Rezension

Franz von Assisi - Der Traum vom einfachen Leben

15.02.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Das Leben ist hart und trotzdem war stets ein Gefühl des Auswegs da und dass er möglich sei” (Ernst Bloch), “Angesichts der Geschichte sind wir alle Verstrickte” (G.D.), “Wenn der Sinn des Lebens in mehr als einem bloßen Überleben in einer von Bürgerkriegen zerrütteten Welt liegen soll, kommt man um den versöhnenden Geist Franz´von Assisi nicht herum”.

Das letzte der drei o.a. Zitate ist - mit den Worten des Autors - das Motto der neuen Biographie, die Gunnar Decker geschrieben hat. Wobei “Biographie” ein zu enges Wort für dieses Buch ist. Decker schreibt nicht eine bloße Nacherzählung des Lebens von Franziskus. In diesem Buch erfahren wir weitaus mehr als nur Informationen über das Wirken und Denken des Heiligen. Decker präsentiert uns reichhaltiges Material aus der Kirchengeschichte, den theologischen Diskussionen des zwölften Jahrhunderts, den Wechselwirkungen zwischen Politik und Religion und beendet sein Buch mit einem sehr bemerkenswerten Blick auf den gegenwärtigen Papst, der als erster in der Geschichte der katholischen Kirche den Namen Franziskus gewählt hat. Diese Themenvielfalt ist die große Qualität des Buches. Der ständige Wechsel der Themen lässt nie Langeweile aufkommen; Zug um Zug wird der Horizont der Leserin erweitert. Dabei baut Decker innerhalb des ganzen Buches, aber auch innerhalb jedes Kapitels, immer eine gute Lesespannung auf, und es herrscht stets eine gelungene Balance zwischen dem biographischen “Helden” im engeren Sinne und seinem gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld. So erfahren wir nicht nur Details über Franziskus´ Persönlichkeit, sondern erhalten unter anderem auch Informationen über den Kampf des katholischen Establishments mit den sog. “Ketzern” und - später - über die Ordensauseinandersetzungen zwischen Franziskanern, Jesuiten und Dominikanern. Damit entwickelt sich Deckers Buch mit vielen Details versehen zu einer kritischen kulturgeschichtlichen Studie, wobei aber der rote Faden, die Biographie, nie verloren geht. Diese zeitgeschichtlichen Reflexionen kommen aber nicht als lexikalische Abhandlungen daher, sondern finden in den verschiedenen biographischen Begebenheiten des Heiligen konkrete lebendige Anknüpfungspunkte. Wobei sich Decker dem Leben von Franziskus selber in behutsamer angemessener Form nähert: so lesen wir lesen Ereignisse, die historisch dokumentiert sind; Decker öffnet uns aber auch den Blick für legendäre Begebenheiten.


Besonders überzeugt Deckers Plädoyer im zweiten Teil des Buch, sich gerade in der aktuellen Zeit mit Franziskus zu beschäftigen, wenn er dort Franziskus´ eindrücklichen Widerstand gegen das Geld und seine Engagement für Frieden und Versöhnung - auch gegenüber dem Islam - thematisiert.

 

Mit dem Tod von Franziskus hört das Buch nicht auf. Decker arbeitet auch den kontroversen Umgang mit dem geistlichen Anliegen des Heiligen in der Wirkungsgeschichte auf, indem er in der Darstellung der konträren Positionen der Protagonisten nochmal en miniature die Vielfältigkeit des Denkens und Lebens von Franziskus deutlich macht.

 

Ganz aktuell beschäftigt sich Decker im letzten Kapitel mit dem gegenwärtigen Papst, dessen Namenswahl sicherlich kein Zufall war. So finden sich in Papst Franziskus´ Enzyklika “Laudato si” sehr klare Aussagen gegen den globalen Kapitalismus und ein Plädoyer für die entrechteten ausgebeuteten Armen in den Peripherien dieser Erde.

 

Deckers Buch ist rundum gelungen. Die Vielfalt der Aspekte, die er in seiner Publikation ausbreitet, stiftet weder Verwirrung noch Langeweile, sondern lädt die Leserin ein, sich in die verschiedenen Facetten im Denken und Handeln dieses Heiligen zu vertiefen. Das können sowohl Katholiken als auch Protestanten, Christen wie Nicht-Christen mit großem Gewinn tun, denn die Botschaft, die aus Assisi seit 700 Jahren in alle Welt geht, ist zeitlos.

 

 

Gunnar Decker: Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben. Siedler Verlag. 432 Seiten. 24.99 Euro. September 2016

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