einem Virus befallen würden und hilflos dagegen seien. Wie bei einer “ideologischen Infektion”. Dieses falsche Verständnis liegt dann dem öffentlichen Diskurs über Radikalisierung zugrunde und wird immer wieder vorgetragen.

Ähnlich haben die Demokraten im US-Repräsentantenhaus, in einer Anklage gegen den ehemaligen Präsidenten Donald Trump, argumentiert. Darin wird ihm vorgeworfen, Menschen radikalisiert und mit Gewaltphantasien angesteckt zu haben. Schon früher haben politische Kommentatoren ihm in ähnlicher Weise vorgehalten, durch antimuslimische Gesetzentwürfe und ausländerfeindliche Rhetorik islamistisch-extremistische Organisationen, wie den IS, zu Anschlägen in den USA emotional zu provozieren.

Im Umkehrschluss heißt dies, dass Extremisten, gleich ob Rechtsextremisten oder Islamisten, durch solche “ansteckenden” rhetorischen Provokationen, wie am Beispiel des US-Präsidenten, hypnotisiert würden und so noch mehr Zulauf und Anhänger gewinnen würden. Der Verständlichkeit halber bleibe ich nun beim letzteren Beispiel, welches aber auch auf Rechtsextreme o.ä. ebenso übertragen werden kann.

Denn z.B. anhand folgender Annahme, also dass Trump als Sinnbild für den Westen, alle Muslime diskriminiere und unterdrücke, umgewandelt als Narrativ der Terrororganisation IS, eine ansteckende Gefahr für anfällige Personengruppen darstelle, sich zu radikalisieren, kann man drei betrübliche Konsequenzen auf sozialer Ebene feststellen.

Erstens ist es erniedrigend und kriminalisiert unnötigerweise alle Muslime. Dadurch werden sie als naiv und gleichzeitig gefährlich portraitiert und unterliegen dem generellen Verdacht, dass z.B. strengere Einwanderungsgesetze oder der Gebrauch von politisch-inkorrekter Sprache ihre Gefühle so sehr verletzen oder automatisch Böses in ihnen hervorrufen könnte, dass sie die Seiten wechseln und zu gewaltbereiten Extremisten würden. Dies führt auch dazu, dass Stimmen immer lauter werden, die fordern, dass man alle Muslime vor bestimmten Formulierungen und Ideen schützen müsse, die ihre Glaubenssätze oder Ehrbegrifflichkeiten verletzen könnten. Hier schwingt ebenfalls latent die Angst mit, dass ein solches (Fehl-)Verhalten Muslime zu extremistischen Taten drängen würde, und man unterstellt ihnen eine besonders fragile kollektive Psyche.

Zweitens verdreht die Annahme, dass Islamismus eine “Gefahr” für “anfällige” Personengruppen darstelle, Täter und Opfer. Was bei einem Virus stimmt, also dass die Gefahr davon ausgeht, gilt nicht für abstrakte Begriffe. Wie absurd eine solche Annahme ist, wird deutlich, wenn man diese auf das extreme Beispiel von häuslicher Gewalt anwendet. Niemand würde ernsthaft behaupten wollen, dass z.B. häusliche Quarantäne eine Gefahr darstelle, sodass alle Männer Frauen misshandeln würden. Folglich geht die Gefahr beim Extremismus, wie bei häuslicher Gewalt, von dem Mann aus, der Gewalt ausübt. Nicht von Hotspots (z.B. Ghettos oder Moscheen) oder vermeintlichen Risikogruppen, wo eine “infektiöse” Gefahr vermutet wird.

Drittens entpolitisiert dieses Verständnis den Islamismus und seine gewaltbereiten Anhänger, indem ihr politisches Interesse und Motiv geleugnet wird. Ihr gewaltbereites Verhalten ist nicht allein auf ihre emotionale Anfälligkeit zurückzuführen, es sind hauptsächlich politische Gründe. Wer Hassparolen eines Politikers oder ein Narrativ der Terrororganisation IS als Gefahr für emotional anfällige Muslime in irgendwelchen Hotspots beschreibet, übersieht dabei die mächtige intellektuelle Anziehungskraft revolutionärer Bewegungen, die mit ihrer politischen Botschaft einer moralisch verdorbenen westlichen Zivilisation und islamisch religiöser Authentizität vermehrt reife und gebildete Muslime anspricht. Sicherlich mögen auch naive, frustrierte und beleidigte Muslime sich dem IS angeschlossen haben, doch empirische Studien und verschiedene Geheimdienstberichte zeigen, dass viele gut gebildete Muslime aus Europa und Amerika sich dem IS angeschlossen haben, die dadurch auch ihren Drang, politisch etwas zu ändern und gehört zu werden, befriedigt haben.

Extremismus ist stets politisch motiviert. Jene, die sich radikalisieren, tun dies bewusst. Es sind oft nicht die Naiven oder Hilflosen, die giftigen Ideologien vermeintlich zum Opfer fallen, sondern meist die idealistisch und intellektuell Neugierigen, die sich zu extremistischen Ideologien hingezogen fühlen. Dieses Verständnis muss sich auch im sprachlichen Umgang mit dem immer größer werdenden Problem der Radikalisierung in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Wer weiterhin davon ausgeht, dass Extremismus sich wie ein Virus verbreitet, wird ihn nicht aufhalten können. Dafür brauchen wir als Gesellschaft ein besseres Verständnis von Radikalisierung, eine klare Sprache und überzeugende bzw. wirkungsvolle politische Argumente dagegen. Einen Impfstoff gegen Extremismus wird es nämlich nie geben!

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