Realschullehrer im Interview

Gabriel Stängle: "Man wollte mich sozial und beruflich kaltstellen"

01.08.2015 - Mikael Sander

Sein "Nein" zur Bildungsplanreform in Baden-Württemberg sorgte für einen medialen Shitstorm. Dass alle Kinder ab der Grundschule fächerübergreifend zur "Akzeptanz sexueller Vielfalt" erzogen werden sollen, sieht er als Gefahr für künftige Generationen. DAS MILIEU sprach mit dem Realschullehrer Gabriel Stängle über seine Gedanken zur Ideologie des Regenbogens, Homosexualität, Lobby-Arbeit und seine Erfahrungen mit dem Shitstorm.

DAS MILIEU: Was ist die Ideologie des Regenbogens?

Stängle: Unter Ideologie des Regenbogens verstehen wir zum einen eine modische Weltanschauung, die die Vielfalt sexueller Identitäten und Orientierungen und ihre kritiklose Akzeptanz zur gesellschaftlichen Norm erklärt. Zum anderen eine politische Meinung, die diese Vorstellung ohne demokratische Prozesse zur Staatsräson erhebt. Der Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“ hatte als Erkennungsmerkmal einen Staufer-Löwen aus dem Landeswappen, der in den Farben des „Regenbogens“ übermalt worden war. Die Buntheit sollte gesellschaftspolitisches Programm werden. Fast zeitgleich wurde das Grundlagenpapier des Bildungsplans, die „Leitprinzipien“ an den Beirat der Bildungsplankommission geschickt. Jede Bewegung und Interessensgruppe darf ihre Symbole und Farben wählen. Der Staat aber hat sich weltanschaulich neutral zu verhalten, daher darf er sich keine Partikularinteressen auf die Fahne schreiben.

 

Vorher gab es das Hissen der Regenbogenfahne auf dem Neuen Schloss in Stuttgart. Überlegen Sie mal welchen Protest es ausgelöst hätte, wenn beim Eröffnungsgottesdienst des Kirchentags im Juni die Kirchentagsfahne dort oben geweht hätte. Es wäre das politische Sommertheater geworden – zu Recht, weil partikulare Interessen nicht das Anliegen des Staates sein dürfen. Das Anliegen der Gleichstellung kann sehr wohl von Verbänden, Parteien und Bürgern vorgetragen werden.

DAS MILIEU: Es gibt rund 18 Millionen heterosexuelle Ehepaare in Deutschland - und etwa 35.000 eingetragene homosexuelle Lebenspartnerschaften. Mit einem Massenthema hat man es hier nicht gerade zu tun. Wie schafft es eine Minderheit einer Mehrheit eine bestimmte Ideologie aufzudrücken?

Stängle: Dieses Phänomen verblüfft mich auch. Nehmen wir zum Beispiel die von Ihnen angesprochene Diskussion um die „Ehe für alle“. Die 35.000 eingetragenen Lebenspartnerschaften stellen ja nicht einmal zwei Prozent der homosexuellen Community dar, die sich für dieses Modell des Zusammenlebens entschieden haben, sofern wir von einem gleichgeschlechtlich orientierten Bevölkerungsanteil von fünf Prozent ausgehen. Einen Run auf die Ehe, wie es die Medien suggerieren, ist kaum zu erwarten. Es scheint vielmehr so zu sein, dass die Mehrheit lesbischer und schwuler Bürger – wie ihre heterosexuellen Mitbürger auch – mit dem heutigen Standard für Ehe und für eingetragene Partnerschaft recht zufrieden sind. Obwohl das Thema „Ehe für alle“ im Alltag der Bevölkerung unter ferner liefen rangiert, ist es inzwischen das medial mit Abstand am nachdrücklichsten besprochene. Die Vorstellung, dass man ganz Unterschiedliches als „gleich“ bewerten könnte, hat offenbar eine Art von Reiz, und Tabu-Brüche scheinen attraktiv. Für manche Menschen erscheint die Preisgabe klarer Differenzierungen auch bequem oder sogar besonders moralisch.

DAS MILIEU: Was hat Sie als Lehrer dazu bewogen, sich gegen den Bildungsplan für mehr sexuelle Vielfalt zu engagieren?

Stängle: Unter dem euphemistischen, harmlosen Begriff „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ wird hier eine aufdringliche Pädagogik zum Bildungsprogramm! Die gewohnte Sichtweise auf Frau und Mann soll mit ideologischen Behauptungen und Begründungen aufgelöst und neuen Deutungen, die unverbindlich daherkommen, unterworfen werden. Das Augenmerk auf spezielle sexuelle Orientierungen kommt somit einer zahlenmäßig sehr kleinen Personengruppen zugute, während andere Bereiche, in denen Menschen viel konkreter und massiver Ausgrenzung erfahren, glatt unter den Tisch fallen! Mir ging es beim Verfassen der Petition in erster Linie um die Wahrung der Freiheit und den Schutz der vom Grundgesetz verbrieften Grundrechte für alle. Ein weiteres Anliegen war, dass das Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung weiterhin Vorrang vor ideologischen Kampfbegriffen und bloßen Theorien haben soll.


DAS MILIEU: Wie unterscheiden Sie Toleranz und Akzeptanz?

Stängle: Toleranz ist von der Einsicht geprägt, dass die eigenen Vorstellungen nicht mit Gewalt durchgesetzt werden können. Der Andersdenkende an dem man sich reibt, ist zu dulden, auch wenn man seine Überzeugung und Praktiken missbilligt. Toleranz verbindet Wahrheit mit Anerkennung. Die dritte Dimension ist die Macht, da die Anerkennung dem anderen ja entzogen werden kann. Das kommt in dem Goethe-Zitat „Dulden heißt beleidigen“ schön zum Ausdruck. Von diesem Hintergrund ist die Erweiterung des Toleranzverständnisses unter anerkennungs- und identitätspolitischen Vorzeichen zu verstehen. Erstens soll hier der Rechtsanspruch von Einzelnen auf Minderheitengruppen ausgedehnt werden. Auf Grund von erlebter Diskriminierung wird die Forderung nach Gruppen-Unterschieden laut. Zweitens wird die „wertschätzende Anerkennung“ für eine Gruppe oder Einzelne gefordert. Akzeptanz wird hier als eine Steigerungsform der Toleranz verstanden.

Diese Verschiebung hat grundlegende Auswirkungen: Zum einen zielt „Akzeptanz von Vielfalt“ langfristig auf eine „Essentialisierung“ der jeweiligen Gruppen: Ich bin das, was mich von den anderen unterscheidet, und den anderen nehme ich nur über das wahr, was ihn von mir unterscheidet. Diesen Unterschied definiere ich als seine ursprüngliche Wesenheit (Essenz). Das heißt Schüler werden auf Repräsentanten dieser vermeintlichen Gruppen reduziert, sei es als Schwule, Muslima, Sinti oder Transsexuelle. Zum anderen wird der Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz verwischt, was langfristig dazu führt, dass Toleranz in ihrer ursprünglichen Bedeutung aufgelöst wird. Das freiwillige gegenseitige Dulden weicht dem autoritativen Einfordern dessen, was die Obrigkeit im Sinn des gerade politisch Korrekten anordnet. Zum Dritten gehen die propagierten pädagogischen Ansätze zur Akzeptanzförderung von einer Theorie des atomisierten Selbst aus und nicht von der Ich-Du-Beziehung.

DAS MILIEU: Welche Probleme schafft Ihrer Meinung nach die Thematisierung von sexueller Vielfalt?

Stängle: Das Hauptproblem liegt in der fehlenden Transparenz. Es wird so gut wie nie geklärt, was mit sexueller Vielfalt im schulischen Kontext genau gemeint ist. Es ist zudem nicht nachzuvollziehen, warum Individualität als solche – Menschen sind ohnehin individuell und vielfältig – ein erstrebenswerter Zustand der Gesellschaft sein soll. Und überhaupt: Stellt Homosexualität wirklich Vielfalt her? Heißt das, die über 95 Prozent der Bevölkerung, die nicht LSBTTI oder Q orientiert sind, sind sexuell einfältig? Entsteht im Darkroom, den die Kasseler Soziologieprofessorin Elisabeth Tuider auch pantomimisch im Unterricht umgesetzt sehen möchte, wirklich „Vielfalt“? Oder besteht Vielfalt automatisch überall, wo mehrere Schwule anwesend sind? Es herrscht argumentative Verwirrung. Das Credo der Vielfalts-Aktivisten ist die Herstellung einer „Gleichheit“, in der alle Menschen nur noch Menschen sind und jede Unterscheidung (lat. discriminatio) unterbleibt. Der Vielfalts-Begriff  dient hier zur Vermeidung angeblicher Diskriminierung.  Das ist aber ein Phantom. Dieses Phantom „Vielfalt“ wird als politisch korrekter Kampfbegriff gegen andere Meinungen eingesetzt und der Gegner als konservativ beziehungsweise rechts verortet, während man selbst sich als links und fortschrittlich definiert. Die fixe Idee „Gleichstellung“ meint, Unterschiedliches könne einfach mir-nichts, dir-nichts als „gleichwertig“ erklärt werden. Dies stellt eine Form von Selbsttäuschung und Selbstbetrug dar. Man macht damit sich und anderen was vor.

Die aktuellen Leitperspektiven des Bildungsplans fordern nicht nur Toleranz gegenüber diversen neuen Lebensentwürfen, sondern erheben deren Akzeptanz, zur gesellschaftlichen Norm. Dieses verquere Vielfalts-Verständnis zeugt eher von einer dumpfen Einfalt und der Verneinung einer realen, sich auch in der Kontroverse behauptenden Vielfalt. Das Durcheinander ist komplett, wenn jeder in die Vielfalt hineinlesen kann, was er will, und wenn sich auch ethisch bedenkliche Randauffassungen, wie zum Beispiel die pädosexuelle Agenda, Sex mit Tieren oder die Legitimierung der Leihmutterschaft auf das Primat der Vielfalt berufen.

Schließlich unterspült der Bildungsplan gesellschaftsethisch wichtige Dämme: Zum einem durch die Verletzung des kindlichen Schamgefühls durch die kruden Methoden der „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Das Übertreten der Schamgrenze bei Kindern ist aber bereits eine Form von sexuellem Missbrauch. Zum anderen öffnet er die Tür für eine Abkehr von der Pädagogik, die vom Kind her denkt: Bisher hat das Schulgesetz die Funktion, das Kind zu schützen, nun soll es dafür herhalten, Lobbygruppen und deren Weltanschauung zu fördern, denen dann ein mehr oder weniger unbeschränkter Zugang zu den Schulen ermöglicht wird. Das, was bisher an sexuellen Vielfalts-Konzepten vorgestellt wurde, führt keineswegs zur Toleranz gegenüber Minderheiten. Es fehlt das reflektierte Vorgehen in den Umsetzungsschritten.

DAS MILIEU: Sie sprechen von Indoktrination und ideologischer Umerziehung. Woran denken Sie dabei?

Stängle: Den Vielfalts-Forderungen liegt ein naturalistischer Fehlschluss zugrunde. Aus der Tatsache, dass es gesellschaftliche Verschiedenheit gibt, lässt sich noch keine normative Forderung nach der Wertschätzung aller Art von „Vielfalt“ an sich ableiten, was heute de facto das neue baden-württembergische Staats- und Bildungsziel ist. Das Grundgesetz schützt die Individualität des Einzelnen, aber es stellt kein Vielfaltsgebot auf. Außerdem wird die Unterscheidung zwischen Toleranz und Akzeptanz nicht aufrechterhalten. Daraus folgt auch eine Verwischung der Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Die Sexualität eines Individuums gehört zur geschützten Privatsphäre, und die gilt es auch in der Schule zu berücksichtigen. Nicht von ungefähr heißt es in der Landesverfassung, dass „in allen Schulen der Geist der Duldsamkeit und der sozialen Ethik“ zu walten habe. Zum Dritten fordert eine staatliche Verordnung von „Akzeptanz von Vielfalt“ im Bildungsplan  die Schüler dazu auf, ihr eigenes, im Elternhaus geprägtes persönliches Wertesystems aufzugeben. Das aber verstößt nicht nur gegen das Indoktrinationsverbot und das Kontroversitätsgebot des Beutelsbacher Konsenses, sondern auch gegen die Vorgaben des Grundgesetzes und der Landesverfassung. Wenn der Schutz der Individuen einem Vielfaltsgebot weicht und sich die Landesregierung vom „Geist der Duldsamkeit“ hin zur Verordnung von „Akzeptanz von Vielfalt“ entwickelt, dann liegt ein klassisches  Programm von Indoktrinierung vor.


DAS MILIEU: Haben Sie Angst davor, dass unsere künftige Generation andere sexuelle Orientierungen als Alternative sehen könnten?

Stängle: Vor einigen Jahren habe ich mit einer Schülergruppe das vor- und außereheliche weibliche Sexualverhalten eines Schwarzwalddorfes vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Jahr 1900 untersucht. Ich kann Ihnen sagen, dass es in jeder Generation eine Kluft gab zwischen den gesellschaftlichen Forderungen und dem, was gelebt wurde. Meines Erachtens liegt die Problematik völlig woanders: Die Überfrachtung des Unterrichts mit einer Thematik über alle Klassenstufen, fächerübergreifend und „spiralcurricular“, wie es im Bildungsdeutsch heißt, bewirkt den gleichen Abstumpfungs-Effekt wie die „Nie wieder Faschismus“-Parole, mit der die Schüler in meiner Generation in sämtlichen Fächern traktiert wurden. Ein Freund sagte mir mal, dass diese Art von einbläuendem Unterricht in seinem Dorf mit ein Nährboden dafür war, dass in den 1990er Jahren ein Fünftel der Bürger für die NPD stimmten. Hinter den Akzeptanz-Floskeln steckt ja kein durchdachtes pädagogisches Konzept! Redundanz ist noch keine Überzeugungsarbeit. Es wird kaum Zuspruch für eine Sache geben, die durch die Lebenserfahrung der meisten Schüler nicht abgedeckt ist, nur weil sie ständig als normal angepriesen wird. Da bin ich mir sicher. Hier wird die Rechnung ohne die Lehrer, Eltern, Schüler und vor allem ohne die Zuwanderer gemacht. Den Backlash sehe ich vor allem im Hinblick auf Zuwanderer aus Osteuropa und den Mittleren und Nahen Osten. Viele Menschen, die aus diesen Ländern kommen, werden sich durch die unsensible und massive Vielfalts-Doktrin überrumpelt fühlen und die Abwehrhaltungen gegen unsere pluralistische Gesellschaft, die sie als dekadent ablehnen, noch intensivieren.

DAS MILIEU: Ist Homosexualität ein Lebensstil oder Lebensrealität?

Stängle: Seit Menschengedenken gibt es homoerotisches Begehren und homosexuelle Praxis, und zwar als eine Konstante, die relativ unabhängig ist von Kultur, Zeit und Raum. Darüber herrscht meines Wissens ziemlich Konsens in der Forschung. In wieweit dies von Einzelnen als Identität empfunden und als Lebensstil gepflegt wird, hängt sicher stark von der eigenen Wahrnehmung, von den gesellschaftlichen Werten und vom sozialen Umfeld ab.

DAS MILIEU: Sehen Sie die Gefahr, dass sich  das Motto „Schwul ist cool“ als Laune und Trend in der Gesellschaft ausbreiten könnte?

Stängle: Der Slogan „Schwul ist cool“ hatte zwischen den 1960er und den 1980er Jahren sicher eine aufrüttelnde Wirkung. Heute ist der Satz vor allem im schulischen Kontext zur Leerformel geworden. Hätte er sich als Trend ausgebreitet, dann hätten sich auch Schimpfwörter bei Teens wie „Schwuchtel“ und „schwule Sau“ in den letzten Jahren in Luft auflösen müssen. Gerade in Berlin, einer Hochburg der Schwulenbewegung, wo sexuelle Vielfalt zudem seit ca. zehn Jahren im Unterricht thematisiert wird, sprechen Forschungsergebnisse eine erschreckend andere Sprache. Da ist auf dem Schulhof wenig von „Schwul ist cool“ zu hören. Was wir brauchen, ist eine Gewaltprävention, die auf einer ganz anderen Ebene ansetzt, damit diese und andere diskriminierende Ausdrücke zurückgehen.

DAS MILIEU: Eines der größten Argumente Ihrer Gegner ist, dass es einen Fortschritt unserer Menschheit darstellt, wenn wir endlich alle sexuellen Orientierungen gleichstellen und unseren Kindern als „normal“ präsentieren. Was entgegnen Sie?

Stängle: Seit Jahrzehnten ist die Gleichberechtigung aller Menschen in den ersten drei Artikeln unserer Verfassung festgeschrieben. Wer heute darüber hinaus „Gleichstellung“ fordert, ist in Wahrheit ein Lobbyist für eine Minderheit. Ich bin der Letzte der sagt, dass Menschen, die sich lieben, nicht normal wären. Die Problematik sehe ich allerdings in zwei Bereichen: Der Begriff der „sexuellen Vielfalt“ kann fragwürdigen Interessengruppen und deren politischen Akteuren als Alibi für ihre Anliegen dienen. Zum anderen geht es ja gerade nicht um die Frage, was normal ist oder sein könnte, sondern dass es kategorisch als normativ gelten soll.

Hätten Sie die Frage nach dem „Fortschritt der Menschheit“ vor 50 Jahren, mitten im Baby-Boom gestellt, hätte man durchaus über die Aspekte des gesellschaftlich „Normalen“ diskutieren können. Wir leben aber im Jahr 2015. Unsere Gesellschaft hat die niedrigste Geburtenquote der Welt. Wird das, oder die Vorbereitung auf eine künftige Elternschaft an den Schulen unter dem Thema nachhaltiger Bildung, die ja eine eigene Leitperspektive im Bildungsplan ist, thematisiert? Fehlanzeige! Alexis de Tocqueville hat in seinen Berichten über die Demokratie in Amerika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die besondere Wertschätzung der Frauen, ihren Einfluss und die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Familienlebens als einen der Gründe für den Aufstieg der USA bezeichnet. Nachhaltigkeit und Fortschritt wird es nur dort geben, wo es eine hohe Wertschätzung von Ehe und Familie  gibt.

DAS MILIEU: Wie sind die Medien, Politik und besonders die Homo-Lobby in Deutschland mit Ihnen umgegangen?

Stängle: Die drei Bereiche Medien, Politik und „Homo-Lobby“ lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen. Auf Seiten der Politik gab es das gesamte Spektrum von „Hosianna“ bis „Kreuzige ihn“. In der Reaktion der Medien habe ich drei Phasen erlebt: Nach dem Outing von Thomas Hirzelsberger stand ich plötzlich im Kreuzfeuer der Medien. Allerdings wurde im Frühjahr 2014 nicht die Forderungen der Petition diskutiert, sondern lediglich die Reizworte Homosexualität und Schule, Homophobie, der Sinn von Online Petitionen und Sexualerziehung an sich. Da wurde nicht argumentiert, sondern skandalisiert. Es ging nicht darum, ob eine Behauptung richtig oder falsch ist, sondern darum, ob eine Haltung gut oder böse ist. Diese Dynamik erkläre ich mir damit, dass eine scheinbar unumstößliche politische Korrektheit ins Wanken geriet. Das regte nicht zur inhaltlichen Diskussion oder Auseinandersetzung an, wie es für eine Demokratie bezeichnend wäre, sondern dazu, die politischen Korrektheit möglichst umfassend wiederherzustellen.

 

Die nächste Phase begann im April 2014 mit einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ über die „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Ab diesem Zeitpunkt begannen fast alle großen Leitmedien in Deutschland, sich kritisch mit konstruktivistischen Theorien im Kontext von Schule auseinanderzusetzen. Zur Homo-Lobby – hmm: Vor kurzem wurde ich in einem Interview gefragt, ob es denn eine „Homo-Lobby“ gäbe. Bei mir hat sich noch niemand als Vertreter einer solchen Lobby vorgestellt.  Den Shitstorm, der mir entgegenschlug, als die politische Korrektheit in Frage gestellt wurde, lässt aber darauf schließen, dass die Lobbyisten der LSBTTIQ-Gruppen  zu den erfahrenen und erfolgreichen Shitstormern der Republik gehören. Viele von ihnen haben aber selber ein grundsätzliches Toleranzproblem.

DAS MILIEU: Wurden Sie auch mit dem Leben bedroht?

Stängle: Der Shitstorm zielte deutlich darauf ab, mich sozial und beruflich kaltzustellen. Aber erst als eine Journalistin der taz mich in einem Interview beiläufig fragte: „Ah Herr Stängle, und sind ihnen nicht die Autoreifen zerstochen, oder die Fensterscheibe eingeworfen worden?“, wurde mir bewusst, dass man die Prämisse von Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ heute selbst in der linken Szene nicht mehr als Grundwert voraussetzen kann. Diesen immensen Druck, den ich als Bürger und wir als Familie auszuhalten hatten, wünsche ich niemandem.

DAS MILIEU: Als bekannt wurde, dass Sie hinter der Petition stecken, gab es Politiker, die verkündeten, dass Ihre Meinung keinen Platz in der freiheitlichen Demokratie hätte. Wie antworten Sie diesen Politikern?

Stängle: Ja, Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch von den Grünen hat deutlich gesagt, dass Menschen wie ich keinen Platz in der freiheitlichen Demokratie hätten. Erst als sich  am Ende der Landtagsdebatte der bildungspolitische Sprecher der FDP, Timm Kern gegen sie gestellt hat, milderte sie ihre Aussage ab. Entschuldigt oder richtig gestellt hat sie das bei mir bis heute nicht. Wann immer ich die Aufzeichnung dieser Landtagsdebatte vom 22. Januar 2014 sehe und ihre Worte höre, schüttelt es mich innerlich. Wohin wünscht mich diese Frau? Auf ein grün-rotes Schafott? Oder ins grün-rote Fegefeuer? Noch nie in meinem Leben war ich so aufgewühlt wie am Abend dieser Debatte, als ich verstand, was für ein Privileg es ist, in einem Rechtsstaat zu leben und nicht befürchten zu müssen, jederzeit als Unerwünschter ins Nichts deportiert werden zu können.

DAS MILIEU: Haben Sie in der Zeit des Shitstorms daran gedacht, zurückzurudern?

Stängle: Mir haben die Knie schon oft gezittert, aber ich wusste mich getragen von vielen Menschen, die michermutigt haben. In Zeiten der digitalen Diarrhoe hilft nur die konsequente Abstinenz von Facebook, Twitter und dergleichen. Das Zitat von Dietrich Bonhoeffer „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie die nächste Generation leben soll“, hat mir immer wieder Mut gemacht. Ich sagte mir, ich kann doch nicht jahrelang im Unterricht meinen Schülern Luther, Ghandi oder Martin Luther King als Vorbilder darstellen und dann selber  bei Gegenwind einknicken. Seit Jahren befasse ich mich mit der Mimetischen Theorie René Girards und weiß, dass schon unzählige Menschen vor mir die Erfahrung des Sündenbocks gemacht haben. Es waren aber vor allem die Verse der Psalmen, aus denen ich Mut und Kraft geschöpft habe.

DAS MILIEU: Besonders in Europa wird von religiös-konservativen Menschen erwartet wird, dass sie Verhalten wie Homosexualität, das von ihnen als unmoralisch angesehen wird, tolerieren.

Stängle: Das beobachte ich auch. Im öffentlichen Diskurs hat sich ein seltsames Toleranzverständnis entwickelt: Zero Toleranz gegenüber Nazis, fehlerhaften Apps, Doping, Antifeminismus und Pegida. Zweitens werden viele Zeitgenossen intolerant gegenüber anderen, wenn jemand dem eigenen Toleranzkanon nicht entspricht. Zum Nichttolerierbaren gehört gemeinhin Fundamentalismus, Rechtsextremismus und Homophobie. Wer mit einem dieser Label belegt wird, darf und soll bekämpft und ausgegrenzt werden. Mit exakt diesen drei Begriffen wurde ich stigmatisiert, meist, ohne irgendeine inhaltliche Begründung.  Toleranz - und das ist das Ausgangsargument – scheint das zu sein, was andere mir schulden. Wenn man sich selbst als tolerant deklariert, hat man automatisch Recht und muss sich der Mühe, Toleranz zu üben, gar nicht mehr unterziehen. Ich bin immer wieder verblüfft, mit welcher Nonchalance die Toleranzapostel diesen Widerspruch ignorieren.

DAS MILIEU: Warum definiert sich Europa im besonderen Maße über sexuelle Freiheit? 

Stängle: Es ist sicher eine starke Strömung, die Europa so definiert sehen möchte. Wenn man sich die Shell-Jugendstudien der letzten Jahre anschaut, dann rangiert der Wert der partnerschaftlichen Treue jedoch ganz weit oben. Es gibt beides, sowohl sexuelle Freiheit als auch Verbindlichkeit besitzen eine hohe Attraktivität.

DAS MILIEU: Wie können Sie beim Thema Liebe nüchtern argumentieren? Sind Ihnen die Gefühle der Menschen egal?

Stängle: Ich argumentiere nüchtern wenn es um die Grundlagenpapiere des Bildungsplans geht und ich lasse das Argumentieren und höre zu, wenn andere mir von ihren Sehnsüchten und ihre Beziehungen erzählen. Diese beiden Ebenen sind klar voneinander zu unterscheiden. Vor allem im Hinblick auf die Leute, die gerne so tun, als ob sie mit dem Vielfalts-Bildungsplan verheiratet wären und meinen, daran hinge das Wohl des Abendlandes.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Stängle!

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