Reflexionen

Friedensarbeit auf dem Balkan (Teil II)

01.07.2020 - Dr. Burkhard Luber

"Wir waren doch immer gute Nachbarn" (häufig gehörter Satz im Bürgerkrieg von Ex-Jugoslawien)

Ein Beispiel für ein Engagement in Krisenregionen (Fortsetzung des Textes aus der vorherigen MILIEU-Ausgabe vom 1. Juni 2020)

Alte Grenzen, Neue Grenzen

Im Rahmen des Zerfalls Jugoslawiens hatten einige der Nachfolgestaaten etwas mehr Glück als andere, nämlich die, bei denen die Grenzen nicht umstritten waren und die ethnische Heterogenität nicht massiv: Slowenien gehörte dazu, im großen ganzen auch Kroatien und Serbien, auch wenn es erbitterte Kämpfe gab, vordergründig auch Makedonien. Katastrophal anders entwickelte sich Bosnien, ein Staatengebilde das mir nach wie vor sehr künstlich vorkommt und das eigentlich nur unter dem internationalen "Protektorat" überleben kann. Jedenfalls merkt man beim Grenzübergang in die "Entität" (so heißt das in der Diplomatie, um jede Assoziation zum "Staat" sorgfältig zu vermeiden....) der Serbischen Republik eigentlich nicht, dass man in einem Staat namens Bosnien ist. Aber da Grenzen in einem solchen Völkergemisch wie auf dem Balkan nie exakt nach ethnischem Profil verlaufen, ist der Zustand "Nach Jugoslawien" weiterhin recht labil. Die Nationalisten dort empfehlen als "Lösung": Neue Grenzziehungen, am besten gleich nach "Groß-XYZ" arrondiert. Dass dies schon faktisch schier unmöglich ist, wird dabei ausgeblendet, ebenso das damit vorhersehbare Leid der Umsiedlung, Vertreibung, Flucht. 

Einer meiner albanischen Gastgeber bemühte sich einmal darum, mir mit vielen historischen Karten zu zeigen, wie riesig "eigentlich" Albanien nach seiner Auffassung zu recht sein müsse. Weite Teile von Makedonien, inklusive Skopje, ordnete er unverdrossen Albanien zu und erst als ich humorvoll meinte, wenn er so weitermache, würde vielleicht München auch albanisch...., hielt er inne.

Die Absicht, ethnisch reine Staaten zu schaffen, bleibt eben eine gefährliche Fiktion, die nichts "löst", sondern eher Intoleranz und Fanatismus erzeugt. Statt in gefährlicher Weise auf neue Grenzziehungen zugunsten ethnisch reiner Staaten zu spekulieren, ist es viel wichtiger, die gesellschaftlichen und politischen Realitäten multi-ethnischer Staaten anzuerkennen und Bedingungen zu schaffen, damit ethnische Minderheiten in einem Staatsgebiet angemessen toleriert werden. Das heißt, dass ihnen die Freiheiten garantiert werden, die sie für ihre kulturelle, sprachliche, erzieherische und religiöse Identität benötigen und dass ihnen eine angemessene Beteiligung an der politischen Willensbildung eingeräumt wird.

Nachkriegszeiten - was kann man tun?

Eine meiner Berufsschwerpunkte war die Förderung von Projekten von einheimischen Non-Governmental-Organizations (Vereine für Sozialarbeit, unabhängige Medien, Initiativen für Versöhnung). Was kann das bewirken, werde ich oft gefragt oder auch kritischer: Ist das nicht ein Fass ohne Boden? 

Ich will stellvertretend eine Geschichte aus meiner Arbeit erzählen. Zur Zeit der großen Flüchtlingsströme Mitte der 90er Jahre, die oft für lange Zeit Familien auseinander rissen, haben wir von unserer Stiftung Flüchtlingsbegegnungen im neutralen Ungarn organisiert, wohin Serben, Kroaten, Bosnier relativ problemlos reisen konnte. Da sahen sich dann Frau und Mann, Vater und Tochter, Enkel und Großmutter vielleicht zum ersten mal wieder nach Jahren der Trennung.

Im Rahmen dieses Projektes haben wir auch eine etwas risikoreichere Variante durchgeführt: Treffen zwischen kroatischen und serbischen Frauen, die aus ihrem Dorf flüchten mussten mit Frauen, die nun in den Häusern der früheren HausbewohnerInnen wohnten (oft weil sie ihrerseits fliehen mussten). Wir vom Veranstaltungs-Team hatten genauso viel Herzklopfen wie die Teilnehmerinnen, als die Begegnung begann.

Erst war lange Zeit Stille. Dann kamen Tränen. Schließlich fasste sich eine ein Herz und fragte: "Bei uns ist eine Katze zurückgeblieben, eine schwarz-weiße, ist die noch dort?". "O ja, der Katze geht’s gut, die füttern wir natürlich". Und eine andere erinnerte: "Der Wasserhahn in der Küche, der tropft immer, den muss man gut zudrehen". "Klar", war die Antwort, "wir haben den neu abgedichtet, mach dir keine Sorgen". Und so begannen die Teilnehmerinnen zu reden, sich etwas zu verstehen in ihrem beiderseitigen Leid, ein klein wenig Mut zu schöpfen. Das hat mich tief bewegt. Nicht als wohlfeiles Rezept, als ob das Sprechen über Alltagssorgen eine Garantie für Versöhnung sei. Es gab auch Seminare, die wir wieder abbrechen mussten, weil die Feindbilder zu groß waren für ein Gespräch.

Für einen wirklich stabilen Frieden ist es wichtig, dass solches Aufeinander-Zu-Gehen mit politischen Strukturen abgesichert und verstetigt wird. Aber es war für mich ein gutes Beispiel für eine Weisheit im Konfliktmanagement: Du sollst zwar immer die Politik im Blick behalten und auf Nachhaltigkeit zielen, aber fang nicht mit den schwierigen politischen Regelungen an. Sprich stattdessen über gemeinsame Alltagsinteressen: Haus, Ernährung, Schule, Strassen, medizinische Versorgung, über Kinder und Großeltern. Wenn bei diesen Themen Vertrauen entsteht, kannst du auch zu diffizileren politischen Themen übergehen.

Nun geht mein berufliches Engagement im Balkan zu Ende. Ich habe dort oft in ungesicherte Gewehre im Anschlag geblickt, lag im Kosovokrieg unter freiem Himmel auf dem Oberdeck der Fähre nach Albanien, während über uns die Nato Bomber Richtung Beograd donnerten. Ich bin dankbar, dass ich ein Bombenattentat in Pristina überlebt habe.Einmal entkam ich meinem einheimischen Betreuer, der mich beim morgendlichen Joggen unterschätzt hatte, ein andermal nahm mir ein bosnischer Polizist meinen Pass ab (aber weil ich mich aus der Stadt von Werder Bremen „outen“ konnte, bekam ich ihn doch wieder zurück...). Ich wurde von freundlichen Soldaten gegrüßt in Panzern vor und hinter mir, wenn ich in der Dunkelheit mein Marathontraining absolvierte, links und rechts neben Minenfeldern, die es tunlichst zu vermeiden galt. Einmal musste ich eine Stunde lang 5 Checkpoints (UNO I, Kroaten, UNO II, Serben, UNO III) durchstehen, um 500 Meter auf der Strasse voranzukommen.

Aber neben solchen Stories hab ich im Balkan vor allem Menschen kennengelernt, mit denen zusammen zu treffen und sogar zusammen zu arbeiten ich nie zuvor geahnt hätte: Fantastisch kreative Menschen, denen man spontan und vertrauensvoll 1000 DM cash auf die Hand geben konnte und die prima damit arbeiteten. Menschen mit einer gelebten Gastfreundschaft, die das mitteleuropäische Maß weit in den Schatten stellte. Und auch Menschen, deren ganzes Leben mehr oder weniger aus der Kunst des Improvisierens bestand. Alle bleiben mir unvergessen.

 

 

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