Ausgabe #173

Für die Wahrheit sterben

01.05.2022

Liebe Autorinnen und Autoren,
liebe Leserinnen und Leser,

„If the truth shall kill them, let them die.“

Sollte die Wahrheit sie töten, dann lasst sie sterben. Mit diesen radikalen Worten paraphrasierte die russisch-amerikanische Autorin Ayn Rand die Gedanken von Immanuel Kant.

Dass die Wahrheit noch wertvoller als das Leben selbst sei klingt nach einer unmöglichen Beurteilung. Da sich unsere Existenz nicht in einem schwarz-weiß, sondern eher in einem „Nebel“ unzähliger Graustufen abspielt, sind extreme Äußerungen einer solchen Natur idealerweise mit unzähligen Bedingungen und Relativierungen zu kennzeichnen, um aus ihnen eine realitätsnahe oder anwendbare Aussage zu machen. Und doch beinhalten radikale Äußerungen durch ihren gewissen „Stich“ eine wertvolle Kraft, die unsere gesamte Wahrnehmung des Lebens in einen neuen Rahmen rücken kann.

Eine Interpretation des Zitats von Ayn Rand könnte sein, dass ein Leben, dem es an Wahrheit mangelt, im Endeffekt nicht wert ist, gelebt zu werden. Rand bestimmt die Wahrhaftigkeit einer Existenz als ihren essenziellsten Faktor, dem man die Autorität über Leben und Tod zukommen lassen soll. Doch zumal „Wahrheit“ wie alle anderen Begriffe ab einem gewissen Grad nur noch von subjektiven Wahrnehmungen definiert werden kann, bestehen die Fragen, wo – allgemein gültig oder nicht Wahrheit aufhört und Lüge beginnt.

Auch wenn sich eine klare oder einheitliche Erklärung dafür, worum es sich bei der Wahrheit handelt, selbst in Philosophielexika nur schwer finden lässt, sind sich die meisten von uns vermutlich einig, dass es sie, die Wahrheit, „gibt“. Doch da unsere menschliche Wahrnehmung von Emotionen, alten Glaubenssätzen, Unsicherheiten, Missverständnissen, Fehleinschätzungen und vielen weiteren „Undeutlichkeiten“ geprägt ist, könnte man sagen, dass kein Mensch „die Wahrheit“ kennt.

Vor einiger Zeit schrieb ich in meinem Leserbrief über das Thema Authentizität und beklagte, dass in unserer Gesellschaft „Authentizität" oft mit dem momentanen Erleben von Gefühlen gleichgesetzt wird. Ich bin mir sicher, dass es hilfreich ist, wenn wir unsere Emotionen mit Ehrlichkeit erleben, anstatt sie kleinzureden oder zu unterdrücken. Der kleine „aber feine“ Unterschied liegt meines Verständnisses nach jedoch darin, dass es sich bei Authentizität nicht um die Wahrnehmung und Expression unverfälschter Gefühle handelt, sondern um die unveränderliche und bedingungslose Wahrheit, die unter diesen Gefühlen liegt. Diese Wahrheit ist zugleich subjektiv als auch objektiv... Authentizität könnte der Berührungspunkt sein, an dem die menschliche Wahrnehmung auf übermenschliche Wahrheit trifft.

Inwiefern ließe sich Rands abstrakter Ausspruch also auf eine alltägliche Lebensphilosophie anwenden? Der politische Aktivist Cornel West formulierte im MILIEU-Interview Folgendes: „Wir brauchen eine moralische Konsistenz, die auf den Willen basiert für eine Wahrheit leben und sterben zu wollen. Leider gibt es aber zu viele Menschen, die bereit sind für eine Lüge zu leben und zu sterben.

Vielleicht klingt ein für die Wahrheit sterben" nach etwas, was unfassbaren Mut erfordert, doch genaugenommen sind wir jeden Augenblick unseres Daseins dieser Möglichkeit ausgesetzt. Die einzige Alternative lautet für etwas anderes als die Wahrheit sterben". Wie viele von uns sind sich gar nicht bewusst, dass wir bereits eine Lüge leben und demnach auch für sie sterben würden?

Wir haben es uns nicht ausgesucht, geboren zu werden und am Leben zu sein, noch haben wir eine Wahl, ob wir sterben werden oder nicht. Unsere einzige Wahl besteht darin, wofür wir leben und sterben werden.

Während man diese Fragen als düster oder einschüchternd empfinden kann, sind sie meines Erachtens relevanter als je zuvor. Denn solange wir leben, tun wir dies in jedem Moment immer für einen von zwei Gründen: für die Wahrheit oder für eine Lüge.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen vielleicht sogar mit Hilfe der Artikel unserer neuen Ausgabe – eine ertragreiche Wahrheitssuche.

Herzliche Grüße
Olivia Haese

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