Gedicht

Falsche Brille

15.03.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Manchmal erinnert mich die aktuelle Gender-Debatte

An einen Schwesternstreit aus alten Tagen

An ein halb-leeres Glas, eine more is less Mess-Latte

An Frust-Raus-Lassen und vermeintlich berechtigtes Klagen

An ein Sich-Beweisen-Wollen und endlich etwas wagen

Ich weiß, meist waren das nur Übergangsphasen

Im Grunde genommen konnte man sich ja gut vertragen

Ohne am frühen Morgen gleich was Fieses zu sagen

Aber wenn´s dann wieder einmal geschah

Und man im anderen den Ursprung des Bösen sah

Konnte man Schwesters Herz kaum noch erreichen

Musste man um Aufmerksamkeit buhlen und heischen

Und das fast nie in Ruhe, aber sehr oft im Kreischen

Das war die Zeit, als wir wie zwei Inseln auseinanderwichen

Und den jeweils anderen aus der Landkarte strichen

Unsere Divergenzen waren kaum zu überbrücken

Wollten uns entweder ignorieren oder total ausflippen 

Konnten die Stimmung meist nicht mehr kippen, die

Wütenden Tränen und zitternden Lippen nicht unterdrücken

Wir wussten, Glück ist mehr als die Summe ihrer 

Harmonischen, „Zweisamkeits-Glücksmomente“

Wir erhofften die Erfüllung von Sinn und Recht

Ohne die Aufteilung in Hecht und Knecht

Das hieße im Gendersprech

Ohne Unrecht auf Basis des Geschlechts

Die jeder von uns anders verlangte

Doch, was sollte ich tun?

Meine Schwester war die Jüngste

Und oftmals die Begünstigste

Sie war ziemlich dominant 

Geriet selbst in einer Anarchie 

Außer Rand und Band

Aber meine Schwester sah das anders

Sie fand mich zu sensibel

Oftmals zu besserwisserisch

Und vermutlich auch penibel,

Im Urteil dann noch irreversibel

Und hin und wieder gleichgültig

Wir waren beide natürlich 

Nicht nur das eine 

Und nicht nur das andere

Aber wir waren trotzdem

In vielem ganz anders

Als der jeweils andere

Wir zeigten unsere Gefühle anders

Hatten ein jeweils anderes Gemüt

Wir wollten nicht einsehen,

Dass der andere uns verbiegt

Auch wenn wir uns 

In vielem ähnlich waren

Waren wir nicht anzugleichen

Wir waren kein leeres Blatt 

das es mit Farbe galt anzustreichen

Wir waren kein klares Bild

Das wir ohne Worte begreifen

Jetzt sind wir älter, haben uns 

In vielem gewandelt 

Sind viel reifer geworden

Haben bewusster gehandelt

Und dennoch verleihen 

Wir uns selten Orden

Sehen immer nur Süden und Norden

Sagen, das Reisen von Insel zu Insel

Sei anstrengend geworden

Sagen, die Distanz sei zu groß,

Sagen, es sei zu viel los

Sagen, Fortschritt Zug um Zug seien nicht genug

Und sagen das weiterhin, auch noch im Flug

Was also tun?

Wenn wir in alten Rollen ruh’n?

Wenn wir nicht hinter die Fassade blicken?

Und wenn alte Dynamiken,

Festgefahrene Bilder

Zäune und Schilder,

Mit Emotionen und Klischees

Aufgeladen, immer etwas

Zu dick aufgetragen,

Zusammen in die Höhe ragen?

Was also tun?

Wenn Ideologien in Fleisch und Knochen 

Übergehen und wir sie zur 

Normalität erklären? 

Wenn wir uns lieber extrem, 

Als wirklich gerecht wehren?

Wenn wir das Problem nicht direkt

an der Wurzel packen 

Beginnen an Symptomen entlang

Widersinnig herumzuhacken?

Das ist so als ob wir

Gegen unsere Atembeschwerden

Unseren Lungenarzt beehren

Anstatt unsere Luft von mehr 

Verschmutzung abzuwehren

Weil wir nicht aufhören 

Die Frau als billiges Dessert

Im Supermarkt 

Zu verwahren

Sie als immergleiche Ware 

Zu vermarkten

Weil wir nicht aufhören 

Unsere Frau als erstes als 

"Schön" zu bezeichnen 

Um dann sehr bald ihren

Intellekt anzuzweifeln

Wer begünstigt wen?

Ist es die Mutter der Schwestern 

Oder das neoliberale System?

Ist es ein natürliches Phänomen?

Darüber lässt sich streiten

Aber….

Wenn Frauen Frauen im Wege stehen

Wenn Frauen ihre Söhne falsch erziehen

Wenn Frauen sich Männer-Like kleiden

Und einen Schönheitswahn erleiden

Sich dabei stets auf andere beziehen

Ist es zu einfach den Männern

Alles in die Schuld zu schieben

Wir können nicht Ehrlichkeit verlangen

Wenn wir unsere Lügen lieben

Wir Frauen sind nicht in der Lage 

Uns wirklich selbst zu verstehen

Wenn wir uns ständig aus

Der Brille des Mannes sehen

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen