Bürgerrechte

Fünf Kernaspekte zur Rassenfrage in den USA

15.12.2014 - Qasim Rashid

Ich erinnere mich noch daran, meinem damals 3-jährigen Sohn erklären zu müssen, warum die Taliban auf Malala schossen. Es war ein schwieriges Gespräch, denn er liebte Malala, trotzdem war es relativ einfach zu vermitteln, warum Töten falsch ist und dass die Taliban böse sind. Die Welt verurteilte die Taliban und Malala überlebte glücklicherweise.

Als mein nun 5-jähriger mich fragte, warum „sie“ Eric Garner ermordeten und warum der Polizist nicht ins Gefängnis gehen müsse, spürte ich einen Kloß im Hals. Wie erklärst du das einem 5-jährigen?

Wie erklärst du das alles?

Als Vater, als Rechtsanwalt und als ein „American of color“ (farbiger Amerikaner) analysierte ich diese Probleme aus verschiedensten Richtungen. Die Wirklichkeit ist, dass farbige Amerikaner ganz andere Erfahrungen haben als weiße Amerikaner. Was die Rassendebatte noch weiter verschlimmert, ist die Anzahl von Fehlinformationen, die von mir bezeichneten „Quertreiber“ verbreitet werden. Ich werde das „R“-Wort nicht benutzen, um sie zu beschreiben, denn wie wir unten sehen können, ist offener Rassismus nicht unbedingt das Problem.

Die Liste ist zwar nicht vollständig, aber wenn wir als Land vorankommen wollen, dann müssen diese fünf Aspekte der Rassenfrage berücksichtigt werden.

1. Amerika hat ein „Gefängnis-Problem“, bei dem die Rasse eine wesentliche Rolle spielt.

Amerika beheimatet zwar nur 5% der Weltbevölkerung, aber dafür insgesamt 25% der weltweit Inhaftierten. Amerika hat mehr Menschen inhaftiert als China – eine Nation mit dem Vierfachen unserer Bevölkerung. Darüber hinaus bekommen schwarze Amerikaner im Durchschnitt 10% längere Verurteilungen als weiße in vergleichbaren Fällen. Weiße Amerikaner nehmen fünfmal mehr Drogen ein als schwarze, dennoch erhalten letztere eine zehnmal längere Haftstrafe bei Drogenmissbrauch.


Unglücklicherweise befeuert ein voreingenommenes Strafrechtssystem die amerikanischen Rassenprobleme. Wir müssen zur Gerechtigkeit und Moral im Umgang mit Amerikanern zurückkehren und ungeachtet ihrer Hautfarbe alle gleich behandeln.

2. Amerika hat ein „Polizeibrutalitäts-Problem“, bei dem die Rasse eine wesentliche Rolle spielt.

Die Wahrscheinlichkeit, als Amerikaner von einem Polizisten umgebracht zu werden, liegt achtmal höher, als von einem Terroristen. Was die Jugendlichen betrifft, werden schwarze Teenager einundzwanzigmal öfter getötet als weiße.  Mit über 400 ermordeten Zivilisten dieses Jahr zeigt sich die Polizei als eine Anomalie in der Welt. Und tatsächlich wurde die USA von den Vereinten Nationen gefragt, diesen beispiellosen Fälle der Polizeibrutalität in Amerika auf den Grund zu gehen.


Das große Geschworenengericht erscheint wie ein Gespött, wenn es um die Polizei geht. Im Jurastudium wird uns gelehrt, dass wir sogar ein „Schinkensandwich verklagen können“. Doch heutzutage scheint es so, dass das Schinkensandwich mehr Schuld hat, als die Polizisten, die Michael Brown und Eric Garner getötet haben.


Die überwältigende Mehrheit der Polizisten unserer Nation dient mit Ehre, Mitgefühl und Gerechtigkeit. Dies bedeutet nicht, dass es kein Problem gibt und es ist nicht von Vorteil ist, so zu tun, als ob die Rasse keine Rolle spielen würde.

3. Amerika hat ein „Rassismus-Ignoranz-Problem“.

Eine überraschende aktuelle „Tufts“ und „Harvard“ Studie zeigt, dass weiße Amerikaner glauben, mit mehr Diskriminierung konfrontiert zu werden als schwarze. Die Wahrnehmung beeinflusst das Verhalten und diese Fehlwahrnehmung mag wohl helfen zu erklären, warum weiße Amerikaner nicht zu verstehen scheinen, weshalb der Mord an Eric Garner mehr als nur ein vereinzelter Todesfall ist, sondern eher ein weiterer Fall der systematischen Rassendiskriminierung.

Es ist angebracht über die folgende Weisheit von Dr. Martin Luther King nachzusinnen: „Das größte Hindernis eines Negers auf seinem Weg in Richtung Freiheit ist nicht der weiße Bürgerrat oder der Ku-Klux-Klan  sondern die weißen Moderaten.“ Zu viele weiße Amerikaner wollen das bestehende Problem nicht wahrhaben oder sind vollkommen ignorant. Diese Ignoranz und Verschleppungstaktiken sind der Grund für die bestehenden Rassenprobleme.

4. Amerika umfasst das Mythos der „black-on-black“ Kriminalität.

Jeder hat sicher schon etwas in dieser Richtung gehört:
 
- 83% der getöteten schwarzen Amerikaner wurden von schwarzen Amerikanern selbst getötet – die Zahl lag kürzlich im Jahre 2012 sogar bei 88%.
- 36% der getöteten schwarzen Amerikaner waren Frauen, dies ist weit mehr als bei anderen Rassen.


Schwarze Amerikaner töten schwarze Amerikaner 4,6 mal öfter als weiße Amerikaner.

Hier nun die Realität aller eben genannten Daten/Fakten:

- 83% der getöteten schwarzen Amerikaner wurden von weißen Amerikanern selbst getötet – die Zahl lag kürzlich im Jahre 2012 sogar bei 88%:
- 36% der getöteten weißen Amerikaner waren Frauen,  dies ist weit mehr als bei anderen Rassen.
- Weiße Amerikaner töten weiße Amerikaner 4,6 mal öfter als schwarze Amerikaner.

Wenn die Kriminalität unter Schwarzen so ansteckend ist, dann trifft dies genauso bei der Kriminalität von Weißen und bei Lateinamerikanern zu. Dies ist ein Fakt und eine Widerspiegelung unserer stark geteilten Gesellschaft, dass die Mehrheit der Morde in Amerika innerhalb der jeweiligen Rassen verübt werden.
Vergesst den Mythos. Hört auf mit diesen lächerlichen Geschichten, schwarze Amerikaner seien irgendwie gewaltbereiter oder zerstörerischer als andere Rassen.  Das ist eine falsche, grundlose, offensive und destruktive Auffassung.


5. Amerika umfasst das Mythos der „Schwarzen Aufstände“.

Gewaltsame Ausschreitungen, Plünderung und Chaos sind nicht hinnehmbar. Solche Aktionen schaden der Zivilbevölkerung, zerstören Unternehmen und
Verursachen nur noch mehr Hass.

Während der Aufstände in Ferguson fasste ein Facebook-Eintrag auf wunderbare Weise eine Entgegnung zu dem Mythos zusammen, dass „nur“ Schwarzamerikaner randalieren würden:

Trae Crowder (November 25 at 12:21 pm.)

„In Ordnung, rechnen wir mal zusammen.

5 Mio. Dollar für Sachschäden. 140 Verletzungen. Neun verletzte Polizisten. 17 in Brand gesetzte Polizeiautos . Unzählige ausgeraubte und verwüstete lokale Geschäfte.
Über 1200 Strafanzeigen.
Hier ist natürlich die Rede von den „Vancouver Stanley Cup Ausschreitungen“.
Ihr wisst schon, wenn (fast ausschließlich weiße) Bürger, aus einer der wohlhabendsten Städten Nordamerikas, alles in Brand setzten, weil ihr HOCKEY TEAM VERLOREN HAT.
Aber hey, nimm es so wie es dir passt.“

Schwarze Amerikaner erfahren fortlaufend Frust und Ärger und das in einem System, welches historisch und zeitgenössisch Farbige diskriminiert. Das ist eine menschliche Emotion, keine „schwarze“ Emotion.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich den Tod von Eric Garner meinem 5-jährigen erklären soll. Aber ich hoffe, dass wir diese 5 Aspekte anerkennen und gemeinsam dieses Rassenproblem unvoreingenommen beseitigen können. Und ich hoffe, wenn unsere Kinder zu Eltern werden, dass es nie so weit kommen wird, ihren Kindern erklären zu müssen, warum ein Polizist einen Mann auf der Straße tötet und trotzdem auf freiem Fuß ist.

 

 

 

 

Eine Übersetzung von Nadia Chaudhry aus dem Original.

 

Foto: © Ryan Sorensen

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