Rezension

Geographien der Gewalt

15.03.2016 - Dr. Burkhard Luber

Das Territorium als Streitpunkt internationaler Konflikte hat seine Ambivalenz: Im Zeitalter des Internets mögen Grenzen immer mehr an Bedeutung verlieren. Andererseits sind insbesondere die in einem Land vorhandenen Bodenschätze zunehmend ein Anlass kriegerischer Auseinandersetzungen (prägnantes Beispiel: Afrika).

Und das wochenlange zähe Ringen um die finalen Grenzziehungen nach dem jugoslawischen Bürgerkrieg zeigt auch, dass der geographische Raum noch immer eine Rolle im Gesamtthema Krieg und Frieden spielt.

Hier setzt der Sammelband von Korf und Schetter an. Militärische Gewalt war bis zum Zweiten Weltkrieg vom klassischen Muster der sogenannten “Alten Kriege” geprägt: Mehr oder weniger gleichstarke militärische topdogs ließen ihre Armeen in von Schlachten und Fronten geprägten Kriegen aufmarschieren. Die Zivilbevölkerung blieb von diesen militärischen Kämpfen weitgehend unberührt. Die Alten Kriege folgten einem klaren Abfolgemuster: Droh-Eskalation, gegenseitige Warnungen, Protest-Noten, Ultimaten, Mobilmachung, Kriegserklärung, Krieg, Waffenstillstand, Friedensvertrag.

Von dieser “einheitlichen” Kriegsführung des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die “Neuen Kriege” seit 1950 weit entfernt: Wer jetzt Krieg führt sind meist keine Staaten mehr, die für Gewaltausübung, geschweige denn für ein Gewaltmonopol viel zu schwach sind, sondern Unabhängigkeitsbewegungen, War Lords, Drogenhändler, Söldner. Es wird auch kein klassischer Krieg mehr mit Schlachten und Fronten geführt. Der Neue Krieg ist durchweg ein Guerilla-Krieg; ein Gewalt-Scenario mit einem Mix von Verbrechen, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Die Eroberung von Territorium wird abgelöst durch Zerstörung des Wohnraums des Gegners, ethnische Säuberungen und schließlich durch Genozid. Gewalt wird nicht mehr durchs Töten auf dem soldatischen Schlachtfeld ausgeübt, sondern durch Plünderungen, Schmuggel, Entführungen usw. Auch die traditionellen Waffen wie Panzer, Artillerie, Militärflugzeuge sind in den Neuen Kriegen kaum noch anzutreffen. An deren Stelle treten vor allem leichte Handfeuerwaffen und Landminen. Und auch die althergebrachte Kriegs-Chronologie ist obsolet geworden - es gibt weder Kriegs”erklärungen” noch “Friedens”schlüsse“ - der (“Neue”) Krieg ist immer da, mal weniger intensiv, dann wieder gewalttätiger. Und es gibt auch keine schlüssige Abgrenzung zwischen Soldaten und Zivilisten; die Zivilbevölkerung wird in hohem Maße Verfügungsmasse für die Kalkulationen gewalttätiger nicht-staatlicher Akteure.

Die in diesem Sammelband erschienenen Aufsätze bewegen sich in eben diesem Umfeld der Neuen Kriege. Entsprechend prägnant verweisen die verschiedenen Kapitelüberschriften mit Begriffen wie “Der allgegenwärtige Krieg”, “Staatszerfall”, “Gewaltkontrolle ohne Staat”, “Räumliche Fragmentierung” usw. auf die neue Kriegsrealität des 21. Jahrhunderts. Als Fallbespiele ziehen die Autoren afrikanische Bürgerkriege, Somalia, Libanon, Rio de Janeiro, Äthiopien und den Kongo heran.

In einem Kapitel geben die Autoren J.Prinz und C. Schetter sogar ein Ausblick auf die mögliche weitere räumliche Entgrenzung in der Zukunft der Kriegsführung im 21. Jahrhundert. Sie mag auf den ersten Blick futuristisch erscheinen, wird aber wahrscheinlich leider schon bald schlimme Realität. Der Titel dieses Aufsatzes gibt schon den Hinweis: “Unregierte Räume, “kill boxes” und Drohnenkriege: die Konstruktion neuer Gewalträume”. Die Autoren beschäftigen sich in diesem Text damit, wie über die Konstruktion bestimmter Räume die Legitimation einer trans-humanen Kriegsführung (vor allem mit Drohnen) erfolgt und wie die Schaffung zielorientierter wechselnder Gewalträume zum Merkmal gegenwärtiger und zukünftiger Kriegsführung wird. Dabei wird die klassische territorialbezogene Kriegsführung, mit dem Anspruch ein bestimmtes geographisches Gebiet beherrschen zu wollen zugunsten punktueller Vernichtungschläge (militärischer Slogan: “Fire and Forget!”) gegen einen anonymen Feind aufgegeben.

Wer sich über die verschiedenen Facetten der Neuen Kriege durch instruktive Beispiele informieren möchte, sollte dieses Buch heranziehen.

 

 


Benedikt Korf / Conrad Schetter: Geographien der Gewalt. Kriege, Konflikte und die Ordnung des Raumes im 21. Jahrhundert. Gebr. Bornträger Verlagsbuchhandlung. 2015. 246 Seiten. 29.90 Euro

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