Philosophie nach Platon

Frieden und Geist der Freundschaft

01.08.2018 - Dr. Christoph Quarch

Der Zusammenhalt bröckelt. Europa steht am Scheideweg. Großbritannien hat der Europäischen Union bereits den Rücken zugekehrt, Ungarn oder Polen sind formell zwar noch dabei, haben sich jedoch von europäischen Kernwerten wie Solidarität und Rechtsstaatlichkeit abgewandt. Die Migrantenströme aus dem Süden und dem Osten haben an den Fundamenten der Union Frakturen sichtbar werden lassen, die die Statik der EU gefährden.

Und als Griechenland am Boden lag, war es ausgerechnet die deutsche Regierung, die sich weigerte dem Lande wieder aufzuhelfen. Nationale Egoismen, anheizt von rechten Populisten, geben mehr und mehr den Ton an – und die eigentliche Grundidee des europäischen Projektes gerät ins Hintertreffen.

Was Europa heute fehlt, ist ein Geist der Freundschaft – ist ein Geist des Friedens und der Freude an der bunten Mannigfaltigkeit der europäischen Kulturen und der Menschen, die hier leben. Es fehlt ein Bewusstsein dessen, was nicht nur die Europäische Union im Innersten zusammenhalten könnte, sondern auch die eigentliche Kernidee der Politik sein sollte; dann zumindest, wenn man es mit Platon (428-348 v.Chr.) hält, jenem ersten großen Denker, der sich immer wieder mit der Frage auseinandersetzte, wie das Miteinander der Menschen gelingen könne.

In seinem letzten und umfangsreichsten Werk mit dem Titel ‚Gesetze‘ (Nomoi), inszenierte Platon ein eigentümliches Gespräch: Drei Männer aus drei unterschiedlichen Städten wandern gemeinsam durch die Bergwälder Kretas und diskutieren dabei Fragen der Politik. Einer von ihnen, ein gewisser Kleinias aus Kreta, hat den Auftrag, für ein neuzugründendes Gemeinwesen namens Magnesia eine Verfassung zu entwerfen. Und da trifft es sich recht gut, dass seine Wanderfreunde versierte Staatsmänner sind, die auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken können. Einer von ihnen stammt aus Athen. Anders als im Falle seines Kollegen Megillos aus Sparta erfahren wir seinen Namen nicht – ein Umstand der viele Interpreten zu der Mutmaßung veranlasst hat, in seinen Worten können man die vox originalis Platons hören.

Sei dem wie es sei. Das Gespräch der Männer kreist um eine Schlüsselfrage: Was ist das Ziel, der Sinn eines Gemeinwesens? Worauf sollte man sich fokussieren, wenn man ihm eine Verfassung geben soll. Den ersten Antwortvorschlag wagt der Herr aus Kreta. Unumwunden stellt er fest, „dass der Gesetzgeber der Kreter fast alle gesetzlichen Regelungen für unser öffentliches und privates Leben mit Blick auf den Krieg getroffen hat.“ Und dies sei einfach zu verstehen, wenn man sich nur klarmache, „dass stets ein lebenslanger Krieg aller gegen alle Staaten besteht“. Deshalb sei, „was die meisten Menschen ‚Frieden‘ nennen, ein leeres Wort“ und bei Lichte besehen nichts anderes als ein stets gefährdeter Waffenstillstand.

Schaut man in die Welt von heute, scheinen sich die düsteren Worte des Kreters zu bestätigen. Platons Athener aber widerspricht ihm: „Das Beste in der Politik“, so sagte er, „ist nicht Krieg noch Rebellion, sondern Friede und ein Geist der Freundschaft“ – eben jener Geist, der nach dem zweiten Weltkrieg das Projekt Europas auf den Weg brachte, und der ihm heute abhandengekommen zu sein scheint.

Auf den ersten Blick sind die zitierten Worte des Atheners nicht viel mehr als eine These – eine schöne These zwar, die jedoch einer Begründung harrt. Nun Platon wäre nicht ein großer Philosoph, wenn er sie nicht lieferte und darzulegen wüsste, warum Friede und der Geist der Freundschaft der Sinn des Politischen sind. Ja, er scheut sich nicht, zum Ausweis dieser These sehr weit auszuholen und Argumente aus der Ontologie, Kosmologie und Metaphysik zu bemühen, um sie auf ein belastbares Fundament zu stellen.

Diese Argumente verdienen heute noch Beachtung. Denn erfrischender Weise argumentiert Platon bei seiner Begründung des Politischen weder moralisch noch ideologisch. Auch beruft er sich nicht auf göttliche Offenbarungen, sondern er leitet sie her aus der Grundstruktur dessen, womit es jede Politik zu tun hat: dem Leben. Damit folgt er der Grundintuition des ältesten griechischen Denkens, dass man normative Gesichtspunkte für das menschliche Leben – des Einzelnen nicht anders als der Gesellschaft – nur gewinnt, wenn man im Sinne des delphischen Wortes „Erkenne dich selbst“ verstanden hat, was Leben eigentlich bedeutet. Oder anders gesagt: dass die Antwort auf die Frage nach dem guten Leben nur zu geben weiß, wer das Leben selbst verstanden hat.

Also muss man sich nicht wundern, dass Platons Athener seinen Freunden einen langen Exkurs darüber zumutet, was eigentlich Leben ist. Die Pointe, die er dabei macht, mutet nachgerade modern an: Leben ist systemisch organisiert – und es tendiert dazu, Zustände des inneren Gleichgewichts, der Balance oder Harmonie auszubilden. Übertragen auf die Sphäre des Politischen heißt das: ein Gemeinwesen entfaltet seine Lebendigkeit – die selbstverständlich immer die Lebendigkeit seiner Bürgerinnen und Bürger ist – wenn es so organisiert ist, dass jeder Einzelne sich darin frei entfalten kann, ohne dabei die Entfaltung seiner Mitbürger zu beinträchtigen; und wenn dabei ein Ganzes herauskommt, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Dafür aber brauche es den Geist des Friedens und der Freundschaft, den zu kultivieren mithin wichtigste Aufgabe des Gesetzgebers bzw. der Verfassung sei.

Gewiss ist damit ein hehres und schwer erreichbares Ziel formuliert. Aber immerhin ist damit klar, woran Maß nehmen sollte, wer sich politisch engagiert: nicht an seinen oder seiner Nation egoistischen Interessen, die im Kampf gegen andere zu behaupten wären, sondern am Leben selbst; oder besser: an der Gesundheit, Blüte, Schönheit eines guten Lebens, das sich frei entfalten kann. Diesen Sinn eines Gemeinwesens in ein Gesetzeswerk zu übersetzen, ist für Platon konsequenterweise der sicherste und verlässlichste Garant für das Gelingen eines Gemeinwesens. Und vieles spricht dafür, dass dies auch heute noch für die Union Europas zutrifft. Jedenfalls ist man versucht, so manchem derer, die inzwischen wieder nationalen Egoismen huldigen, Platons Worte zuzurufen: „Einem Gemeinwesen, worin das Gesetz geknechtet und machtlos ist, prophezeie ich den Untergang. Der Polis hingegen, in der das Gesetz der Gebieter über die Herrschenden ist und die Herrschenden Diener des Gesetzes sind, sehe ich Dauer und alle Güter zuteil werden, die die Götter je einem Gemeinwesen gewährt haben.“

Rechtsstaatlichkeit und eine Verfassung im Dienste von Frieden und Harmonie: das ist es, was ein Gemeinwesen gelingen lässt – auch das Gemeinwesen Europäische Union. Nicht, weil irgendeine Ideologie, Moral und Religion es geböten, sondern weil nur so das Leben sich entfalten und erblühen kann. Das ist es, was das heutige Europa von seinem ersten Meisterdenker lernen kann.

Irritieren mag dabei, dass Platon bei all seiner Begeisterung für den Rechtsstaat kein Freund der Demokratie war. Zu schlecht waren seine Erfahrungen mit dem demokratischen System seiner Heimatstadt Athen, als dass er die Gefahr von Demagogie und Hetze hätte ignorieren können. Als Antwort darauf votierte er dafür, einen Bildungsstaat zu etablieren: um sicherzustellen, dass der Geist der Freundschaft und der Harmonie in seinen Bürgerinnen und Bürgern (ausdrücklich beiden) walte. Dieses Plädoyer für Bildung war es, was den Wissenschaftsphilosophen Karl Popper dazu veranlasste, Platon zu bezichtigen, der „erste große politische Ideologe“ gewesen zu sein – eine Fehldeutung, die schon Ernst Cassirer zurückwies, indem er darauf bestand, in Platon den „Begründer und ersten Verteidiger des Rechtsstaates“ erkennen zu müssen.

So oder so sollte die Essenz der politischen Philosophie Platons uns heute neuerlich zu denken geben: der Gedanke, dass es einen Sinn des Politischen gibt, der mehr ist als das Verwalten eines freien Marktes und sozialer Umverteilungsmechanismen; der Gedanke, dass ein Gemeinwesen nicht der Kampfplatz rivalisierender egoistischer Agenten ist, sondern ein System gemeinschaftlichen Lebens, das auf Frieden, Harmonie und Schönheit angelegt ist; der Gedanke, dass die bunte Vielfalt von Menschen und Kulturen nicht ein irgendwie zu überwindendes Unglück ist, sondern die Chance bietet, einen reichen Strauß an kulturellen Blüten zu erzeugen. All das zu bedenken, täte unserem Europa gut. Manchmal ist das Älteste und fast Vergessene das Beste, woran wir uns halten können.



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