Leistungsgesellschaft

Für wen leben wir eigentlich?

01.12.2016 - Miriam Sommer

„Zum anderen macht es sich natürlich auch sehr gut im Lebenslauf.“ – Das war sein zweiter Grund, warum man sich ehrenamtlich in dem von ihm vorgestellten Programm für studieninteressierte Geflüchtete engagieren sollte. Natürlich wirkt ein Ehrenamt gut im Lebenslauf. Aber sollte das wirklich die Motivation sein? Und in einer Aufzählung von fünf Aspekten, die Interessierte dazu bewegen sollen, sich zu engagieren, gleich der zweite? Was läuft hier eigentlich falsch?

Denn warum soll ich etwas tun – irgendetwas – nur, weil es gut in meinem Lebenslauf aussieht? Überall wird uns gesagt, welche Vorteile bestimmte Dinge mit sich bringen, Ehrenamt, Praktika, Auslandsaufenthalt, das sind die Klassiker. Da stellt sich mir die Frage: Leben wir für uns oder für unseren Lebenslauf?  

 

In meinem Auslandssemester traf ich auf ein Mädchen, das nach wenigen Wochen bereits anfing, die Tage bis zu ihrem Heimflug zu zählen. Das gesamte Semester über hat sie es nicht geschafft, sich auf die neue Stadt, die fremde Kultur und die Menschen dort einzulassen, sondern ist allem mit einer sehr ablehnenden Haltung gegenüber getreten. Bei unserem Abschiedsessen hat sie getönt, wie froh sie sei, endlich nach Hause zu können. Auf Nachfrage unsererseits, warum sie sich überhaupt für ein Auslandssemester entschieden habe, wo es doch in ihrem Studium nicht einmal verpflichtend war, gab sie genau diese Antwort, die mich jedes Mal, wenn ich sie höre, wütend macht: „Weil es ja gut für den Lebenslauf ist und es heutzutage alle machen.“ 

 

Laut Duden ist ein Lebenslauf „der individuelle Verlauf eines Lebens, Lebensgeschichte“ und eine „schriftliche Darstellung, Zusammenfassung der (besonders für die Berufslaufbahn) wichtigsten Daten und Ereignisse des eigenen Lebens“.

 

Nach meinem Verständnis sollten wir also unser Leben so gestalten, wie wir es möchten. Uns aus einer natürlichen inneren Motivation für bestimmte Schulen, Studiengänge, Praktika, Auslandsaufenthalte, und ja, auch Ehrenämter entscheiden, weil wir es möchten. Unser Lebenslauf dient dann als Zusammenfassung unseres persönlichen Lebensweges und unserer Fähigkeiten.  

 

Denn wie authentisch ist ein Lebenslauf, wenn wir manche Dinge nur tun, um ihn aufzuwerten und etwas attraktiver zu machen? Was sagt er dann noch wirklich über uns als Persönlichkeit aus?  

 

Ein Ehrenamt wird zum Beispiel meist von Leuten übernommen, die gerne mit  anderen Menschen zusammenarbeiten, sozial eingestellt sind und gerne helfen. Und das sollte auch so bleiben, also werbt nicht damit, dass sich dieses Ehrenamt auch „gut im Lebenslauf macht“! Das nützt am Ende niemand. 

 

Ein Auslandssemester sollte ein Indiz dafür sein, dass die Person offen für Anderes und Neues, neugierig und flexibel ist. Im Fall des oben erwähnten Mädchens? Fehlanzeige. Fünf Monate verbrachte sie größtenteils in ihrem WG-Zimmer, vermisste ihren Freund und die vertraute Heimat. Wenig bis kein Interesse an interkulturellem Austausch. Die Bezeichnung „open-minded“ ist hier mit Sicherheit nicht zutreffend. 

 

Dafür wäre mir meine Lebenszeit zu schade. Jeder von uns hat nur dieses eine Leben, und auch „nur“ fünf Monate sind fünf Monate, die ich so verbringen möchte, wie ich es mir wünsche . Zeit kommt schließlich nicht zurück, sobald wir sie einmal verschwendet haben. Daher möchte ich mir nicht von einer Gesellschaft vorschreiben lassen, was in meinem Lebenslauf zu stehen hat.  

 

Ich möchte mich von keinem Unternehmen ausbeuten lassen, um "genau das" in meinem Lebenslauf aufzuführen, ich möchte kein Chinesisch lernen, nur „weil das total gut ankommt bei Personalern“. Ich möchte solche Projekte unterstützen, von deren Idee ich begeistert bin und nur dann ins Ausland, wenn ich wirklich im Inneren dafür motiviert bin. Und wenn ihr nicht ins Ausland wollt, dann bleibt halt zu Hause. Lasst euch nicht einreden, ihr müsst ins Ausland, weil „jeder es macht“. Niemand mag Menschen um sich, die nur nörgeln und alles blöd finden, und euch geht es ja auch nicht gut dabei.  

 

Denn auch wenn wir fast alle oft Ängste verspüren vor dem Einstieg in die Berufswelt und den Drang, unseren Lebenslauf aufbessern zu müssen – die  anderen haben immer mehr Praktika, mehr Berufserfahrung, mehr Auslandserfahrung, bessere Noten – sollten wir eines nie vergessen: Am Ende des Lebens müssen wir selber mit unserem Lebensweg glücklich sein, kein Personaler und kein Arbeitgeber und keiner unserer Konkurrenten. Natürlich müssen wir genügend Chancen wahrnehmen, um den Anschluss nicht zu verpassen und uns Türen offen zu halten. Aber in erster Linie sollten wir doch alle danach streben, abends zufrieden einzuschlafen und morgens optimistisch aufzuwachen.

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