Kurzgeschichte

Gespräch mit einem Junkie

01.08.2015 - Quentin Schindler

Eine Hommage an Guy Ritchie - Frei nach einer Sequenz aus dem Film Rock’n’Rolla

Meine werten Leserinnen und Leser. Wie Sie sicher nachvollziehen können, begeisterte das Theater schon immer die Menschen. Es vereint Literatur und Schauspiel in einer einzigartigen Art und Weise. Einerseits ist es nach dem russischen Naturalisten Konstantin Stanislawski, welchen ich Ihnen nur wärmstens ans Herzen legen kann, möglich, eine neue Wirklichkeit zu erschaffen. Seiner Meinung nach bestand das Ziel des Theaters darin, das Publikum in einen shakespearehaften Sommernachtstraum zu entführen und auf eine Reise mitzunehmen, die durch die Kunst des darstellenden Spieles eine ganz neue Dimension erlebt. Andererseits kann man den Zuschauer aus seiner starren Rolle als Beobachter herausreißen. Berthold Brecht, der Begründer der ‚Verfremdung‘, wollte die Menschen dazu animieren über das Stück nachzudenken, Parallelen zwischen der Geschichte und der Realität zu schlagen, weltliche Probleme zu erkennen und sie wie philosophische Ideen im Kopf zu drehen und zu wenden. 

Unsere heutige Geschichte handelt von einem höchst fragwürdigen Individuum, einem Menschen ohne Arbeit, der den Tag über auf der Straße herumlungert und dessen einziges Ziel darin besteht, Geld für Drogen zu beschaffen. Nennen wir ihn doch einfachheitshalber im Folgenden nur noch den Junkie. Er, sagen wir ein Mann von jungem Alter, besitzt gute, aber heruntergekommene Kleidung, am auffälligsten ist sein kariertes Tweed-Sakko, welches er hütet als wäre es ein besonderer, nur ihm zugänglicher Schatz. Die Meisten der Menschen würden ihn zum Abschaum der Gesellschaft zählen. Doch wer bestimmt wie eine gute  Gesellschaft aussieht? Wer beschließt wer Abschaum ist und wer nicht. Wer darf sich über die anderen erheben und über sie richten?

Aber genug hiervon! Solche Gedanken bringen uns allen kein Geld.

Vorhang auf. Zu sehen ist ein großer Platz, in der Mitte ein Brunnen. Reges Getümmel, überall Menschen. Eine Person löst sich aus der Menge, schaut sich verstohlen um, setzt sich an den Fuß des Brunnens und zieht sich schnell und geübt weißes Pulver durch die Nase.

Musik aus dem Off (Black Strobe: ‚I’m a man‘); rotes und gelbes Licht blitzt auf; der Junkie beginnt zu tanzen, er spielt Luftgitarre: tanzt auf dem Boden, stellt einen Fuß auf den Brunnen, steht auf dem Brunnen und springt letztendlich vom Brunnen

Musik endet abrupt. Die Lichter erlöschen. Freeze.
Eine neue Musik ertönt (ruhig, langsam und voller Schmerz); die Bühne ist in blaues Licht gehüllt; der Junkie sinkt in sich zusammen, sein leerer Blick durchdringt die Zuschauer.

Junkie (flüstert) Ich brauch neuen Stoff.
Der Junkie mischt sich unter die Leute auf dem Platz. Er greift sich verschiedene Personen aus der Masse heraus, spricht sie an.
Entschuldigung, haben sie mal ein bisschen Kleingeld?
Helfen sie doch einem armen Bettler.
Hey! Haste was für mich? Coke, Schnee, Koks, Crack?
Ich würde für ein bisschen Geld alles machen, was Sie wollen, wenn Sie verstehen was ich meine…
Die Personen ignorieren den Junkie, er gehört nicht in ihre Welt.
(Der Junkie wendet sich ab, flüstert) Ich brauch doch nur (wiederholend, dann schreiend) meinen Stoff!
Blick ins Publikum; Freeze.
Junkie realisiert das Publikum, denkt kurz nach, lächelt, kommt an den Bühnenrand und breitet seine Arme aus.

Ladies und Gentlemen, was für ein wunderbarer Tag! Perfekt, um einen gemütlichen Kaffee zu sich zu nehmen und dabei von der Sonne gewärmt zu werden. Sie kommen nicht aus B., das erkennt man sofort. (deutet auf eine Frau in der ersten Reihe) Schöne Bluse, wunderschön. Ihre Kleidung verrät mir, dass sie etwas von Mode verstehen. Sie haben Geschmack (Pose) und wie es der Zufall so will habe ich genau das richtige für sie.
(zieht sein Sakko aus)
Ein perfekt erhaltenes, glamouröses Sakko, mit originellem Muster. Kommen Sie, zieren sie sich nicht so, es wäre für einen Spotpreis zu haben…
Junkie geht zur ersten Reihe, bietet das Sakko den Leuten an.
Es würde Ihnen sicherlich perfekt stehen!
Na, als ein Geschenk für Ihren Mann, er würde sich bestimmt sehr darüber freuen und sich danach vielleicht sogar dafür erkenntlich zeigen. (zwinkert der Frau zu)
Fühlen Sie doch erst einmal den Stoff, das ist beste Qualität, ein Armani.                                                       Wie wäre es damit?                                                                                                                                       Nein? Nein?                                                                                                                                         Natürlich Nein! Sie denken ich wäre verrückt, ein Junkie der nur seinen nächsten Schuss braucht. Ein Schandfleck in Ihrer doch so wunderbar heilen Welt. Vielleicht ist das auch so, aber hören sie auf mich anzustarren, nur weil ich nicht bin wie sie. (mit Verachtung) Herausgeputzt und so sittsam. Gebildet und von sich überzeugt. Repräsentanten einer verfaulenden Oberschicht, gebunden an veraltete Ideale und ohne irgendeinen Bezug zur wahren Realität.                                                                                                         Kommen Sie, verlachen Sie mich, verachten Sie mich, verstoßen Sie mich!                     ABER!                     Auch ich bin gebildet. Auch ich war auf einem Gymnasium und habe mein Abitur gemacht. Ich habe sogar angefangen Medizin zu studieren, wie es mein großer Vater wollte. (lacht hysterisch auf)                         Jaja, (mit einer Mischung aus Verachtung und Liebe) mein alter Herr. kleine Pause Aber egal, alles egal! Ergo bibamus, also lasst uns trinken! (leiser, für sich) lasst uns darauf trinken…

Der Junkie ist nachdenklich, er schüttelt sich immer wieder, zittert, malt mit dem Unterkiefer
(leises Flüstern) Ja mein Papa, mein großer Papa!
Der Junkie holt eine Zigarettenschachtel aus dem Sakko, will eine nehmen, lässt es, schaut ins Publikum
Seht ihr diese verfluchte Schachtel Kippen?
Alles was Ihr über das Leben wissen müsst, befindet sich in dieser kleinen Schachtel.                         
Pause                                                                                                     
Euch wird auffallen, dass ein Teil eurer Persönlichkeit der Illusion von Größe verfallen ist. Das Goldene Päckchen, das BIG-Pack, die königlichen Insignien. Ein verlockender Verweis auf Glamour und Wohlstand. Eine dezente Andeutung, dass Zigaretten wahrhaftig Eure royalen und loyalen Freunde sind und das (lacht) ist eine Lüge.                             
Der andere Teil eurer Persönlichkeit versucht das Interesse auf die Kehrseite der Diskussion zu lenken. Gedruckt in tristem fettem schwarz-weiß, steht die Behauptung, dass diese netten kleinen Soldaten des Todes Euch wahrhaftig zu töten versuchen und das, das ist die Wahrheit.                
                                                                             
Pause                                                                                                           

(mehr zu sich selbst) Oh, Schönheit du betörender Lockruf des Todes, ich bin süchtig nach der süßen Musik deiner Sirenen….                                                                                                                                           Was süß beginnt endet bitter und was bitter beginnt endet süß.                                                                     Aus diesem Grund liebe ich die Drogen und aus diesem Grund bin ich der, der ich bin. (lacht) Und jetzt: Hätte einer von Ihnen die Güte mir Feuer zu geben?

Der Junkie lächelt müde ins Publikum.
Ein Kellner des Cafés kommt aus dem Off, stößt den Junkie rüde von der Seite an.
Kellner (mit Verachtung) Monsieur, Sie belästigen schon seit geraumer Zeit unsere Besucher und deshalb dürfte ich sie nun höflichst auffordern zu gehen. Das Sie sich nicht schämen, die Ruhe unserer Gäste mit solchem Schwachsinn zu stören.
Junkie (ignoriert den Kellner komplett)                                        
Meine Damen, Meine Herren es wird wohl Zeit für mich….
(Der Kellner nimmt den Junkie am Saum seines Sakkos und wirft ihn in die Mitte der Bühne; der Junkie rappelt sich auf)
Ist gut, ist gut! Ich geh ja schon, verschwinde aus Euren Augen. Aber irgendwann, irgendwann kaufe ich diesen Scheißladen! Ihr werdet es noch sehen. Mich kriegt ihr nicht, Ihr Schnösel…

Junkie ab
                                                              
Er erwacht in einem dunklen, heruntergekommenen Zimmer. Durch Lacken, welche vor die Fenster gehängt wurden fallen dünne Lichtstrahlen und enthüllen Millionen kleine tanzende Staubpartikel. Es fühlt sich an, als wäre er aus einem Koma erwacht, nicht aus einem Schlaf. Seine Glieder sind steif, sein Mund trocken. Seine rechte Armbeuge schmerzt unangenehm. Ein kleiner Speichelfaden hängt aus seinem Mundwinkel. Er beachtet ihn nicht. Wenn man in das fein aufeinander abgestimmte System eines Organismus eingreift, bleibt das nicht ohne Konsequenzen. So lag er nun da mit offenen Augen, unfähig aufzustehen, und dachte über die Mechanismen seiner Welt nach.
Einsam und doch nicht alleine.

 

 

 


Foto: Nell Morallee

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