Besorgte Bürger

Grundgesetz

01.11.2015 - Anna Alvi

Mit den „besorgten Bürgern“ wächst die Anhängerschaft von Pegida und die Politiker, sogar die Demokratie, bewegen sich so langsam in den Bereich der ziemlichen Unsicherheit. Frau Merkel, aus einer wohlgemerkt christlichen Partei, wird zu viel Gutmütigkeit vorgeworfen. Denn politische Entscheidungen müssten nicht mit dem Herzen, sondern mit Verstand geführt werden – so die Mehrheit der CDU-Mitglieder.

Stimmt, denn das Grundgesetz ist zwar gut durchdacht, aber moralische Richtlinien und Normen findet man darin selten. Reinster Verstand, wenig Moral. Es sind zwar Akzente der Menschenrechte etc. gegeben, dennoch fehlen gewisse Aspekte der (tiefgründigen) Moral. Ein Beispiel: Für mich endet die Meinungsfreiheit dort, wo das Leben eines Menschen in Gefahr steht. Doch dies ist eine subjektive Ansicht und somit sicherlich kontrovers. Oder eine weitere Frage, die sich stellt: Wer oder was kümmert sich um die Paradoxie des Waffenexports und der zeitgleichen Bemühung um Frieden?

Die Demokratie könnte zurzeit als eine Mutter beschrieben werden, die ihren Kindern nicht genügend Mitgefühl vermittelt hat. Dies beweisen die „besorgten Bürger“ nämlich hervorragend durch Sätze wie „Sollen sie [die Flüchtlinge] doch ertrinken.“ Solche Bürger könnten quasi als das Resultat aus der unzureichenden Vermittlung des Mitgefühls beschrieben werden.


Aber ein gewisses Mitgefühl und andere moralischen Verpflichtungen sollten auch in der aufgeklärtesten Gesellschaft ein wichtiger Bestandteil sein. Diejenigen, die nicht das Glück hatten, solche Normen durch ihr Elternhaus vermittelt bekommen zu haben, sind Menschen mit wenig Verständnis für das „Andere“.  Der Gesellschaftstheoretiker Bourdieu hat festgestellt, dass vieles, was der Persönlichkeit zugeschrieben wird, abhängig von der frühzeitigen Orientierung ist, die durch das familiäre Milieu bestimmt wird. Doch eine gesunde Gesellschaft und eine gesunde Demokratie, sollte ebenfalls Werte vermitteln, die solche Stimmungen, wie sie derzeit hierzulande kursieren, vermeiden können. Es sollen keine Regeln aufgezwungen werden, doch es sollten von Beginn an Grenzen aufgezeigt werden, die eine gute (akzeptable)  Gesellschaft ausmachen sollten. Diese Gesellschaft sollte geprägt sein von Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Ordnung, Akzeptanz (nicht nur Toleranz). Doch, so wie es aussieht, gefährdet sich die Demokratie durch ihre schrankenlose Toleranz selber.

Zum Beispiel gibt es Journalisten, die ohne ausreichende Quellen unsäglich einseitige Artikel verfassen. Das trifft zum Beispiel oft für das Thema Islam zu. Durch dieses mangelnde Wissen, das dem Durchschnittsleser  präsentiert wird, werden Vorurteile geschürt, die wiederum das Leben von Moslems im Alltag erschweren. Solche Journalisten arbeiten nach dem Motto: „Daran ist der Islam schuld!“. Doch anstatt einer eigenen Meinungsbildung, saugen die Gehirne der Bevölkerung solche Informationen wie Schwämme auf. Diese Informationen setzen sich dann fest – für immer. Und dem Journalisten mit der „attraktivsten“ Berichterstattung winkt  Applaus, vielleicht sogar eine Beförderung.


Doch zurück zur Geschichte mit den Werten: Eine Gesellschaft sollte nicht nur ein nüchternes Grundgesetz als Richtlinie haben, sondern viel mehr als das. Denn in unserem Recht herrscht ein  ethisches Defizit. Das Grundgesetz versucht das Miteinander von Staat und Gesellschaft zu regeln. Doch  tiefgründiger wird es nicht. Zumindest merkt man nichts hiervon. 

Moral soll keinesfalls verordnet werden, aber die Bevölkerung soll auf moralische Normen hingewiesen werden. Kants kategorischer Imperativ wäre an dieser Stelle eine gute Hilfestellung. Kant geht weiter als das Grundgesetz, denn er bezieht sich auf alles – auch die Handlungen des Einzelnen. Der Hinweis auf ein moralisch Handeln könnte sicherlich zu einem  deutlichen Fortschritt innerhalb unserer  Gesellschaft führen. Dies würde das Leben um einiges erleichtern. Es würde weniger besorgte Bürger*Innen geben und Gruppierungen wie Pegida o.ä. würden wahrscheinlich nicht solche Mitgliederzahlen erreichen wie heute. Die Betonung liegt auf „Wahrscheinlich“.


Die wachsende Tendenz der Ablehnung des „Anderen“ (z.B. Flüchtlinge) zeigt, dass einigen Mitbürger*Innen das ethische Bewusstsein für ein friedliches Miteinander fehlt. Sie verharren lieber in ihren eigenen Denkschablonen und wenn diese nicht mit anderen übereinstimmen, bricht ihr Gedankenschema zusammen.

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