Eine Frage des MILIEUs

"Gibt es einen Transgender-Hype?"

01.11.2019 - Prof. Anette Richter-Unruh

Transgender-Hype? Was ist damit gemeint? Dass es schick und in ist, „trans*“ zu sein, dass Trans*sein als eine Art Inszenierung zur Bewältigung von Problemen dient? Oder dass sich ein Trend entwickelt, der nachhaltig unsere binäre mit Stereotypen übelastete Gesellschaft verändert?

Trans*identität ist ein Phänomen, das immer stärker Einzug in die Medien findet. Die Darstellungen von Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit den körperlichen Merkmalen übereinstimmt und die ihr Geschlecht durch medizinische Behandlung entsprechend anpassen wollen, gehen dabei weit auseinander. So gibt es Berichte, die sich an Schritten der Angleichung entlang abarbeiten und dabei versuchen, die medizinischen, sozialen und rechtlichen Aspekte bestmöglich aufzuarbeiten. Andere jedoch weiden weitgehend nur den schillernden Faktor des Themas aus und stellen dabei viele Betroffenen voyeuristisch zur Schau.

Gleichzeitig steigen nicht nur in Deutschland die Zahlen der Kinder- und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie/Transidentität exponentiell an, sondern weltweit. Mittlerweile nimmt die Thematik auf vielen nationalen und internationalen Tagungen und Kongressen von Kinder- und Jugendärzt*innen, Kinder- und Jugendpsychiater*innen einen wichtigen Stellenwert ein.

Die Ursachen werden vielfältig diskutiert: Änderung von Umwelt- oder genetischer/ epigenetischer Faktoren? Neue Einflüsse auf die Hirnentwicklung, Hormonwirkung oder Bakterienbesiedelung des Darms? Oder entsteht durch die Vielfalt der Informationsmöglichkeiten ein anderes Bewusstsein, so dass mehr Menschen Worten trauen, ihre Bedürfnisse und Ihr „Anderssein“ zu leben?

Manche behaupten, Männer haben es leichter, verdienen mehr Geld und haben in der Gesellschaft mehr Einfluss. Deshalb steige die Anzahl der Transjungen und –männer deutlich stärker als die Jungen/Männer, die sich als Mädchen/Frau sehen bzw. Mädchen/Frauen sind und so anerkannt werden möchten.

Die Zeit der Pubertät ist bekanntermaßen eine Achterbahn der Gefühle und Selbstfindung. Möglicherweise ist man mit sich selbst nicht zufrieden, findet sich nicht mit der zugewiesenen psychosozialen Rolle und deren Stereotypen (Frau kann nicht einparken, Männer weinen nicht) wieder. Und dann wird die Selbstdiagnose „Ich bin trans*“ gestellt und alle Probleme werden verdrängt. Die Transjungen werden nur noch von dem Gedanken getrieben: Ich brauche Testosteron. Und es finden sich etliche „Leidensgenossen“ im persönlichen Umfeld und/oder Internet. Hier trifft die Aussage zu: Es gibt einen Gender- Hype!

Auf der anderen Seite gibt es zunehmend Kinder, auch schon im Kindergarten- und Grundschulalteralter, die sich sicher sind, dem „falschen“ Geschlecht zugewiesen zu sein. Viele Eltern berichten, dass sie das Outing ihrer Kinder wie eine Erklärung für eine Besonderheit empfanden, die sie registriert aber nicht fassen konnten.

Tatsächlich fühlen sich viele Transidente bereits in früher Kindheit nicht ihrem zugeschriebenen Geschlecht zugehörig, aber können dies für sich nicht richtig einordnen. Die berichten häufig von einem Erkenntnisprozess oder einem Erlebnis, in dem sie sich ihrer Transidentität bewusst geworden sind. Das ist dann der erste Schritt: Das Eingestehen der Transidentität gegenüber sich selbst („inneres Coming Out“). Der zweite Schritt gegenüber der Außenwelt („äußeres Coming out“) ist häufig geprägt von der Sorge zu enttäuschen sowie abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden.

Denn transidente Jugendliche möchten in der Regel nicht gerne im Mittelpunkt oder im Rampenlicht stehen. Die meisten wollen in ihrem als zugehörig empfundenen Geschlecht authentisch, aber unauffällig leben und ihre Transidentität geheim halten.

Die Geschlechtsidentität ist ein Kern der menschlichen Persönlichkeit! Es gibt keine medizinische Untersuchungsmethode, die die geäußerte Geschlechtsidentität beweisen kann. Die „wahre“ Geschlechtsidentität kann man nicht durch Erziehung ändern. Ein Leben im „falschen Geschlecht“ wird dauerhaft nicht glücklich machen. Insofern sollten Transidente in der Geschlechterrolle leben (dürfen), die sich für sie als passend anfühlt. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Es ist gut oder es war die Erfahrung wert….. Eine Entscheidung muss nicht für immer sein.

Neben einem aktuell vorhandenen Transgender-Hype im Sinne „einer Welle oberflächlicher Begeisterung“ (Duden) entwickelt sich ein Trend mit steilen Anstieg der transidenten Menschen. Wir sehen zurzeit nur die Spitze des Eisbergs!

 

 

Prof. Dr. Annette Richter-Unruh ist Leiterin der Abteilung für Kinderendokrinologie und Diabetologie an dem Katholischen Klinikum Bochum

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