Deutsches Bildungssystem

Genug gejammert

01.09.2018 - Dr. Christoph Quarch

Auch in den letzten Bundesländern geht die Schule wieder los. Und man darf gewiss sein, dass mit all den frischen I-Dötzchen und all den neuen Stundenplänen für die Fortgeschritten – von den Lehrplänen der Lehrer ganz zu schweigen – auch die alte Leier wieder los geht: dieses alte Leierkastenlied von unseren ach so schlechten Schulen, lang schon überholten pädagogischen Konzepten und von verfehlter Bildungspolitik. Leicht und populär wäre es wohl, in diesen Katzenjammer einzustimmen; ebenso aber auch wohlfeil und den Vielen nach dem Mund geredet. Deshalb wollen wir für heute der Versuchung wiederstehen, in das Schul-Bashing so mancher Philosophen oder Hirnforscher miteinzustimmen und stattdessen unsere Schulen in ein anderes Licht zu rücken: in ein nüchternes und wohlwollendes Licht. Dabei soll es darum gehen, Missverständnisse zu korrigieren und vier Thesen vorzutragen.

1. Bildung und Erziehung sind nicht allein Aufgabe der Schulen, sondern der gesamten Gesellschaft.

In öffentlichen Debatten zum Thema Schule lässt sich eine bedenkliche Tendenz beobachten: der Trend zum Delegieren an die Profis. Es geht im Kindergarten los und setzt sich in der Schule fort: Bildung und Erziehung werden mehr und mehr zum Gegenstand pädagogischer Profession, die sich betont wissenschaftlich gibt und Wert darauf legt, Erkenntnisse der Psychologen, Physiologen, Hirnforscher, Verhaltensforscher, Soziologen, Therapeuten und von wem nicht sonst noch alles in Konzepte, Lehrpläne und Bildungsprogramme zu implementieren. Auch die Eltern unterwerfen sich nicht selten dem Diktat der Programmatiker und messen ihre eigenen Erziehungsanstrengungen daran, ob sie mit den Standards der Professionellen Schritt halten können. Was soll daran auszusetzen sein?

Das Problem besteht darin, dass die Erziehung junger Menschen weder nur den Eltern, noch allein den Profis, noch allein den Profis in Zusammenarbeit mit den Eltern überlassen werden sollte. Bildung und Erziehung sind die Aufgabe von allen, die sich der Gesellschaft zugehörig fühlen; auch der Ausbilder und Arbeitgeber, auch der Medien und Politiker und vor allem auch derjenigen, die auf unsere jungen Leute über digitale Medien Einfluss nehmen – und sich dabei überhaupt nicht ihrer Verantwortung bewusst sind, die sich daraus ergibt, dass sie ganze Generationen mit ihren Angeboten prägen, wenn nicht verderben. Aber statt das Augenmerk darauf zu lenken, welchen Einfluss virtuelle Medien auf die Jugendlichen und die Kinder nehmen, ignoriert man das Problem geflissentlich, um nur ja nicht in den Ruf zu kommen, irgendetwas gegen jene neue Pseudoreligion einwenden zu wollen, die unter dem Namen „Digitalisierung“ über uns hereingebrochen ist.

Die traurige Wahrheit ist: Erziehung und Bildung heißt heute vor allem, unsere jungen Menschen vor dem Internet beschützen. Dafür braucht es aber etwas anderes als nur pädagogische Konzepte zur Medienkompetenz. Die braucht es auch, aber noch mehr braucht es einen illusionslosen Blick auf die Realität und eine ideologie- und beschwichtigungsfreie, mutige und nicht pseudoreligiös geführte Kampagne für den digitalen Jugendschutz, die sehr viel weitergehen muss als alles was bisher unter dieser Überschrift firmierte: Verbote (siehe Frankreich), Disziplinarmaßnahmen, Suchtprophylaxe – um nur ein paar Stichworte zu nennen. Das aber kann und darf man nicht an die Schulen delegieren, man darf die Lehrer mit dieser Herkulesaufgabe nicht alleine lassen.

2. An unseren Schulen wird – vielleicht nicht immer, aber doch immer wieder – gute Arbeit geleistet.


Was den Bildungsstand und die Ausbildungsbereitschaft unserer Jugendlichen angeht, sollte man also nicht primär die Schulen zur Rechenschaft ziehen, sondern zunächst sich selbst. „Was hast du dafür getan, die jungen Leute aus der Digitalisierungsfalle rauszuholen?“ Diese Frage muss sich jeder selber stellten. Dann erst darf er sich den Schulen und den Lehrern zuwenden. Was wird dabei in die Augen stechen?

Nicht, dass unsere Schulen Bullshit sind; sondern dass sich dort seit der eigenen Schulzeit überraschend wenig geändert hat: Immer noch gibt es die Lehrer, die nichts taugen und die keinerlei Begeisterung für ihre Arbeit kennen; immer noch gibt es die Lehrer, die den Kindern wohlgesonnen sind und einen guten Job verrichten. Ja, es gibt sogar noch jene Virtuosen, die das Potenzial der jungen Menschen sehen, fördern und zutage treten lassen. All das gibt es. Jeden Tag kann ich es an dem staatlichen Gymnasium beobachten, zu dem unsere beiden Kinder, sechzehn und dreizehn, gehen.

Am Ende hängt die Qualität des Unterrichts in keiner Weise von den Theorien und Konzepten der Profi-Pädagogen ab – sondern ausschließlich von der Art und Weise, wie ein Lehrer oder eine Lehrerin mit den ihnen Anvertrauten umzugehen wissen. Selbst der langweiligste Stoff aus einem Fach, zu dem man sich nicht wirklich hingezogen fühlt (Latein zum Beispiel), kann den jungen Geist beflügeln und ihm neue Welten öffnen. Dieser Umstand ist so banal, wie er meistens ignoriert wird. Es sind nicht die überkommenen Methoden oder veralteten Lehrpläne, es ist nicht das analoge Equipment oder das sanierungsbedürftige Gebäude, was darüber entscheidet, ob sich Bildung zuträgt oder nicht – es ist die Begeisterungsfähigkeit der Lehrenden, deren Leidenschaft und Liebe, deren Eigenart und Persönlichkeit. Immer nur auf miesen Lehrern rumzuhacken macht nichts besser. Besser werden Schulen in dem Maße, indem man den Lehrenden vertraut, sie unterstützt und sich nach Kräften darum bemüht, dass die Kinder nicht schon digital verseucht sind, bevor der Unterricht beginnt.

3. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie die Kinder lernen, sondern was die Kinder lernen.

Besonders en vogue ist es, das Wie der Schulbildung unter Beschuss zu nehmen: vom bulemischen Lernen ist da die Rede (Einpauken und Auskotzen), von unzeitgemäßem Frontalunterricht und mangelnder Beteiligung der Kinder an der Auswahl der Unterrichtsfächer. Dem gegenüber werden Spontaneität und Kreativität zu höchsten Werten deklariert, während Disziplin und Führung in die Nähe von Kindesmissbrauch gerückt werden. Alles muss anders werden, beten die Intellektuellen in den Talkshows und ergehen sich in Lobgesängen auf irgendwelche experimentellen Musterschulen, auf die sie selbst nicht ihre Kinder schicken und auch niemals schicken würden, wenn sie denn solche (im schulpflichtigen) Alter hätten.

Es ist verführerisch zu sein, sich auf Methoden oder Techniken der Bildungsarbeit zu fokussieren, denn es entlastet davon, sich mit dem weit schwierigeren Thema der Inhalte zu befassen. Eine neue pädagogische Sau durchs Dorf zu treiben, ist leichter. Und pädagogische Menschenversuche am lebenden Objekt haben in Deutschland, wie wir alle wissen, nicht nur eine lange Tradition, sondern sie stehen auch deshalb hoch im Kurs, weil die Verursacher in den Schulämtern und Ministerien für die verheerenden Folgen niemals belangt werden. „Nein, die Konzepte waren richtig, nur die Schüler, Lehrer oder Eltern nicht“ – so scheint die Devise dort zu lauten.

Die Wahrheit ist: Lernpsychologie, Neurophysiologie und all das ist „nice to have“ – aber wenn man sich vor lauter Methodenbegeisterung und optimierter Lerntechnologie so gar nicht mehr fragt, wozu man Menschen eigentlich bilden oder gar erziehen möchte, wird nichts besser werden. Die Crux fast aller öffentlichen Schuldebatten ist ganz einfach: Es fehlt an einer gesellschaftlichen Vision oder Idee, worum es bei Erziehung oder Bildung eigentlich geht. Oder anders gesagt: Es fehlt am Geist. Und weil es am Geist fehlt – nicht weil wir keine guten Methoden oder kein gutes Personal hätten – spucken unsere Schulen, Hochschulen oder anderen Einrichtungen immer neue Generationen von Entgeisterten aus.

4. Maßgeblich für den Stoff, der unterrichtet werden soll, dürfen weder Markt noch Mode, sondern kann immer nur der Mensch sein.


Das eigentliche Problem mit Schule, Bildung und Erziehung lässt sich auf eine erschütternd einfache Formel bringen: Wir wissen nicht mehr, was der Sinn der ganzen Übung ist – „Sinn“ verstanden als das richtungsweisende und wertsetzende. „Erziehen“ wollen wir eigentlich gar nicht mehr, denn dafür müsste man ja wissen, was und wohin es die jungen Leute ziehen soll. Und die Bildung ist zur Ausbildung verflacht, die letztlich immer darauf zielt, Menschen so zu formatieren, dass sie möglichst passgenau eine bestimmte Funktion im großen Räderwerk der ökonomischen Maschine ausüben können. Dass es bei Bildung und Erziehung aber um so etwas gehen könnte wie Wegweisung und Vorbereitung, Hinführung und Unterweisung in der Kunst, ein Mensch zu sein, das kommt niemandem mehr in den Sinn; was auch nicht verwundern muss, weil sich niemand mehr Gedanken darüber macht, was Menschsein auszeichnet und was es von entleibter (künstlicher) Intelligenz, technischer Funktionalität und optimiertem Konsumenten-Dasein unterscheidet.

Da folgt man lieber den Imperativen der Ökonomie und trägt Sorge dafür, dass möglichst effizient möglichst wertschöpfende Verbraucher, Nutzer und Produzenten aus den Schulen entlassen werden, deren einzige Aufgabe nur noch darin besteht, die große Maschine am Laufen zu halten. Bildung zum Menschsein, Ausbildung von Persönlichkeit – das kommt nicht mehr vor. Weit haben wir uns im Lande der Dichter und Denker von Wilhelm von Humboldt entfernt, der die Aufgabe der Bildung in der „Verknüpfung unseres Ich mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung“ erkannte.
Was es dafür braucht? Menschheitsrelevantes Wissen und die dialogische Kompetenz, sich von der Welt etwas sagen zu lassen. Das aber heißt: nicht das Lernen bloßer Fakten fordern, sondern das verstehende und fragende Denken fördern; nicht an den Fächern sparen, die dem menschlichen Vermögen der Mitteilung gewidmet sind, wie Musik, Kunst, Sport; auf den inzwischen ohnehin nur noch als liebenswerten Anachronismus akzeptablen Religionsunterricht verzichten (wenigstens ab der 8. Klasse) und stattdessen Philosophie zum festen Unterrichtsfach machen. Und allen Fokus darauf legen, dass die jungen Leute sprachfähig bleiben und sich nicht vom digitalen Blubbern zum Verstummen bringen lassen. Es gibt wahrlich viel zu tun im neuen Schuljahr. Auf geht’s.



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