Suizidforscher im Interview

Georg Fiedler: "Glaube kann einen Schutzeffekt bieten"

01.09.2014 - Ali Yildirim

Immer wenn Prominente Suizid begehen, wird die Öffentlichkeit auf das Thema „Selbstmord“ aufmerksam. Das macht nun wieder der jüngste Fall von Robin Williams deutlich, bei dem wohl ein Suchtproblem und eine Parkinson-Erkrankung eine Rolle spielten. DAS MILIEU sprach mit dem Diplom-Psychologen Georg Fiedler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf über die Ursachen von Suizid und Suizidprävention.

DAS MILIEU: Herr Fiedler, der Selbstmord von Robin Williams hat die Weltöffentlichkeit erschüttert. Wenn über Selbstmord geschrieben wird, wird oft auch der Begriff ‚Freitod‘ verwendet. Sind Menschen, die Selbstmord begehen, tatsächlich so frei in ihrer Entscheidung?

Fiedler: Wir verwenden in suizidalen Fällen ungern das Wort ‚Selbstmord‘ und schon gar nicht den Begriff ‚Freitod‘. Es spielen viele Faktoren eine Rolle bei der Entscheidung für einen Suizid, so dass man hier nicht unbedingt von einer freien Entscheidung sprechen kann.

DAS MILIEU: 2009 gab es schon einmal einen Suizidfall eines Prominenten in Deutschland. Auch hier wurden Depressionen mitunter als Grund dafür angegeben. Hat sich seither irgendetwas im Bewusstsein der Menschen, im Bezug auf den Umgang mit depressiven Menschen geändert?

Fiedler: Depressionen sind eigentlich nie der alleinige Grund für einen Suizid. Es ist problematisch zu sagen, dieses oder jenes war der Auslöser hierfür. Es sind viele Faktoren, die hinzukommen. Dazu gehören der Verlust eines Menschen, der Verlust von Ansehen oder aber auch Sucht.

Depression ist eine psychische Erkrankung, die häufig auch mit Suizidalität einhergeht. Sie führt jedoch nicht zwangsläufig dazu, dass sich jemand das Leben nimmt.

DAS MILIEU: Welche Anzeichen gibt es für Sie als Experten, aber auch für uns Nicht-Experten für einen suizidal gefährdeten Menschen?

Fiedler: Da wäre zunächst die Tatsache, dass jemand darüber spricht, sich zu töten. Es herrscht ein Mythos in der Gesellschaft, dass Menschen, die über Suizid sprechen, keinen Suizid begehen.

Des Weiteren ist der Verlust des Kontaktes zu einer Person in einer Krise oft ein Anzeichen. Man hat das Gefühl, die Person entfernt sich von einem. Wenn dann noch hinzukommt, dass der Konsum von Tabak oder Alkohol steigt, können dies weitere Anzeichen sein.

DAS MILIEU: Was können Menschen tun, die das Gefühl haben, dass eine Person im Umfeld suizidgefährdet ist?

Fiedler: Zunächst sollte man darüber reden. Gerade wenn diese Person in einer Krise steckt, wie z.B. nach einer Trennung. Die Bagatellisierung der Art ‚Das kenne ich, das geht vorbei‘ hilft hier nicht.

Der nächste Schritt wäre, denjenigen zu einer professionellen Hilfe zu bewegen. Alle größeren Kliniken haben Ambulanzen, an die man sich wenden kann. Diese sind in der Regel auch 24 Stunden geöffnet. Es kann aber auch ratsam sein, zunächst mit einem Arzt zu reden.

Suizid ist etwas Eigenständiges. Es reicht nicht, nur die Depression zu behandeln. Es muss auch stets über Suizidgedanken gesprochen werden.

DAS MILIEU: Laut Statistischem Bundesamt ist beispielsweise die Anzahl an Suizidfällen bis 2004, im Vergleich zu den 1980er Jahren, um fast ein Drittel zurückgegangen. Setzt sich der Trend fort?

Fiedler: In den 1980er Jahren ist die Rate von etwas über 19.000 auf ca. 12.000 zurückgegangen. Seither ist der Wert nur gering zurückgegangen bzw. ist stagniert.

Der Grund hierfür ist sicherlich in den psychiatrischen Reformen Ende der 70er/Anfang der 80er zu sehen. Früher gab es nur eine psychiatrische Abteilung in einer einzigen Klinik, die für Tausende Menschen zuständig war. Nach der Reform hat sich dies geändert.

Ein zweiter Grund ist die bessere Versorgung mit Medikamenten, beispielsweise in der Depressions- oder Suchtbehandlung.

DAS MILIEU: Stichwort Suchterkrankung. Wenn ein Mensch an einer Überdosis Heroin stirbt, spricht man hier ebenfalls von Suizid oder ist das eher ein ‚Unfall‘?

Fiedler: Das muss im Einzelfall entschieden werden. Die Suchterkrankung ist eine sehr destruktive Art, mit sich umzugehen. Sie birgt in sich bereits eine suizidale Gefahr.

Bei einer Überdosis kann es sich um einen Suizid handeln, muss es jedoch nicht. Das hängt immer auch von der Entscheidung der Süchtigen ab, ob er sich bewusst mit der Überdosis töten wollte.

DAS MILIEU: Es gibt durchaus Menschen, die einen Suizidversuch überleben. Sind sie hiernach eher wachgerüttelt oder weiterhin gefährdet?

Fiedler: Ein Drittel der Personen, die einen Suizid unternommen haben und überleben, versuchen es erneut. 10% aller Suizidversuche enden tödlich. Das ist eine recht hohe Prozentzahl für eine psychosomatische Erkrankung.

Auf der anderen Seite unternehmen knapp 70% keinen weiteren Versuch mehr und 90% sterben auch nicht durch Suizid. Viele Menschen überstehen dann die wohlmöglich einzige große Krise ihres Lebens.

Bei einigen Menschen ist der Suizid ein ständiger Begleiter im Leben, der in Krisensituationen immer wieder gedanklich eine Rolle spielt.

DAS MILIEU: Hinterbliebene sind oft schockiert und wollen den Grund für den Suizid wissen. Wird häufig ein Abschiedsbrief hinterlassen und wenn nicht, warum?

Fiedler: Die Mehrheit hinterlässt keinen Abschiedsbrief. Genaue Zahlen kann ich Ihnen nicht aus dem Gedächtnis nennen.

Es gibt viele Menschen, die ohne konkrete Planung, eher impulsiv einen Suizid durchführen.

DAS MILIEU: In einigen Religionen – wie z.B. dem Islam – ist der Suizid nicht erlaubt. Glauben Sie, dass der Glaube, auch beispielsweise der an eine bessere Zukunft, Menschen vom Suizid abhält?

Fiedler: Soweit ich das Überblicke ist die Suizidrate in islamischen Ländern im Durchschnitt geringer als in westlichen Ländern, wobei der Suizid auch im christlichen Glauben geächtet ist.

Es gibt Menschen, die durch ihren Glauben von suizidalen Handlungen abgehalten werden. Statistisch ist ein Schutzeffekt vorhanden. Ob dies generell so gesagt werden kann, weiß ich nicht, da sich auch gläubige Menschen das Leben nehmen.

DAS MILIEU: Herr Fiedler, wir danken Ihnen für die Zeit, die sich neben all Ihrer vielen Arbeit für uns genommen haben. Gibt es noch etwas, was Sie uns mitteilen möchten?

 

Fiedler: Ja. Am 10. September 2014 ist der Welttag der Suizidprävention. Er soll dazu dienen, die Problematik der Suizidalität zu thematisieren. Leider immer noch ein Tabuthema.

Es gibt diesbezüglich öffentliche Veranstaltungen, die auf der Seite www.welttag-suizidpraeventation.de aufgeführt sind. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mithelfen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Georg Fiedler!

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