Kurzgeschichte

Flaschenpost vor Lampedusa

15.10.2013 - Tariq Chaudhry

Irgendwann kam mein Geschäftspartner selber auf mich zu. Nach langen Jahren der vertrauten Zusammenarbeit in der Personalleasingbranche hatten wir unser kleines und gediegenes Unternehmen aus Oberbayern zu einem nationalen Player entwickelt. Die Anzeichen waren nicht mehr zu kaschieren.

Erst fing es nur mit einem vagen Gefühl der Bedrücktheit an. Man konnte sich über die Dinge nicht mehr freuen, die ansonsten große Freude bereiteten. Als junger, erfolgreicher Unternehmer gibt es genug Möglichkeiten der Ablenkung. So wie das Geschäftsmodell aus Amerika importiert war, importierte ich den dazugehörigen Lifestyle: „Work hard and play hard!“ Der deutsche Mittelklassewagen wurde durch einen italienischen Sportwagen, die Ehefrau durch wechselnde Bekanntschaften und langweilige Ferien mit der Familie durch kurze Abenteuer am Mittelmeer ausgetauscht. Etwas von dolce vita lag in der Luft. Schnelle, aber intensivere Erfahrungen sollten mich vor der Starre, vor der Verhärtung schützen. Ich nahm meinen neuen Lebensstil ein wie Antidepressiva: zunächst punktuell und bedarfsorientiert, dann ständig und exzessiv. Als ich dann eines Tages aufstand und meine Faust kaum ballen konnte, wusste ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Mit Anfang 30 konnte das nicht richtig sein, aber das Energiegetränk verhalf mir auf die Beine. Ob es ein Placebo Effekt war, weiß ich nicht. Mein Geschäftspartner, ein guter Freund seit der Schulzeit, bemerkte diesen lethargischen und etwas melancholischen Blick in meinen Augen. Er zog die Reißleine, es kam zum großen Streit. Fast zwangsweise schickte er mich in die Auszeit. Auf der Pelagischen Insel Lampedusa hatte ich damals mit meiner damaligen Frau ein Häuschen gekauft. Ich fühlte mich wie ein seniler Rentner, der ins Heim verfrachtet wurde. Nach einer Woche erst fing ich an, klarer zu denken, davor war ich betäubt, hatte meine Umgebung gar nicht wahrgenommen. Plötzlich bemerkte ich Dinge, die ich vorher gar nicht gesehen hatte.

 

Es war ein herrlicher Spätsommer, das Meer war klarer und ruhiger als sonst. Lange, ausgedehnte Spaziergänge am Strand drosselten den Takt meines Lebens herunter. Ich blickte mehr in die Ferne und mehr zu Boden. Eines Tages stolperte ich über eine Flasche auf der in arabischer und lateinischer Schrift „Bitter Soda“ stand. Obwohl Flaschen am Strand keine Seltenheit waren, hatte diese mein Interesse geweckt. Beim genaueren Hinsehen entdeckte ich einen Zettel in der roten Plastikflasche. Ich wurde neugieriger. Das zerknitterte und vermutlich hastig hineingesteckte Papierstück war ein französischer Text. Die  schwer lesbare Schrift und meine etwas eingerosteten Französischkenntnisse machten den Anfang schwierig. Ich wollte unbedingt wissen, was da darin stand. Ich beschloss mich auf der Stelle hinzusetzen und zu lesen.

 

Der Verfasser des Schriftstücks war Arif, auch Anfang 30, er war aus der syrischen Stadt Aleppo geflohen. In blumigen Worten beschrieb er seine Heimat, die mittlerweile zu einem Trümmerhaufen verkommen war. So viel wusste ich. Für Politik habe ich mich nie richtig interessiert. Ich hatte zwar Bilder aus Syrien gesehen, aber sie zogen an mir vorbei wie eine Sternschnuppe: kurz und versprühend. Zwei Sekunden später waren sie aus meinem Kurzzeitgedächtnis wieder gelöscht. Arif war in Aleppo Händler auf dem Basar gewesen. Intensiv beschrieb er die Gerüche von Gewürzen, Früchten, Gemüse und traditionellen Düften, die von einen Tag auf den anderen durch den Geruch von Schwefel und anderem Absonderlichen ersetzt wurden. Bei den schweren Gefechten in der Stadt verlor er erst seinen Sohn und dann seine Frau. Ein paar Teile des Textes waren feucht und verwischt. Man spürte an der Wortwahl und Intensität des Textes, dass diese Zeilen unter Tränen geschrieben wurden.

 

Mit wenig Kraft, Geld und Hoffnung machte Arif sich auf eine beschwerliche Reise nach Libyen. Schlepper versprachen ihm ein sicheres und friedliches Leben in Europa. Mit Europa hatte sich Arif nie richtig auseinandergesetzt, schrieb er, aber in Filmen hatte er, fast beiläufig, von der sorglosen und unabhängigen Lebensart gehört. Die Erfahrungen des Krieges hatten diese Erinnerungen weit ins Unterbewusstsein verdrängt. Nun kamen sie wieder hoch. Sie gaben Kraft die Erniedrigungen und Tortur, die von den Schleppern verlangt wurde, durchzustehen. Nach der Überquerung mehrerer Grenzen kam Arif an die lybische Küste. Ein etwas salziger Geruch und viel Feuchtigkeit lagen in der Luft des gespenstig anmutenden Morgens. Das Meer war ruhig, der Himmel bedeckt mit einem dunkelgrauen Schleier. Arif spürte fast nichts, weder Angst noch Hoffnung. Krieg, Leid und Zerstörung ließen sogar warme und helle Sonnenstrahlen kalt und dunkel erscheinen. Das klapprige Fischerboot, dass die Aufschrift: „Espérance“ trug, sollte 40 Menschen befördern. Darunter viele Kinder und Frauen. Niemand bekam Schwimmwesten, das würde nur den Gewinn lindern, dachte sich Arif. Die Schlepper wimmelten die Skeptischen unter den Hoffnungslosen mit der Erklärung ab, dass ihre Dienstleistung nur die Beförderung beinhalte, nicht die Absicherung. Außerdem gebe es im schlimmsten Fall den italienischen Küstenschutz. Schnell wurde einer von den Passagieren ausgewählt, der das überfüllte Boot navigieren und im schlimmsten Fall den Funk übernehmen sollte. Schon nach etwa 3 Kilometern auf dem Meer beginnt der Motor zu ruckeln, alle Passagere werden von der Angst gepackt. Die Schrift von Arif wird immer undeutlicher.

 

Er beschreibt dramatische Szenen. Einige der Passagiere schubsen sogar andere von Bord weil sie denken, dass das übermäßige Gewicht für das Ruckeln des Motors verantwortlich sei. Das unerträgliche Schreien und Wimmern der Passagiere wird lauter. Arif schaut sich um, der bemitleidenswerte „Steuermann“ funkt ununterbrochen. Das Meer verschlingt die Geräusche und scheinbar auch das Signal. Arif beschreibt, dass seine Füße bis zu den Knöcheln schon unter Wasser stünden und er einem Kind gerade eine Plastikflasche aus der Hand gezerrt habe. Resigniert resümiert Arif in seinen letzten Zeilen: „Hilfe für Hilflose gibt es nicht!“ Als der Brief zu Ende ist, überkommt mich wieder diese Bedrücktheit. Ein dicker, fetter Kloß steckt in meinem Hals als ich mir ausmahle, was aus den Passagieren des Bootes, und vor allem Arif, geworden ist. Gefühlte Stunden Stundenlang liege ich auf dem Boden der Seite und weine. Dann raffe ich mich auf, es ist dunkler und kühler geworden. Aus Wut nehme ich die Flasche, stopfe die Post wieder rein und schmeiße sie im hohen Bogen zurück ins Meer. Ich ertappe mich, wie ich noch sage: „Soll das Meer die Post verschlingen. Ich bin selber hoffnungslos, wie soll ich anderen Hoffnung schenken!“                             

 

 

 

Foto: © alles-schlumpf

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