Erfahrungsbericht

Funkstille: Was macht man ohne Handy?

15.09.2015 - Mohammed Saboor Nadeem

Wie abhängig sind wir von unserem Smartphone und was bedeutet es uns?

Letzte Woche habe ich mich nach langer Zeit mal wieder dazu entschieden, in den Zoo zu gehen, um die vielen exotischen Lebewesen von unserer großartigen Erde zu bestaunen. Ich kaufte mir also eine Eintrittskarte und freute mich auf ein Abenteuer, das mir einen Blick in andere Lebenswelten ermöglichen sollte. Und so sollte es kommen.

Kaum näherte ich mich dem ersten Gehege, schon griff ich automatisch in die Hosentasche, um mit meinem Smartphone auf einem Foto mein Erlebnis für die Welt festhalten und mit ihr teilen zu können. Da fiel es mir plötzlich aus der Hand auf das Kopfsteinpflaster. Es knackte. Ganz vorsichtig hob ich es auf, das Schlimmste ahnend, so als würde ich ganz behutsam ein kleines Kind auf den Arm nehmen, und drückte die Stand-by-Taste, als würde ich dem Kind tröstend sanft über den Kopf streicheln, und staunte gleichzeitig über den Forstschritt der Technik, mehr als je über das Wunder der Geburt. Doch mein Handy blinkte nur kurz auf, ein letztes Mal, und ging dann für immer aus. Ich atmete tief ein, um mich herum zog alles in Zeitlupe vorbei.

Es mag sicherlich ungewöhnlich klingen, aber ich glaube, so fühlt es sich tatsächlich an, wenn man einen geliebten Menschen in seinen Armen für immer verliert.

Am nächsten Tag habe ich unermüdlich alle möglichen Läden abgeklappert, um von dem Handy das zu retten, was noch zu retten war. Doch entweder waren die Kosten viel zu hoch oder die Aussicht auf Erfolg zu gering. Bis ich schließlich von selber merkte: So viel ist mir mein iPhone dann doch nicht wert.
In den ersten Tagen ohne Smartphone hatte ich dauernd das Gefühl, als ob ich nicht erfahre, was in der Welt passiert und dass ich kein Teil davon sein kann, bis ich immer wieder feststellte, dass ich dann doch nichts verpasst habe. Lustigerweise habe ich seitdem, wie noch nie zuvor, so lange in Internetforen rumgehangen und so viele Artikel tatsächlich gelesen und kommentiert, bevor ich sie geliked habe. Die zahlreichen süffisanten, egoistischen oder schlichtweg verletzenden Kommentare unter vielen Post müssen mir wohl bisher total entgangen sein. Dass politische Themen Menschen seit jeher entzweit haben ist verständlich, aber ist im World Wide Web die Hemmschwelle echt so niedrig, dass man private Fotos mit Schimpfwörtern und Beleidigungen kommentieren darf? Und gerade der ekelhafte Fremdenhass. Wie verhält es sich wohl mit Mobbing von Mitschülern? Dabei denke ich in meiner neuen Lebenssituation oft darüber nach, wie abhängig wir dann doch von antisocial Networks sind, obwohl wir in einem sozialen System erzogen werden.

Na ja, was mich angeht, etwas Positives hatte der Verlust meines Smartphones dann doch: Ich war in der letzten Woche so produktiv wie seit Monaten nicht mehr. Ich habe Aufgaben erledigt, die ich mir seit Jahren vorgenommen hatte. Ich habe Ordner sortiert, Fotos katalogisiert und ein Album erstellt, damit ich auch irgendwann meinen Enkelkindern etwas zu erzählen habe, Briefe und Postkarten geschrieben oder einfach mal wieder bei Freunden an die Tür geklopft und gefragt, ob sie Zeit haben. Außerdem kann ich jetzt nicht nur meine eigene Festnetznummer, sondern auch noch sieben weitere Telefonnummern komplett auswendig. Wir sind wohl doch smarter…?!

Ich bin mir zwar bewusst darüber, dass ich auf Dauer nicht ganz auf ein Handy verzichten werde, trotzdem bin ich mir sicher, dass diese wertvolle Erfahrung auch ein stückweit ein Zeichen dafür war, die Welt nicht über den Bildschirm zu sehen. Bei meinem Zoobesuch habe ich, fast schon wie im Kindesalter, über die vielen wundersamen Dinge im Leben lange gestaunt.

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