Kolumne: Lupus Oeconomicus

Falsch liegen

01.05.2022 - Nicolas Wolf

„Errare humanum est“ ist ein Ausspruch, in dem viel Wahrheit steckt. Doch so menschlich das Irren auch sein mag, sich Irrtümer gar nicht oder nur sehr widerwillig einzugestehen ist ebenso menschlich. Wir homo sapiens mögen es halt so gar nicht, wenn unser Ego Schaden nimmt, sodass wir selbst angesichts eklatanter Fehleinschätzungen dazu neigen, Rechtfertigungen zu erfinden mit dem Ziel, von unserem eigenen Unvermögen abzulenken oder es zu relativieren.

Angesichts dieses Aufmachers läge es nahe, an dieser Stelle auf den deutschen Politikbetrieb einzugehen, wo aufgrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine sich viele Politiker die Frage gefallen lassen mussten bzw. müssen, ob die von ihnen praktizierte Russlandpolitik nicht auf einem gewaltigen Irrtum beruhte und ob man es nicht hätte besser wissen müssen. Aber dieses Thema werde ich Anderen überlassen. Es sei lediglich gesagt, dass in dieser Situation (wie in der Politik generell immer wieder) es äußerst interessant zu beobachten ist, wie unsere Volksvertreter reagieren, wenn man ihnen ihre eigene Fehlbarkeit oder die ihrer Partei vorhält.

Stattdessen möchte ich mir lieber an die eigene Nase fassen und diese Kolumne der Selbstreflexion widmen. Denn auch ich habe mit so einigen Dingen ziemlich daneben gelegen, zum Beispiel beim Thema „Inflation“. Es ist etwas mehr als ein halbes Jahr her – September 2021 um genau zu sein – da schrieb ich einen Text mit dem Titel „Wer hat Angst vor Inflation?“ Er fiel in eine Zeit, wo die Weltwirtschaft Impfstoffen sei Dank eine starke Erholung erfuhr und die Teuerungsraten deutlich über dem 2-%-Ziel sämtlicher Zentralbanken lag. Ich war zu jener Zeit der Ansicht, dass diese erhöhte Inflation temporärer Natur sei und sich bald wieder legen würde. Nun, acht Monate später, muss man eindeutig feststellen: Jene Preissteigerungen dauern nicht nur weiterhin an, nein, ihre Dynamik hat vielmehr noch deutlich zugenommen. Die Notenbanken, sei es die amerikanische Fed oder die Europäische Zentralbank, hinken hinterher und müssen nun im Eiltempo die Zinsen erhöhen. Die Gefahr einer Rezession ist sehr real.

Hinweis: Der Autor dieser Kolumne hat die Inflationsgefahr im September 2021 unterschätzt

Dies ist eine Entwicklung, die ich so nicht erwartet hätte – das muss ich ehrlicherweise zugeben. Dementsprechend frage ich mich natürlich, warum ich hier falsch gelegen habe. Selbstverständlich gab es viele Stimmen, die vor den Gefahren einer zu lockeren Geldpolitik und entfesselter Inflation gewarnt hatten. Aber viele von eben jenen „Inflationsfalken“ haben exakt dies schon seit mehr als zehn Jahren getan, ohne dass sich ihre Warnungen jemals bestätigt hätten. Warum haben sie nun dieses Mal (endlich) Recht behalten? Oder anders formuliert: Welches Modell beschreibt die Disinflation seit der Finanzkrise von 2008 und gleichzeitig die für Industrieländer sehr hohe Inflation, die wir derzeit erleben? Ich habe da so ein paar Ideen, aber dafür fehlt hier der Platz. Was mein eigenes Denken angeht, so glaube ich, dass meine Fehleinschätzung auf einer Mischung aus „Status Quo“- und „Confirmation Bias“ beruhte. Daniel Kahneman und Amos Tversky lassen grüßen!

Doch es ist nicht nur die derzeitige Inflationsdynamik, die mir eine gehörige Portion „humble pie“ aufgetischt hat. Die letzten zwei Jahre waren aufgrund der Pandemie in vielerlei Hinsicht bemerkenswert (um es mal neutral zu formulieren), aber auch auf intellektueller Ebene sehr lehrreich. Wenn ich an meine Kolumnen zurückdenke und mich ehrlich frage, was ich sonst noch so alles während der Covid-19-Pandemie gedacht, gehofft und erwartet habe, dann gab es sicherlich den einen oder anderen lichten Moment, aber insgesamt war ich wahrscheinlich viel zu optimistisch und habe die Dauer der Pandemie deutlich unterschätzt. So erinnere ich mich, wie ich im Mai oder Juni 2020 versucht habe, Freunde für die Vorstellung zu begeistern, wie jedes Jahr üblich auch im Dezember 2020 über den Hamburger Weihnachtsmarkt zu ziehen. So kann man sich irren!

Pandemie = Lehrgeld

Die größte Lehrstunde in Sachen „intellektueller Bescheidenheit“ erteilte mir jedoch der Beginn der Pandemie. Ich weiß nicht mehr, was mir genau im Februar 2020, als die Situation in Norditalien immer brenzliger wurde, durch den Kopf ging, aber mit Sicherheit nicht: „Was in Bergamo und Brescia geschieht, wird bald auch im Rest der Welt passieren.“ Fest steht auch, dass ich meine Aktieninvestments nicht verkauft habe, was angesichts einer drohenden Pandemie sicherlich klug gewesen wäre. Was mich ein wenig tröstet, ist, dass ich nicht der Einzige war, der diese Zusammenhänge nicht rechtzeitig erkannt hat bzw. sie vielleicht auch nicht erkennen wollte. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit jemandem, der für einen Mittelständler mit Produktionsstätten in China und Europa in einer leitenden Position tätig ist. Im Frühjahr 2020, als in Europa die Fließbänder aufgrund des Lockdowns stillstanden, erzählte er mir, wie genau dies eigentlich vorhersehbar gewesen wäre, als das Unternehmen ein paar Monate zuvor im Reich der Mitte die Produktion aufgrund von Sars-Cov-2 unterbrechen musste, aber niemand sich so wirklich ausmalen konnte, dass man auch in den hiesigen Gefilden zeitweise die Produktion werde ruhen lassen müssen. Und vielleicht ist das auch die Moral von der Geschichte: Dass vieles, was im Nachhinein so offensichtlich erscheint, zu den Dingen zählt, die wir uns im entscheidenden Moment nicht vorstellen können oder schlicht nicht wahrhaben wollen.

Ich weiß nicht, ob diese Kolumne ein Lesevergnügen ist. Aber für mich persönlich zumindest ist sie eine sehr hilfreiche Übung in Sachen intelektueller Aufrichtigkeit. Und während ich dies schreibe, kehre ich abermals zu dem Gedanken zurück, dass mein Investmentportfolio über Jahre hinweg zu defensiv aufgestellt war und dass ich, als ich die Gelegenheit dazu im März 2020 hatte, nicht aggressiv genug Aktien nachgekauft habe. Das wurmt mich auch zwei Jahre später noch, weil ich mich für „smarter“ gehalten habe, als ich am Ende tatsächlich war. Ich hoffe natürlich, aus all diesen Fehlern zu lernen, aber das ist leichter gesagt als getan. Denn ein grundsätzliches Problem, sich in einer komplexen und komplizierten Welt zurechtzufinden, besteht darin, dass oftmals einfach nicht genug Zeit bleibt, um sich so umfassend zu informieren, wie man es eigentlich müsste – und am Ende zieht man dann mitunter Schlüsse, die auf Heuristiken, Halbwissen und Bauchgefühl beruhen. Ich fürchte, dass sich das in vielen Situationen leider nicht vermeiden lässt. Aber sich den Grenzen seines Wissens und seines Urteilsvermögens ein wenig bewusster zu sein, ist immerhin ein Anfang, um künftig bessere Einschätzungen und Entscheidungen zu treffen. Ich wünsche mir, dass ich dies auch fortan beherzigen werde – und damit nicht alleine bin.          

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