Rezension

Gerhard Schröder. Die Biographie

01.03.2016 - Martin Renghart

Der Historiker Gregor Schöllgen ist einer breiten Leserschaft durch ein ebenso unterhaltsames wie gut recherchiertes Buch über Willy Brandt bekannt. Deshalb waren die Erwartungen der Öffentlichkeit groß, als er am 22. September 2015 in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Merkel seine neue Biographie Gerhard Schröders vorstellte, für die er zahlreiche Akten aus Schröders Büro und dem Kanzleramt ausgewertet hat.

Schöllgen gliedert die Biographie streng chronologisch in sieben Abschnitte: „Der Aussteiger“ (1944-1966), „Der Anwalt“ (1966-1980), „Der Kandidat“ (1980-1990), „Der Kämpfer“ (1990-1998), „Der Macher“ (1998-2002), „Der Reformer“ (2002-2005) und schließlich „Der Ratgeber“ (2005-2015). Diese Charakterisierungen lassen eine deutliche Sympathie des Verfassers für seinen Protagonisten erkennen, denn in der Presse waren seinerzeit noch ganz andere Bezeichnungen zu lesen, vom „Genossen der Bosse“ bis zum „Basta-Kanzler“. Schröders Kanzlerschaft macht über die Hälfte der Biographie aus. Der Autor will Schröder als aktiven „Macher“ erscheinen lassen, doch das gelingt ihm nur bedingt. Immer wieder wird der Protagonist stattdessen zum „Reagierenden“, „Getriebenen“ und letztlich gar „Gescheiterten“.

Schröder konnte allein schon wegen der komplexer gewordenen politischen Verhältnisse kein Visionär wie Willy Brandt und auch kein intellektueller Weltökonom wie Helmut Schmidt sein. Der Autor zieht aus dieser Erkenntnis aber nicht die notwendige Konsequenz, die Kanzlerschaft nicht personen- sondern sachbezogen zu untersuchen. Dadurch versäumt er es zentrale Ereignisse wie den 11. September, den Irakkonflikt und die Agenda 2010 thematisch zu bündeln. So kommt er unvermittelt von Rudolf Scharpings Mallorca-Urlaub und Swimmingpool-Fotos auf die Anschläge auf das World Trade Center zu sprechen. Diese Vorgehensweise ist für den Leser auf die Dauer irritierend und ermüdend. Eine Untergliederung des Buches in Privatleben, Parteiarbeit, sowie Innen- und Außenpolitik wäre dem zeitgeschichtlich weniger bewanderten Leser sicher entgegengekommen.

Schöllgens dahinplätschernder und durchaus gefälliger Erzählstil verschleiert ein unzureichendes Maß an kritischer Reflexion. Schröder war trotz seines SPD-Parteibuchs nicht unbedingt ein „politischer Enkel“ Willy Brandts (S. 498, 619, 637). Es gelang ihm auch nicht, die verschiedenen Fäden der Staats- und Parteipolitik in Deutschland so fest in der Hand zu halten wie sein direkter Vorgänger Helmut Kohl. Sein Rücktritt als SPD-Vorsitzender (S. 750-755) war für viele Beobachter eine logische Konsequenz seiner schwachen Bindung an die Parteibasis.

Schöllgen erwähnt aber auch einige Punkte in Schröders politischem Leben, die man dem Altkanzler zu Recht zu Gute halten muss. Schröder ging souverän mit dem schwierigen Erbe der deutschen Vergangenheit um (S. 471-476, 771-773, 827-829). Er war nicht nur der „Russland-“ bzw. „Putin-Versteher“ (u.a. S.767-771), als der er heute oft gescholten wird, er baute auch Brücken zu Polen, Tschechien und anderen osteuropäischen Staaten. (S. 655f., 773-775). Heute besonders aktuell klingt der folgende Satz Schröders, den er während des Kosovo-Konflikts äußerte,: „Wir stehen nur vor der Frage, ob wir materiell eine Völkerwanderung bewältigen wollen, oder ob wir Geld ausgeben, damit die Leute da bleiben, wo sie geboren sind, wo sie leben und arbeiten können.“ (S. 444)

Über Schröders Abstammung, Kindheit und Privatleben hat Schöllgen einige Fakten in Erfahrung bringen können, die vorher nicht einmal dem Altkanzler selbst bekannt waren. Auch auf diesem Themenfeld äußert er jedoch mehrfach Thesen, die den kritischen Leser nicht befriedigen werden. So macht er für das Scheitern von Schröders erster Ehe in erster Linie dessen Jugend und mangelnde Erfahrung mit Zweierbeziehungen, und weniger seine zeitraubende Karriere verantwortlich. Auch Schöllgens Aussage, dass Schröders Frau Hiltrud ihn „regelrecht drangsaliert“ habe (S. 307), klingt weniger nach einer treffenden Analyse als nach einer halbgaren Entschuldigung.

Trotz intensiver Recherchen ist es Schöllgen nicht gelungen alle Geheimnisse des Altkanzlers zu lüften. Sowohl die genauen Umstände von Schröders Beziehung zu dem Finanzmanager Maschmeyer (S. 884) als auch das Geheimnis seiner tadellos schwarzen Haare (S. 469f.), bleiben ungeklärt.

Schöllgens Buch hebt Schröders Potentiale hervor, tut sich aber stellenweise schwer damit die harte Realität seiner Kanzlerschaft anzuerkennen. Obwohl es viele bislang unbekannte Informationen bietet und auch flüssig geschrieben ist, wird es wohl kein Bestseller werden. Vielleicht könnte Schöllgen als nächstes eine Biographie über Helmut Schmidt schreiben, dessen Qualitäten er in den beiden bisherigen Biographien bereits gekonnt dargestellt hat.

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biographie, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015, 1040 Seiten, Hardcover: 34,99 Euro, E-Book: 28,99 Euro

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