Gesellschaft

Gewaltprävention

01.08.2020 - Dr. Burkhard Luber

(Überarbeitete Fassung einer mündlichen Präsentation auf Einladung der Gruppe "Black and White Together" für ihre Konsultation am 27. Juni 2020 zu den bevorstehenden Wahlen in Ghana)

Zwei Vorbemerkungen:

1. Es gibt einen bemerkenswerten Kontrast zwischen der berühmten langen afrikanischen Tradition der Konsens-Bildung und der Konsens-Entscheidung bei afrikanischen Stämmen einerseits und den vielen gewaltsamen Konflikten zwischen afrikanischen Nationen und innerhalb afrikanischer Nationen (beispielsweise nach Wahlen) andererseits.

Was ist der Grund für diesen Gegensatz? Warum hört der Konsensbildung-Ansatz in diesen Fällen auf? Warum wird consent building in Afrika nicht auch international zwischen Nationen oder innerstaatlich zwischen verschiedenen politischen Parteien im selben Land angewendet? Warum ist der Konsens-Ansatz in Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent so wenig nachhaltig? Positiv ausgedrückt als eine Aufgabe der Friedenserziehung: Was kann getan werden, um das afrikanische Konsensprinzip nicht nur in Stämmen, Gruppen und Familien, sondern auch zwischen politischen Parteien in afrikanischen Ländern und auch zwischen afrikanischen Nationen wirksam und nachhaltig zu machen, damit innerstaatliche und zwischenstaatliche Gewalt in Afrika eingedämmt wird?

2. Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass keiner der engagierten Ansätze, einen eigenen „afrikanischen Weg“ zu finden (früher als alternativer sog. „Dritte Weg“ zum US-Kapitalismus und zum sowjetischen Kommunismus während des Ost-West-Konflikts perspektiviert), es zu einem erfolgreichen gesellschaftlichen und politischen Profil im politischen und wirtschaftlichen Kontext Afrikas geschafft hat. Und dies obwohl so viele bemerkenswerte Personen versucht haben, einen eigenständigen afrikanischen Weg zu entwerfen, wie z.B. Leopold Senghor („Negritude“), Nyere („Arusha-Erklärung“), Kwame Nkrumah („Afrikanische Persönlichkeit“), Achille Mbembe Ausgang aus der langen Nacht und Felwine Sarr.

Der Grund für dieses Scheitern ist m.E., dass der globale Kapitalismus und die globale IT-Digitalisierung auch in Afrika rasant voranschreiten, so wie beide Dimensionen bereits die USA, die EU, Japan und Südostasien dominieren. Deshalb scheinen alle Versuche, einen “original-afrikanischen” Weg zu entwerfen, gar ihn umzusetzen, zum Scheitern verurteilt. (Mehr zu diesem Thema in: Dieter Senghaas „Afrika weiterhin auf der Suche nach einer Leitkultur?“ In Zs „Soziologie Heute“, Juni 2019 und Burkhard Luber Afrika auf dem Weg wohin?). Und im Kontext des Themas  dieses Textes haben solche Versuche von afrikanischer Eigenständigkeit nicht nur allgemein versagt, sondern waren offenbar weder erfolgreich noch gar nachhaltig genug, um die vielen zwischenstaatlichen und innergesellschaftlichen Konflikte in Afrika abzumildern.

Die Gründe für dieses Phänomen, dass das Konsensprinzip in Afrika zwar auf der Ebene von Familien, kleinen Gruppen und Stämmen praktiziert wird, aber keinen Eingang in die Gesamtgesellschaft und in die internationale afrikanische Politik gefunden hat, können verschieden sein. Vielleicht ist es ein Problem mangelnder demokratischer Einstellung, dass das klassische Prinzip der Demokratie, der ständige Machtwechsel zwischen Regierungsparteien und der Opposition sowie zwischen verschiedenen Parteien nicht akzeptiert wird. Wahrscheinlich enthalten alle afrikanischen Verfassungen Bestimmungen für einen friedlichen Machtwechsel. Warum gehören sie nicht zum elementaren Demokratie-Verständnis für die Bevölkerung, insbesondere für die Mitglieder und UnterstützerInnen der verschiedenen Parteimitglieder? Es scheint, dass die afrikanische Affinität zum Konsensprinzip nur für kleinere soziale Einheiten gilt, nicht jedoch auf gesellschaftlicher und internationaler Ebene.

Wie dem auch sei, es gibt zwei Hauptdimensionen, in denen die Prävention von Gewalt (z.B. bei Wahlen) angegangen werden kann, die man nach ihrer kurzfristigen und langfristigen Perspektive unterscheiden kann. Und innerhalb dieser beiden Dimensionen gibt es verschiedene Handlungsmöglichkeiten:

1.   Kurzfristige De-Eskalation bei Konflikten

2.   Langfristige nachhaltige Gewaltprävention

 

 

1. Möglichkeit: Kurzfristige De-Eskalation bei Konflikten

Die De-Eskalation in akuten  Konflikten hat eine kurzfristige Perspektive. Bei Ausbrüchen akuter Gewalt müssen die staatlichen Behörden, möglicherweise auch mit externer internationaler Hilfe, alles tun, um die Gewalt einzudämmen, vor allem mit Mitteln der Polizei und sonstiger Sicherheitskräfte. Dabei kann ein Problem sein, dass die Polizei selber im Konflikt möglicherweise nicht - wie es sein sollte - neutral ist. Daher werden  die polizeilichen Maßnahmen zur Beendigung von Gewalt vielleicht weniger effektiv angewendet, als dies für eine neutrale Polizei der Fall sein sollte. Daher muss ein Ziel in der allgemeinen Polizeiausbildung sein, sie zur strikten polizeilichen Neutralität anzuhalten.

Eine andere wichtige Aufgabe bei der drohenden Gefahr eines Gewaltausbruchs ist sicherlich eine umfassende und gute Kommunikation mit der Polizei darüber, welche gewaltpräventiven Maßnahmen mit Erfolg angewendet werden können. Parallel zur Kommunikation mit der Polizei als Anti-Gewalt-Agentur kann man auch internationale Akteure wie die internationalen Wahlbeobachtungs-Agenturen oder die Vertretungen internationaler Organisationen mit Büros im Land wie UNO, EU, OSZE und andere kontaktieren. Es lohnt sich auch, Schlüsselpersonen aus anderen Ländern konsultativ mit einzubeziehen, die gute Erfahrungen mit De-Eskalation in Konfliktsituationen gemacht haben. Eine solche Kommunikation sollte natürlich schon ausreichend lange vor z.B. einem Wahltermin beginnen. Schließlich sollten innerstaatliche gesellschaftliche Akteure wie die Massenmedien, die Kirchen und andere relevante Meinungsführungs-Organisationen in der Gesellschaft in diesen Prozess der Gewaltpräventionsförderung einbezogen werden.

Eine spezielle wichtige Zielgruppe, die in gewalttätigen oder unmittelbar bevorstehenden potenziellen Gewalts-Situationen handeln kann, sind Personen und Gruppen, die bereit sind, sich mit konkreten De-Eskalationsmethoden „zwischen der Front“ der Konfliktparteien zu engagieren. Diese Gruppen sollten ein vorheriges intensives Training für gewaltfreies Verhalten und Handeln absolvieren, das auf der langen Tradition der Gewaltlosigkeit basiert, z.B. im Leben und Wirken von Personen wie M. Gandhi oder M.L. King und in der Gegenwart im bemerkenswerten Verhaltenstraining von Marshall Rosenbergs zur „Gewaltfreie Kommunikation“, vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Marshall_Rosenberg

2. Möglichkeit: Langfristige nachhaltige Gewaltprävention

Effektive kurzfristige Maßnahmen, drohende Gewalt in einer politischen Krise zu verhindern, sind wichtig. Ohne ein langfristiges politisches und gesellschaftliches Engagement gegen die genelle Anwendung von Gewalt sind solche Ad-hoc-Interventionen jedoch nicht nachhaltig. Nachhaltig wirksamer Widerstand gegen die Anwendung von Gewalt erfordert eine umfassendere Strategie in Bildung und Gesellschaft. Eine solche Strategie für die „Aufklärung gegen Gewalt“ muss drei Hauptdimensionen des Handelns berücksichtigen:

1. Die Regierung muss ein sehr robustes Regime für die Rüstungskontrolle im Land etablieren: Keine Personen ohne ein klares und legitimes Mandat (also nur die Polizei) darf berechtigt sein, Waffen privat zu besitzen. Das kann schwierig zu erreichen sein angesichts der Tatsache, dass die für solche gewalttätigen Aktionen verwendeten Waffen größtenteils kleinformatig sind, was aber die Regierungen nicht  vom Erreichen dieses Ziels abhalten soll. Sogenannte „Geld für Waffen“ Programme, die in verschiedenen Nachkriegs Situationen (wie z.B. in Ex-Jugoslawien) erfolgreich angewendet wurden, können hierbei ein wichtiger Ansatz bei der Umsetzung der Abrüstung im Privatbereich sein.

2. Regierungsbehörden und Akteure der Zivilgesellschaft müssen BürgerInnen und PolitikerInnen engagiert dazu motivieren, dass sie die demokratische Regel des Machtwechsels akzeptieren, eine Aufgabe für den Unterricht an Schulen und Universitäten, für die Massenmedien und für die Ausbildung von Parteimitgliedern.

3. Bildungsagenturen müssen das Wissen und die Akzeptanz für gewaltfreies Konfliktmanagement wie De-Eskalation, vertrauensbildende Maßnahmen, Mediation und Suche nach tragfähigen nachhaltigen Win-Win-Lösungen (im Gegensatz zur Mentalität „The winner takes it all“) fördern.

Dieser langfristige Prozess der Bewusstseinsbildung und Motivation für gewaltfreies Konfliktmanagement ist die Aufgabe für die verschiedene pädagogischen Bereiche in der Gesellschaft: Kindergarten, Schulen, Universitäten und Erwachsenenbildung, aber auch für die (Sozialen) Medien. Alles mit dem Ziel, die positiven Effekte des gewaltfreien Konfliktmanagements zu verdeutlichen und die Praxis verschiedener Handlungsansätze solcher gewaltfreien Konfliktverfahrenlösungs- Verfahren umfassend zu vermitteln.

 

Empfohlene weitere Lektüre:

Aila M. Matanock: Electing Peace. From Civil Conflict to Political Participation (Link zu meiner Buchrezension), Cambridge University Press 2017 ebook, 18,00 €.

Ulrich Schneckener (Friedensforscher): https://www.swp-berlin.org/en/scientist-detail/ulrich-schneckener/

Buch: “Wege aus dem Bürgerkrieg” (‘5,00 € antiquarisch) und verschiedene englische Texte online.

Amalendu Misra. Politik der Bürgerkriege: Konflikt, Intervention und Lösung Journal of Conflict Studies.

 

 

Dr. Burkhard Luber ist Dozent an verschiedenen Universitäten und für NGOs in Afrika, wo er auf Einladung Online-Kurse zum Thema „Analyse internationaler Konflikte und Peace Building“ gibt.

https://tanco-dr-burkhard-luber.blogspot.com/

Kontakt: bobluber@gmail.com

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