Eine Frage des MILIEUs

"Gibt es eine Anleitung zum Verlieben?"

01.04.2015 - Dr. Sandra Köhldorfer

Ob Verliebtheit naturgegeben ist, wie ein Wunder entfacht wird oder das Ergebnis von Anleitungen bis hin zu einer langjährigen Auseinandersetzung mit sich selbst ist: selten weiß man genau, wann welcher Samen bei wem auf fruchtbaren Boden fällt. Man weiß leider nie zuvor, ob verliebte Begegnungen in einer wachsenden Liebe münden oder doch vergebene Liebesmüh waren. Trotzdem wünschen sich viele, sich endlich zu verlieben.

Aber wie stellt man's an? Etliche Mausklicks und besuchte Webseiten später ist man zumindest um eines klüger: Es existiert eine Vielfalt an Tipps und Tricks, deren Befolgung am Ende vielleicht mit einer Verliebtheit belohnt wird oder die einem eine Reihe von Dates verschaffen – also Gelegenheiten, um sich zu verlieben. Die eine Anleitung aber gibt es nicht.


Menschen und Liebe sind so komplex und vielfältig wie das Leben selbst. Auch die Wissenschaft kann das Phänomen Verliebtheit nicht gänzlich entschlüsseln, aber sie hat uns vernünftige Erklärungen anzubieten, um uns selbst und den Prozess besser zu verstehen. Neben den biologischen, sozialen und psychologischen Variablen sind es innere Bedingungen, die der Verliebtheit zugrunde liegen.

Verliebtheit reift und kennzeichnet Umbruch

Manche Suchende waren in Wahrheit noch nie verliebt. Für andere ist der Rausch und Kick des verliebten Neubeginns bereits das Ziel. Wie auch immer, die Fähigkeit, sich zu verlieben, ist eine wichtige Voraussetzung für eine erfüllende Liebesbeziehung. Es ist zwar noch keine Anleitung, aber man könnte zunächst versuchen herauszufinden, wie man in Sachen Verliebtheit selbst gestrickt ist, welchen Platz man ihr im Leben einräumt.


Verliebtheit unterliegt zudem einem inneren Reifungsprozess, für den man in ganz individuellem Maß bereit ist. Sie geht einher mit einer persönlichen Neuordnung. Eine junge Frau erzählte mir in der Hochblüte ihrer frischen Verliebtheit, sie habe von einem Begräbnis geträumt. Sie dachte, dass gewisse Teile ihrer Identität und Persönlichkeit sterben oder verschwinden sollten, damit eine Union mit dem neuen Partner entstehen könnte. Sie machte sich bereit für eine grundlegende, große Veränderung in ihrem Leben. Altes sollte sterben, damit Raum für Neues entsteht.


Entscheidend ist somit der Zeitpunkt des Kennenlernens. Vereinfacht könnte man sagen, für wahre Verliebtheit ist man bereit, wenn man, einer inneren Evolution gleich – bewusst oder unbewusst – eine Grenze erreicht hat und ein anders Leben leben will. Dies mag viele überraschen, denn sie ist auch verknüpft mit Schicksal oder Zufall. Man erliegt ihr meist passiv, obwohl wir aktiv und bewusst danach hindrängen. 


Die innere Love-Map

Unsere Vorstellungen, Wünsche und Begehren sind von allen Erfahrungen mit unseren Liebes- und Bezugspersonen geprägt. Diese innere Love-Map, die so unterschiedlich ist wie Fingerabdrücke, entscheidet, ob und in welche Person wir uns verlieben. In der Liebe wollen wir ergänzen, was uns auszuleben fehlt und fühlen uns wiedergespiegelt, in einem neuen Licht erkannt und geborgen. Förderlich ist daher, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten festzustellen, denn wir lieben gerne so, wie wir selbst sind, waren oder sein wollen.


Damit sich Verliebtheit einstellt, bedarf es auch einiger Hindernisse, des Geheimnisvollen, das die andere Person umgibt. Sie öffnen den Raum für die Fantasie, der wir – bewusst oder unbewusst – im anderen begegnen wollen. Sie entsteht oft erst in der Abwesenheit des anderen. Diesen Prozess nennt die Psychoanalyse den Moment, in dem wir ein Introjekt in unserem eigenen Inneren formen. Das Resultat ist ein Bild des Anderen – freilich nicht nur ein optisches, sondern eines, in welchem auch Gespräche, Gerüche, Töne, Formen, Bewegungen Platz haben. Dieses Bild scheint von unserer inneren Gedankenwelt gänzlich Besitz zu ergreifen.


Es sind auch kritische Momente, die einer Überprüfung bedürfen. Verlieben wir uns tatsächlich oder projizieren wir unsere Wunschvorstellungen auf die nächstbeste Leinwand? Lassen wir es zu, dass jemand anderer seine Wunschvorstellungen in uns verpflanzt? Wie leicht erlahmt die Verliebtheit, wenn der echte Mensch unsere Fantasien zerstört! Wie schwer ist der Abschied von einer solchen Verliebtheit! Auch Anleitungen können solche riskante Momente nicht vorhersehen und uns keine Garantie geben, dass Verliebtheit und Liebe tatsächlich wachsen können.

Matching-Hilfen

Anleitungen reichen von banalen Tipps bis hin zu professionellen Hilfsangeboten. Sie zielen darauf ab, die Selbstwahrnehmung zu verbessern, Konflikte, Hemmungen und Ängste abzubauen, um innerlich frei zu werden, damit eines Tages, wie immer beim Glück, Bereitschaft auf Gelegenheit trifft.
Aus der noch sehr jungen Paarforschung werden Persönlichkeitsfaktoren und Kriterien der Partnerwahl abgeleitet. Die statistisch erfassten Beobachtungen besagen, wer sich aufgrund welcher persönlicher Faktoren am ehesten in wen verlieben könnte. Guten, individuellen Matching-Hilfen liegen die besten Absichten zugrunde: nämlich den Suchenden bessere und gesündere Beziehungen zu ermöglichen. Sie bieten den Humus, auf dem Wachstum möglich ist, nicht die Schere, um den Strauch zurechtzuschneiden.


Wie das Glück, haben auch die Wissenschaft und der Fortschritt ihren Preis. Mechanistische Anleitungen zum Verlieben können dahinterliegende Liebes- und Beziehungsunfähigkeiten überdecken. Allgemeiner gefasste Anleitungen bauen häufig auf der Suggestion auf, es wäre für jeden ein Leichtes, jemand passendes zu finden. Sie nähren den Mythos, dass man nur in einer Liebesbeziehung sein Glück finden kann. Sie geben kaum Antwort auf das oft größte Leid und die Qualen, dass wir in Momenten erfahren, in denen wir verliebt sind oder lieben. Woher soll eine App wissen, ob eine Verliebtheit ernsthaft und sie zu verfolgen erstrebenswert ist?

Verliebtheit braucht Freiheit – und Freiheit ist es, was sie uns gibt!


Keiner ist wie der andere. Echte Verliebtheit bedarf der Authentizität, der unverbogenen, ungekünstelten Einmaligkeit und Echtheit. Es sind Momente, in denen wir frei sind, die Verliebtheit und Liebe anlocken und wachsen lassen. Wenn man Anleitungen heranzieht, sollte man stets an sich selbst überprüfen, was sie einem bringen. Denn das ist, was auch der besten Anleitung vorerst fehlt. Es geht um die individuelle Auseinandersetzung und Erfahrung. Ohne eigenes Zutun, ohne ungeschminkte Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber vermag auch die beste Anleitung den Wunsch, Verliebtheit zu erleben, nicht zu erfüllen.


Echte Verliebtheit und Liebe kann man weder kaufen noch erzwingen, nicht bei sich selbst und nicht bei einem anderen, das macht sie so kostbar. Auch wenn wir bewusste und unbewusste Handlungen gerne ausfindig machen und steuern wollen, ein Rest-Zufall wird immer mitbestimmen, ob, wann und in wen wir uns verlieben.


Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen