Gedicht

Gedankenkarrussell

01.10.2015 - Tabea Stracke

Da kam mir doch glatt gestern Nacht die Erleuchtung.

Mal wieder konnte ich nicht einschlafen, da mich das neumoderne Problem namens Gedankenkarussell im Griff hatte. Ein durchaus aggressiv um sich greifender Virus, der so ziemlich jeden schon mal im Griff hatte und sich weder mit Antibiotika noch mit ausreichender Alkoholzufuhr eliminieren lässt.

(Im Gegenteil hatten einige Versuchsreihen bereits bewiesen, dass die Aufnahme verschiedener Nahrungsmittel, Medikamente und Flüssigkeiten das Karussell nur schneller, länger oder mit noch beschissenerer Musik fahren ließ)
Immerhin war ich auch schon auf die Idee gekommen, dass das Karussell nicht durch äußerliche Maßnahmen gestoppt werden konnte. Es musste also direkt von seinem Wirt bekämpft werden, und der Kampf musste genau dort stattfinden, wo das Karussell stand: na logisch, im Kopf. Das Gedankenkarussell war schließlich ein theoretisches Konstrukt und sein virales Verhalten und Auftreten musste dementsprechend mit theoretischen Kämpfern in seine Einzelteile zerlegt werden. Wie schon viele vor mir schickte ich meine kleine Theoriearmee also in endlose Schlachten, bei denen sie von den unerschütterlichen und kindisch-gruseligen Pferdchen und um sich selbst drehenden Teetassen abgeschmettert, zertrampelt und von ausgenudelten Oldies in die Knie gezwungen wurden. Ein solcher Kampf stiehlt jedem mehr Schlaf, kostet mehr Nerven, fördert mehr Stirnfalten und gibt dem Wort ausgelaugt mehr Bedeutung als eine besoffene Nacht nach einer Kündigung in einer fremden Stadt.

Bis hierher nichts Neues für alle Infizierten. Gedankenkarussellviren treten in verschieden ausgeprägten Formen auf, siehe Stresskopfschmerzen oder Depression und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker. Kernproblem ist aber immer dasselbe: ZU VIEL. Zu viele Gedanken, zu viele Themen, zu viele Baustellen, zu viele Gründe, zu viele Wünsche, zu viele Hoffnungen, zu viele Pläne, zu viele Fragen, zu viele Hindernisse, zu viel Rücksicht, zu viel Angst, zu viel Verwirrung. Ein Riesenpotpourri aus Lebensumständen und Charaktereigenschaften, die sich wie Fünfjährige weigern, sich zu vertragen. Kein Wunder, dass der Virus sich in der heutigen Zeit vermehrt wie die Made im Speck - früher war vielleicht nicht alles besser, aber weniger vielseitig. Wir sind überfordert vom Angebot des Lebens und die Fülle seiner Möglichkeiten. Klingt schon jetzt abgedroschen und wird fälschlicherweise als durchweg positiv eingeordnet, da es doch unglaublich toll ist, wie der Fortschritt am Menschen vorbeizieht. Und so fühlt man sich automatisch schlecht, wenn man nicht jede mögliche Möglichkeit aufs Möglichste ausprobiert hat. Sie waren noch nie auf einem anderen Kontinent? Keine Fremdsprachenkenntnisse? Bestnoten? Praktika? Haben nur zwei Hobbys? Und keines davon ist sportiv? Aber auf Ihre Gesundheit achten Sie doch wohl? Ernährung? Na, zumindest lesen Sie ja jeden Morgen die Zeitung? Nein, Zeit haben wir alle nicht, aber deswegen belegt man doch Abendkurse.

Und das Schlimmste: wir reden uns auch noch ein, dass uns das Spaß macht. Dass es erstrebenswert ist, alles zu tun und getan zu haben. Wir belächeln die Arbeiterklasse und gleichzeitig beneiden die vorverurteilten „schlichten Gemüter“ um ihre Zufriedenheit.

Da reicht ein Terminkalender nicht mehr. Da muss unser Handy jeden Tag in regelmäßigen Abständen klingeln und uns informieren, dass dies noch anliegt und wir jenes noch tun müssen, weil unser Kopf überquillt vor Informationen.
Und dann fängt es an sich zu drehen. Und die Pferchen grinsen blöde und die Teetassen drehen sich noch zusätzlich und langsam, aber sicher wird uns schlecht und wir fahren im Kreis, ohne zu wissen wo wir sind, wer wir sind und wo genau wir nochmal hinwollten?

Und dann kam mir doch glatt gestern Nacht die Erleuchtung. Ich sah mich im Karussell sitzen, sah, wie meine Theoriekämpfer unermüdlich die Kraft aus meinem Körper sogen, um das Drehen zu stoppen und mich im Endeffekt eifrig selbst zerstörten. Da sah ich die bunten Farben, die zu Farbverläufen verschwommen, sah es blinken, leuchten und glitzern, hörte die mehr als strapazierende Musik….und merkte, wie ich es trotz der Unmengen Zeug um mich herum nicht schaffte, mich auf ein einziges Detail zu fokussieren. Mir war die Fähigkeit zur Konzentration abhanden gekommen. Meine Augen fanden keine Ruhe, Informationsinflation brachte die Aktenordner in meinem Gehirn durcheinander, ich hatte keine Zeit, den Input richtig einzusortieren, lief schon dem nächsten Eindruck hinterher…Also richtete ich mich in meinem Bett auf. Schob die Decke zur Seite, stand auf und trat an mein Fenster. Obwohl Sonntagnacht, knapp 4 Uhr morgens, fuhren noch immer vereinzelt Autos durch die Stadt. Keine Ruhe, niemals Stillstand.

Und ich riss mich einfach mal zusammen und das Fenster auf, ließ mich von der plötzlichen kalten Luft schocken und zwang mich zu selektiver Konzentration. Ich hörte auf, das ganze Bild sehen zu wollen und betrachtete bewusst und lange ein Detail dieser Welt nach dem anderen. Ich weigerte mich, meinen Blick nach Gewohnheit von oben links nach unten rechts wandern zu lassen und hörte den Krach der fahrenden Autos ganz neutral an. Achtsamkeit nennt man den Spaß und wie sich zeigt ist sie einer dieser gewaltig unterschätzten Fähigkeiten, die der Mensch als Geheimarznei in sich trägt. Und wären meine Theoriekämpfer von Anfang an mit dieser Achtsamkeit ausgestattet gewesen, hätten sie sich dem Karussell bedächtig genähert, es betrachtet und es wirklich angesehen, dann hätten Sie es in Ruhe und mit Verstand anzuhalten gewusst (die Musikanlage zertrümmert) und wären ein oder zwei lustige Runden damit gefahren. Sie hätten sich noch etwas Zuckerwatte gekauft, dem einen oder anderen wäre vielleicht schlecht geworden, doch alle hätten gelacht und verdammt nochmal, einfach eine gute Zeit gehabt.

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