Gedicht

Gespräche

01.09.2019 - Schirin Rajabi

„Warum rennst du so?“
Ich renne nicht
das ist mein normaler Gang
 ich fühl' mich wohl, wenn ich schnell gehe
das hat nichts mit Stress zu tun.
Das Einzige was mich gerade abstresst,
bist du
du, allein du.

„So ein Tonfall ist wirklich unter aller Sau.“
Ja.
Nein, eigentlich überhaupt nicht.
Unter aller Sau ist dein Umgang mit mir
und nicht umgekehrt.
Und überhaupt, bist du unter aller Sau, mit allem was du sagst
mit allem was du tust
und dich über mich stellst,
dich über alle anderen stellst genau das, das ist unter aller Sau.

 „Ist alles okay bei dir?“
Ja, und jetzt hör auf mich das fünf mal am Tag zu fragen.
Hör auf, mich zu nerven und jedes Zucken meiner Mundwinkel zu interpretieren.
Hör auf, mich zu beobachten und zu analysieren.
Du denkst, du bist der Freigeist aller Freigeister,
jemand, der Achtsamkeit nur so in sich rein schaufelt
nichts anderes lebt, als Achtsamkeit
Achtsamkeit, Achtsamkeit
Dann achte auch mal darauf: du machst mich irre.
Du machst alle irre.

„Naja... egal.“
Ne - egal scheint hier gar nichts zu sein,
sonst hättest du mir die Geschichte nicht schon zigmal erzählt
und ich hätte dir nicht doppelt so oft schon etwas geraten
was genau das Gegenteil von dem ist, was du zurzeit tust
und trotzdem jammerst du
ich höre nichts anderes mehr als dein Jammern
und zum Schluss dein „egal“.
Lass dir endlich helfen und versink' nicht in deinem Sumpf aus Selbstmitleid.

„Ich kenne jemanden, den solltest du unbedingt kennenlernen.“
Nein danke, kein Interesse.
Ich muss nicht von dir künstlich in soziale Netze miteingesponnen werden,
meistens, eigentlich immer, sind die Menschen
die ich auf diese Weise kennenlerne, so was von langweilig
danke, für diese Beleidigung, wir würden zueinander passen,
danke, dass du mir zeigst, dass du mich anscheinend auch nicht kennst.
Doppelter Fail.
Tschüß Freundschaft.

„Hey you.“
Schade, dass ich nicht aufhören kann
etwas in dich hinein zu interpretieren
das scheinbar überhaupt nicht existiert, oder nur sehr selten
sehr, sehr selten.

„Weißt du noch damals?“
Ja, weiß ich noch. Wieso weißt du das noch?
Und wieso jetzt, vor Leuten, die ich kaum kenne
die mich kaum kennen
wird die Story hier aufgewärmt
völlig deplatziert, völlig ohne Kontext.
Ein schmerzhafter Moment.
Aber Hauptsache ein paar seichte Lacher kassiert.

Gespräche, Gesprächsfetzen.
Die mich beschäftigen, mir durch den Kopf rasen, manchmal nur kurz
manchmal beißen sie sich fest, bleiben Stunden
Wochen und Monate.
Jahre.

Gespräche, die ich nicht führe.

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