Eine Frage des MILIEUs

"Gibt es heutzutage noch Religionskriege?"

01.04.2016 - Prof. Werner Ruf

Man könnte es meinen, wenn man die Sprecherinnen von Nachrichten in unseren Medien hört. Sie erzählen uns, dass Sunniten Schiiten bekämpfen und umgekehrt. Und dann wissen wir dass das wohl mit Religion zu tun hat – und dass man gegen religiösen Fanatismus nichts tun kann.

So sind sie eben, die  Orientalen. Und damit sie nicht zu uns kommen, besinnen wir uns auf unsere christlich-abendländische Identität, rufen „wir sind das Volk“ und demonstrieren als Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands, denn die schrecklichen Dinge, die mit dem Islam zu tun haben, die wollen wir nicht in unserer heilen und friedlichen Welt!

Befinden wir uns also in jenem Zeitalter des „Kampfs der Kulturen“, wie es Samuel Huntington für das 21. Jahrhundert vorhergesagt hat? Oder ist diese Deutung nicht eher dazu angetan, dass wir die Frage nach den Interessen vergessen, die immer hinter Konflikten steht, erst gar nicht mehr stellen sollen? Geht es in der Region, in der Schiiten und Sunniten aufeinander schlagen nicht vielleicht doch um die Kontrolle jener Ressourcen, die die Weltwirtschaft in Gang halten,  Öl und Gas? Noch immer haben die USA den Anspruch, die Geschicke der Welt zu lenken. Mit ihrem völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak und dem Sturz von Saddam Hussein haben sie sich den Zugriff auf die irakischen Ölvorräte freigeschossen – und gegen den säkularen Diktator „die Schiiten“ in die von ihnen abhängige Regierung in Bagdad eingesetzt. Die daraus folgende Diskriminierung des sunnitischen Teils der Bevölkerung führte zur Entstehung des (sunnitisch-wahabitischen) „Islamischen Staats“.

Russland, seit Jahrzehnten Partner des Regimes in Damaskus, verfügt im syrischen Tartous über seinen einzigen Marinestützpunkt außerhalb des russischen Territoriums: Die Diktatur der Familie Assad ist ein unverzichtbarer Verbündeter für Russland, der er auch bis vor fünf Jahren für die USA war, als die syrische Geheimpolizei gewissermaßen als Subunternehmer Terrorismus-Verdächtige folterte.

Und dann kommen die regionalen Rivalitäten und Hegemonialansprüche: Die islamistische AKP in der Türkei sah im „arabischen Frühling“ die Chance, mit Hilfe der Muslimbrüder ihren Einfluss in der Region auszubauen und neo-osmanische Träume durch eine Zerstörung des syrischen Staats zu verwirklichen, vor allem aber: die Entstehung eines kurdischen Staats zu verhindern.

Saudi-Arabien hatte schon seit Jahrzehnten mit Hilfe der Verbreitung der fanatischen wahabitischen Lehre bis weit hinein in den Kaukasus und nach Afrika eine Außenpolitik betrieben, die, unterfüttert mit sehr viel Geld, den eigenen Hegemonialanspruch in der arabischen und islamischen Welt sichern sollte. Der Feind, den man dazu brauchte, präsentierte sich wie auf einem Silbertablett: der (vorwiegend schiitische) Iran und Hauptkonkurrent unter den Ölexporteuren am persisch-arabischen Golf.

Und da ist schließlich das kleine Scheichtum Qatar mit seinen riesigen Erdgasreserven, die viel zweckmäßiger als durch das teure Verflüssigungsverfahren mittels Schifftransport über eine Pipeline durch Syrien an die großen Netze angeschlossen werden könnte, die durch die Türkei von Asien nach Europa führen. Um all diese Interessen durchzusetzen und um nicht selbst in einen Krieg ziehen zu müssen, finanzieren die Akteure vorhandene Regime wie Asad oder verschiedenste Milizen, die unter vordergründige Berufung auf den Glauben, die Interessen auswärtiger Mächte vertreten und die Bevölkerung massakrieren, um ethnisch oder konfessionell gesäuberte Gebiete zu schaffen: So werden Millionen von Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen,  zur Flucht gezwungen, so entwickeln sich aus den fremd finanzierten Mörderbanden kriminelle Gewaltunternehmen wie der „Islamische Staat“, die sich dank eigener ökonomischer Basis von ihren (ehemaligen) Geldgebern unabhängig machen und „Religion“ dafür instrumentalisieren, weltweit Terrorakte zu verüben, um dadurch nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Anerkennung zu finden. Das ist ihnen spätestens gelungen, als der Französische Staatspräsident dem „Islamischen Staat“ den Krieg erklärte, also den Verbrechern ein Stück staatliche Anerkennung verschaffte.

Es sind geostrategische Interessen, die auf die Zerstörung der „schiitischen Achse“ Iran - Syrien - (libanesische) Hizbullah hinarbeiten, um die Vorherrschaft Saudi-Arabiens in der Region zu sichern und damit Religion zur Basis politischer Identität zu machen. Daraus ergeben sich völlig neue Bündnisse, wenn etwa unter saudischem Druck die Mehrzahl der arabischen Staaten die (schiitische) Hisbollah zur Terrororganisation erklärt. Hier treffen sich die Interessen Israels mit denen Saudi-Arabiens, geht es doch gegen den gemeinsamen Erzfeind Iran. Denn dieser scheint zum neuen Partner der USA zu werden, kämpfen doch die Elite-Einheiten der Revolutionsgarden als einzige effiziente Kraft seit anderthalb Jahren erfolgreich am Boden gegen den „Islamischen Staat“ im Irak. Das Atomabkommen mit dem Staat der Mullahs macht den Weg für eine Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen frei.

All dies hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit beinharten Interessen. Um ihretwillen wird religiöser Fanatismus gefördert, werden konfessionell „befreite“ Zonen und Gebiete geschaffen. Für den Zustrom von Millionen Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen, ist gesorgt – ebenso wie für die Hassparolen von PEGIDA, Front National, Geert Wilders, FPÖ und wie sie alle heißen. Hier wurde ein Geist aus der Flasche entlassen , der kaum mehr einzufangen ist. „Religionskriege“ aber  sind, was sie immer waren: Die Instrumentalisierung von Menschen für Ziele, die nicht ihre eigenen sind.

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