Rezension

Gut leben ohne Wachstum. Eine Einladung zur Degrowth-Debatte

01.02.2021 - Nikolai Luber

“Unser Wirtschaftssystem ist nicht zukunftsfähig. Wir brauchen einen Wandel.”

– der Autor über dieses Buch

Wie gelingt gutes Leben, ohne unsere Lebensgrundlagen immer rascher zu vernichten? Als Antwort darauf entwirft Norbert Nicoll in seinem Buch Ideen und Utopien. 

Wachstum und Degrowth

In einem Buch über Wachstum und Degrowth wäre es hilfreich, zunächst zu klären, was unter beiden Begriffen zu verstehen ist. Eine präzise Definition liefert Nicoll nicht. Aber klar wird: Ihm geht es um die Abkehr vom Zwang zu immer mehr wirtschaftlichem Wachstum. Seine These: Unsere Gesellschaft ist durch einen permanenten Zwang zu Steigerung geprägt was immer weiter wachsenden Konsum, Ressourcenverbrauch und Konkurrenzdruck bedinge. Diesem Teufelskreis möchte Nicoll Einhalt gebieten. Wobei er einschränkt, dass nicht alles Wachstum schlecht sei. So könnten beispielsweise “die Länder des Südens” kurz- und mittelfristig weiterwachsen.

Ebenso geht es ihm bei „Degrowth“ nicht pauschal darum, alles Wachstum zu reduzieren. Schrumpfen sollen bestimmte Teile der Wirtschaft wie z.B. die Auto- oder die Rüstungsindustrie. Wachsen sollen hingegen der Sozial-, Bildungs- und Kulturbereich. Auch für das Individuum postuliert er die Parole der Décroissance-Bewegung aus Frankreich: Weniger Güter, mehr soziale Beziehungen. Statt immer mehr Dinge anzuhäufen, sollen soziale Beziehungen wachsen und soll die Solidarität in den Mittelpunkt menschlichen und staatlichen Handelns rücken. Nicoll wendet sich gegen den allgegenwärtigen Materialismus, der für ihn sowohl Ausdruck als auch Ursache von Unsicherheit und Unzufriedenheit ist.

Ideen und Experimente

Nicolls Utopie ist eine praktische: Von der konkreten Idee über das Experiment bis zur Vision fächert er in seinem Buch einen bunten Strauß an Vorschlägen auf:

Viele seiner Ideen werden bereits gelebt. Dazu gehören verschiedene Sharing-Projekte, die er im Kapitel “teilen statt besitzen” beschreibt, Genossenschaften und Wohnprojekte, steuerliche Vorteile für die Reparatur von Dingen wie in Schweden und Empathie als Pflichtfach in der Schule wie in Dänemark. Anregend und weiterführend dazu ist die gut geordnete Link-Sammlung am Ende des Buches. Die Sinnhaftigkeit mancher Vorschläge lässt sich hinterfragen: So preist Nicoll die Vorzüge von Regionalwährungen gerade vor dem Hintergrund der Coronakrise. Dabei hat durch sie die bargeldlose Zahlung deutlich zugenommen und die ist nicht regional.

Weitergehende Vorschläge haben den Charakter von Experimenten und bedeuten deutlich stärkere Veränderungen, sind aber immer noch recht konkret: Autofreie Städte, ein Siedlungslimit, um Neubauten zu begrenzen, Einführung der 20-Stunden-Woche für alle, hohe Spitzensteuersätze, ein ökologisches Grundeinkommen, Abschaffung der Schulnoten etc. Bei diesen Vorschlägen gibt Nicoll offen zu: Keiner wisse, ob dies funktioniere, man müsse es eben ausprobieren. Überhaupt ist er der Meinung: „Wir müssen in Zukunft viel experimentieren.“ Hier schwingt eine positive, optimistische Grundhaltung mit – ein erfreulicher Kontrast zur „German Angst“. Aber es gibt auch fragwürdige Experimente. Seine Forderung „Bevölkerungswachstum einhegen“ bezeichnet Nicoll selbst als „ausgesprochen heißes Eisen“. Er führt den Iran als positives Beispiel an, der mit einem Bündel freiwilliger Maßnahmen seine Geburtenrate deutlich reduziert hat. Leider erwähnt er nicht, dass diese Maßnahmen 2014 teilweise wieder zurückgenommen wurden, weil das Land eine Überalterung befürchtete.

Demokratie und Kapitalismus

Schließlich werden seine Vorschläge umfassend und fundamental: So fordert er mit „Mehr Demokratie wagen“ die Einführung direkter und basisdemokratischer Elemente. Das Zitat von Willy Brandt ist sympathischer als der Spruch vom „Sumpf austrocknen“. Der lässt zwar an Donalds Trump Slogan denken aber Nicoll meint damit die Umverteilung von oben nach unten. Weiter schlägt Nicoll vor: Bessere Verteilungsgerechtigkeit, eine Agrar- und Mobilitätswende, die Abkehr von der Ökonomik als Universalwissenschaft, die Vergesellschaftung des Finanz- und Energiesektors, und Produktionsbetriebe, die im Besitz ihrer Beschäftigten sind. Spätestens hier wird klar: Es geht Nicoll um die Abkehr vom Kapitalismus. „Ach, Kapitalismus ist doch total scheiße!“ meint das Känguru in den Känguru-Chroniken. So harsch formuliert es Nicoll nicht, aber er stellt fest „Marktgesetze sind keine Naturgesetze“ und der Kapitalismus nicht ewig.

Wohlstand und Verzicht

Nicolls Ideen, Experimente und Utopien bedeuten einen mehr oder weniger radikalen Wandel. Er zeigt überzeugend, dass dieser Wandel nicht nur Verzicht mit sich bringt, sondern Chancen bietet. Die Chance, wieder mehr Zeit zu haben, die Chance, sich mehr um soziale Beziehungen zu kümmern, die Chance, herauszufinden, was wirklich wichtig ist im Leben. Nicoll plädiert dafür, Wohlstand neu zu verstehen und zwar nicht in der Anhäufung möglichst vieler Besitztümer. Diesem materiellen Wohlstand stellt Nicoll den Zeitwohlstand entgegen, den wir gewinnen. Wir befreien uns selbst vom Konsumstress, wenn wir aus dem Hamsterrad des Materiellen immer mehr aussteigen. "Warum arbeiten wir heute immer noch so viel wie unsere Eltern, obwohl wir viel produktiver sind?”. Der Autor stellt Fragen und fordert uns auf, uns selbst fundamentale Fragen zu stellen. Er attestiert dem Zeitgeist einen Mangel an Fantasie und Selbstbestimmtheit und stattdessen eine sklavisch anmutende Fixierung auf immer mehr produzieren und konsumieren. Nicolls Appell: “Wir müssen die wilde Jagd nach immer mehr Gütern, die wir vielleicht doch nicht brauchen und die nur eine Egostütze sind, beenden”. Das klingt ganz wie Tyler Durden in dem Film Fight Club: „Alles, was du hast, hat irgendwann dich.“ Stattdessen schlägt Nicoll die freiwillige Einfachheit vor und schildert die Vorzüge der Genügsamkeit: Wer weniger benötigt, ist weniger abhängig.

Nicoll lädt zum Perspektivwechsel ein. Statt uns zu fragen, worauf wir in Zukunft verzichten müssen, können wir uns fragen, worauf wir im Moment verzichten. Am Beispiel des verlorenen öffentlichen Raumes und seiner Vereinnahmung durch das Auto zeigt er: Verzicht ist eine Frage der Gewohnheit. Haben wir durch das Auto an Freiheit gewonnen oder haben wir nicht auch viel verloren? Verzichten wir zugunsten des Autos nicht massiv auf Freiheiten im urbanen Raum? Wir opfern dem Auto große öffentliche Flächen, die einmal dem entspannten Flanieren, dem sorglosen Spielen auf Straßen, Wegen und Plätzen zur Verfügung standen. Nicoll regt die Lesenden so zum Nachdenken über eigene Gewohnheiten und Sichtweisen an.

Utopie und Wagemut

Abkehr vom Materialismus, Abschaffung des Kapitalismus. Es sind große Veränderungen, die Nicoll vorschlägt. Neu sind sie nicht. Und es ist das schrittweise Herangehen, der Weg des Ausprobierens, der die Ideen nicht so radikal, sondern machbar wirken lässt. Nicoll folgt damit der Idee von der konkreten Utopie des Philosophen Ernst Bloch. Sie beschreibt den Prozess der Verwirklichung, in dem die näheren Bestimmungen des Zukünftigen tastend und experimentierend hervorgebracht werden.

Es ist die positive Einstellung zum Experiment, die sich wie ein roter Faden durch Nicolls Buch zieht. Zugleich gibt er offen zu, nicht auf alles eine Antwort zu haben und angesichts der großen künftigen Herausforderungen nicht angstfrei zu sein. Das wirkt ausgesprochen menschlich und authentisch. So gelingt es dem Autor, seine Lesenden mitzunehmen und zum Denken anzustiften. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht beim Denken bleibt, sondern wir Nicolls Einladung zum Experiment annehmen und mutig Veränderungen wagen.

Norbert Nicoll: Gut leben ohne Wachstum. Eine Einladung zur Degrowth-Debatte, Tectum Verlag, Baden-Baden 2020, 178 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-8288-4474-2

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