Ausgabe #151

Für wen leben wir eigentlich?

01.07.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

für wen leben wir eigentlich?
Auf diese Frage kam ich, als ich auf einen Artikel im Archiv unseres Magazins gestoßen war. Der Titel ließ mich nicht los.

Kennen Sie den Film „About Schmidt“ mit Jack Nicholson? Er handelt – ohne zu viel verraten zu wollen – von dem pensionierten Amerikaner Warren Schmidt, der gegen Ende seines Lebens realisiert, dass sein ganzes Leben umsonst gewesen ist. Von seiner Frau hat er längst genug, die Beziehung zu seiner Tochter konnte er nie aufrechterhalten. Die sozialen Interaktionen mit seinen Bekannten und Nachbarn empfindet er plötzlich als oberflächlich und sinnlos. Und selbst sein gutbezahlter, angesehener Job als Chef eines Unternehmens hat im Endeffekt gar keine Bedeutung.

Ich war noch sehr jung, als ich den Film das erste Mal sah und er hinterließ damals einen tiefen Eindruck bei mir. Ich hatte schon vorher irgendwie vermutet, dass dieses Spiel von „es zu etwas in dieser Welt bringen“, das uns in der Schule Tag für Tag ans Herz gelegt (um nicht zu sagen „eingetrichtert“) wurde, nicht ganz den wahren Sinn des Lebens reflektierte. Und der Film bestätigte, zu meiner Erleichterung, mein Empfinden. Wenn ich eins wusste, dann, dass ich nicht wie Schmidt leben wollte.

Aber wie denn eigentlich sonst? Wir Menschen sind schließlich programmiert, ein Ziel zu verfolgen. Die Gesellschaft hat nun mal ihre Strukturen. Und vor allem brauchen wir soziale Inklusion. Natürlich könnten wir versuchen, uns nur unseren idealistischen Vorstellungen hinzugeben, aber wie sollte sowas funktionieren? Man kann ja nicht einfach Hippie werden. Was bringt einem ein unerschütterliches Festhalten an wahren Werten, wenn man dann vom Umfeld nicht mal als verantwortungsvoller Erwachsener angesehen wird? Und wem dient man dann überhaupt noch?

Und dennoch sehen wir eine Gesellschaft voller unzufriedener Menschen. Die meisten von uns fühlen sich unerfüllter, neurotischer und ratloser als wir es anderen gegenüber zugeben wollen. Schließlich sind wir mit unserem eigenen freien Willen konfrontiert. Wir haben jeden Moment die Wahl, zu entscheiden, wie und wofür wir leben. Ich denke, vor allem macht uns das Ausmaß dieser Verantwortung Angst. Aber ist ein Lebensende wie das von Warren Schmidt nicht furchteinflößender?

Im Endeffekt stellt sich eigentlich nur die Frage, was uns tatsächlich wichtig ist.
Ein langes Leben? Eine schöne Jugend? Kinder bekommen? Oder einen bleibenden, bedeutungsvollen Eindruck in der Welt hinterlassen?

Und vielleicht ist die Antwort mal wieder „Balance“. Irgendwie den Mittelweg finden zwischen Idealismus und ernüchterndem Realismus. Irgendwie komfortabel leben und gleichzeitig Selbstlosigkeit üben. Natürlich. Aber ich finde es wichtig, festzustellen, dass viele von uns an unserem Leben hängen, obwohl wir es nicht einmal für besonders lebenswert halten.

Wem oder was wollen wir unsere Zeit hier auf Erden wirklich widmen?
Gibt es etwas, das tatsächlich wertvoll genug dafür ist? Ich persönlich glaube, dass wir in unserem Dasein einen kleinen Winkel der Universums „zugeteilt bekommen“ und es unsere Aufgabe ist, diesen Bereich – so klein er auch sein mag – mit Integrität nach bestem Können zu verbessern. Ich glaube auch, dass es essenziell wichtig ist, dabei nicht darauf zu achten, wie viele Dinge man zum Besseren verändert, sondern mit wie viel Ehrlichkeit man es tut. Geld, Ansehen, Aussehen, Abschlüsse, Titel und Kontakte spielen dabei zwar eine Rolle, aber nicht die primäre.

Und ich hoffe nach wie vor, dass wir in unserem Magazin einen „kleinen Winkel des Universums“ haben, der Bedeutung trägt. Auch diesen Monat bedanke ich mich herzlichst bei unserer Redaktion für die gewissenhafte Mitgestaltung :-)

In dieser Ausgabe freue ich mich besonders über die Zusammenarbeit mit der Journalistin Barbara Schmid und der forensischen Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh, die wir zum Thema Zwangsprostitution in Deutschland befragt haben. Die Ausmaße des Menschenhandels hierzulande sind vielen nicht bewusst, da das Thema leider weder in den Medien noch in Bildungseinrichtungen genug Aufmerksamkeit bekommt. Frau Schmid hat ein Buch über die traumatischen Erlebnisse einer Zwangsprostituierten geschrieben, in unserer Rubrik „Eine Frage des MILIEUS“ gibt sie uns einen Einblick in diese Realität. Dr. Saimeh haben wir in einem Interview daraufhin gefragt, welche Machtmechanismen hier eine Rolle spielen und wie man Opfern helfen kann.

Also vielen Dank an Frau Schmid und Frau Saimeh für ihre Aufklärungsarbeit und vielen Dank an alle anderen Autoren und Interviewpartner unserer Juli-Ausgabe.

Viel Spaß beim Lesen!

Mit besten Wünschen,

Olivia Haese
Chefredakteurin

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