Peacebuilding

Friedensforschung – Realistische Erwartungen an eine neue Disziplin

01.06.2021 - Dr. Burkhard Luber

Burkhard Luber hat bei Prof. Dieter Senghaas in Friedensforschung promoviert. Nach zwei Jahrzehnten Projektarbeit in internationalen Hotspots (Ex-Jugoslawien, Kaukasus, Kolumbien) ist er jetzt Dozent für Internationale Konfliktanalyse und Peacebuilding für NGOs und Universitäten (u.a. in RD Congo, Afghanistan, Sudan und China). Außerdem arbeitet er als Senior Associate bei “Africa Development Management”.

Die Friedensforschung ist ein junges Fach. Sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg in Skandinavien: mit Gründungen des Stockholm International Peace Reseach Institut unter Leitung des renommierten schwedischen Ökonoms Gunnar Myrdal und des “Peace Research Institute Oslo” durch den prominenten norwegischen Friedensforscher Johan Galtung und gelangte über die USA den später auch nach Deutschland. Dort fand Mitte der 70er Jahren ihren Platz in neu gegründeten Instituten wie zum Beispiel der “Hessischen Stiftung für Friedensforschung in Frankfurt”, dem Institut für für Friedens- und Sicherheitspolitik in Hamburg und der “Berghof-Foundation” in Berlin. 

Ausgangspunkt dieser neuen Initiativen war die Sorge akademischer Vertretern des Bereichs Internationale Politik und aufmerksamer PolitikerInnen über den massiven atomaren Rüstungswettlauf, den Moloch des fatalen internationalen Waffenhandels und die wachsende Gefahren, dass internationale Krisen und Eskalationen in einen atomaren Weltkriegs ausarten könnten. 

Man kann die Bemühungen der Friedensforschung diesen Gefahren gegenzusteuern generell in zwei Ansätze gliedern:

 Der “Hardware” Ansatz der Friedensforschung überlegt, 

❏  wie der atomare Rüstungswettlauf begrenzt werden kann,

❏  wie zumindest Anteile die weltweit überbordenden Militärausgaben für Waffenprogramme, Manövertätigkeiten und Militär-Infrastruktur für sinnvollere zivile Ziele umgewidmet werden können und

❏  wie der fatale wuchernde internationale Waffenhandel besser kontrolliert werden kann, damit er nicht bestehende internationale Krisengebiete verfestigt, sie eskalieren lässt oder neue generiert.

Der “Software” Ansatz der Friedensforschung bezieht sich hingegen auf den Satz in der Präambel der UNESCO "Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden." Mit dieser Einsicht konzentriert sich die Friedensforschung im software-Ansatz auf die Überwindung von Feindbildern, den Aufbau und das Nachhaltig werden lassen internationaler vertrauensbildender Maßnahmen, Projekte der Friedenserziehung und die Beeinflussung der Medien.

In den rund 70 Jahren aktiver Friedensforschung seit 1950 haben sich die Arbeiten der Friedensforschung immer mehr auf das Paradigma der sogenannten “Neuen Kriege” mit ihrem asymmetrischen Kriegsprofil, der immer größerer Verbreitung und Bedeutung nicht-staatlicher Kriegsakteure und der Zunahme von sogenannten Stellvertreterkriegen verlagert. Während sich die Friedensforschung in den 60er Jahren noch sehr stark mit dem Problem des atomaren Rüstungswettlaufs zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion beschäftigt hat, ist der Focus heutiger Friedensforschung viel stärker die sogenannten “failed states” geworden und die in ihnen intern oder um sie herum stattfindenden externen Gewalthandlungen. Gewaltsame Konflikte im 21. Jahrhundert orientieren sich im Gegensatz zum 20. Jahrhundert nicht mehr an “Fronten”, staatlich unterhaltenen und befehligten Armeen, an Panzern, Artillerie oder Kampfflugzeugen. Die in ihnen agierenden Akteure basieren nicht auf staatliche Finanzierung und haben als Ziel keine territorialen Eroberungen, sondern oft Vertreibungen und ethnische Säuberungen. An die Stelle der kriegführenden Staaten im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert sind in der Gegenwart diverse nicht-staatliche Konfliktakteure getreten (war lords, Befreiungsbewegungen, Waffen- und Drogenhändler und Terroristen), die sich mit Plünderungen, Schmuggel, Entführungen und Erpressungen finanzieren und mit ganz unterschiedlichen partikularen Interessen agieren meistens mit der Methode des guerilla warfare (Kleinfeuerwaffen und Landminen) kämpfen und fatalerweise oft gar kein Interesse an Friedensschlüssen haben sondern als Ziel nur die ständige immer wieder provozierte Destabilisierung des staatlichen Gewaltmonopols. Kriege in oder zwischen failed states kennen keine “Friedensschlüsse” im klassischen Sinne, höchstens Unterbrechungen in den Kampfhandlungen. Da die in ihnen agierenden Akteure eher in der Position des militärischen underdog agieren, kommt ihnen ein lang anhaltendes Kriegsgeschehen eher entgegen, in dem sie die Staatsmacht oder von ihr zu Hilfe gerufenen ausländischen Interventionstruppen zermürben können.

Für die Arbeitsansätze und Zielvorstellungen der FF seien hier einige Fragestellungen beispielhaft genannt:

 ❏  Wie können die atomare Waffenpotentiale auf ein Minimum gegenseitiger stabiler Abschreckungspotentiale reduziert werden entsprechend des Buchtitels eines Klassikers der traditionellen Abschreckungsdebatte “How much is enough?” Oder mit einem anderen Jargon-Wort wie kann der Kern der atomaren Abschreckungsstrategie, die“MAD”-Strategie (“Mutual Assured Destruction”), wenn schon nicht überwunden, dann doch wenigstens auf ein niedrigeres Niveau mit weniger Atomwaffen und geringeren Kosten abgesenkt werden?

❏  Wie kann die Gefahr reduziert werden, dass im militärischen Denken und Planen das atomare Waffenspektrum immer weiter miniaturisiert und verfeinert und damit die Gefahr eines atomaren Erstschlags provoziert wird und wie kann die Gefahr gebannt werden, dass in einer unheilvollen Kombination von Künstlicher Intelligenz und moderner Militärtechnologie (vgl. The Campaign To Stop Killer Robots”) die Kriegsführung automatisiert und damit enthumanisiert wird?

❏ Welche nachhaltigen Frühwarnsysteme können entwickelt und unterhalten werden, die PolitikerInnen alarmieren, de-eskalierend zu handeln, bevor eine internationale Krisensituation außer Kontrolle gerät. Gutes Beispiel hierfür sind das Armed Conflict Location & Event Data Project” und die International Crisis Group

❏  Welche Inhalte und Regulation müssen Konfliktregelungen umfassen, damit die Nachkonfliktzeit gerecht und nachhaltig gestaltet wird, wie z.B. faire dauerhafte Regelungen für multi-ethnische Gesellschaften, so dass eine stabile doppelte akzeptierte Loyalität entsteht, bei der den Ethnien Bindungen zur eigenen Tradition, Kultur, Sprache, Grunderziehung zugestanden, aber auch eine Loyalität zur Gesamtgesellschaft stabilisiert wird z.B. was Steuerpflicht, die Amtssprache, das Wirtschaftssystem und das Erziehungswesen betrifft.

Stellvertretend für diese Arbeitsansätze der Friedensforschung sind z.B. solche Publikationen wie:

 Richard Holbrooke To End a War (Penguin Book) / Holbrooke war Präsident Clintons US-Sonderbotschafter im Bosnienkrieg

 Aila M. Matanock: Electing Peace. From Civil Conflict to Political Participation.

 I. William Zartman (ed): How Negotiations End. Negotiating Behavior in the Endgame.

 Ulrich Schneckener: Auswege aus dem Bürgerkrieg, edition suhrkamp, Frankfurt

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