Rezension

H wie Habicht

01.10.2015 - Stefanie Flam

Ist die Natur nach dem Verlust eines geliebten Menschen ein Heilmittel gegen Schmerz und Trauer? Dieser Frage widmet sich Helen Macdonalds außergewöhnliches Werk „H wie Habicht“.

 

Nach dem Lesen des Klappentextes stellt sich Verwunderung ein: Was hat der Tod des Vaters mit dem Aufziehen eines Habichts zu tun? Aber vielleicht ist diese Fragestellung genau das, was das Buch so interessant und anders erscheinen lässt. Hier wird eine Verbindung zwischen zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedlich wirkenden Bereichen geknüpft: der Verlust eines geliebten Menschen und ein Greifvogel. Dabei stellt sich im Verlauf des Buches heraus, dass sie so unterschiedlich gar nicht sind: Auch ein Greifvogel bedeutet Tod.


Helen MacDonald will den Habicht „Mabel“ zähmen, um dadurch über den Tod ihres Vaters hinwegzukommen, der sie in ihrer Leidenschaft für Greifvögel und die Falknerei immer unterstützt hat. MacDonald erzählt, angefangen kurz vor dem Todestag ihres Vaters, wie sie danach in ein Loch fällt, sich aus ihrem sozialen Umfeld komplett zurückzieht und die schmerzliche Zeit des Verlustes und der Trauer erlebt, während die Abrichtung ihres Habichts ihre einzige bleibende Aufgabe ist und sie am Leben hält. Der Leser erlebt diese Prozesse durch klare, unkomplizierte und teils poetische Sprache hautnah mit, ihre Gefühle, Gedanken und Erinnerungen werden unmittelbar und sehr bildhaft ausgedrückt, sodass ein hoher Grad an Zugänglichkeit und Identifikationsmöglichkeit gegeben ist. Jeder, der schon einmal den Tod eines nahestehenden Menschen hat erleben müssen, findet sich in Helen wieder und auch Anderen wird ihre schmerzhafte Aufrichtigkeit unter die Haut gehen. Die Protagonistin verliert den Bezug zum sich trotz ihres großen Verlustes fortsetzenden Leben – für sie steht es still, es zieht geradezu an ihr vorbei und sie flüchtet sich in eine Parallelwelt: die Natur. Mabel ist ihr einziger Bezugspunkt in beiden Welten. Auch wenn die Natur für sie eine eher unzugängliche Welt ist, driftet sie zunehmend in diese ab, sodass sie später sogar gemeinsam mit Mabel jagt und das Tödliche an dem Greifvogel bewundert. Helen nimmt zusehends das Verhalten des Habichts an. „Die Jagd machte mich zum Tier, doch der Tod des Tiers machte mich wieder zum Menschen.“

Die Dialektik von Leben und Tod, Menschsein und Tier durchziehen die ganze Geschichte um Helen und Mabel. Nach der Beerdigung ihre Vaters erkennt sie, dass der Rückzug in die Natur nicht bei der Verarbeitung und Trauer geholfen hat: „Ich hatte geglaubt, nur die Flucht in die Wildnis könne meinen unendlichen Schmerz heilen. [...] Jetzt erkannte ich diese Einstellung als das, was sie wirklich war: eine verführerische, aber gefährliche Lüge. [...] Hände sind dafür geschaffen, die Hand anderer Menschen zu halten – sie sollten nicht ausschließlich als Sitzstange für Greifvögel dienen.“ Mit dieser Erkenntnis findet Helen zurück ins Leben, lässt sich wegen einer Depression behandeln, nimmt wieder Kontakt zu ihren Mitmenschen auf und verabschiedet sich langsam von der Welt, in die sie geflüchtet ist, und Mabel, ihr Tor zu dieser. Passenderweise ist es Frühling, die Zeit des Erwachens, als sie den Vogel zur Mauser abgeben muss und erst im Sommer wiedersehen wird. „Ich hatte den Habicht in meine Welt gebracht und dann so getan, als lebte ich in seiner. Jetzt fühlt es sich anders an: Wir leben miteinander, aber jeder in seiner eigenen Welt. Ich sehe auf meine Hände – sie sind voller Narben. [...] Und es gibt noch andere Narben, die nicht sichtbar sind. Narben, die sie nicht verursacht, sondern zu heilen geholfen hat.“ Helen schafft es schließlich, den Trauerprozess zu durchlaufen, ohne zu flüchten, und dadurch wieder in Einklang mit sich selbst und ihrer Umwelt zu gelangen.

„H wie Habicht“ ist also nicht nur ein Bericht über die Zähmung eines Greifvogels, sondern ebenso einer über die Verarbeitung von Tod und Trauer. Auch wenn es mit der Falknerei ein ungewöhnliches und eventuell zuerst schwer zugängliches Thema bietet, ist dieses Buch ebenso ungewöhnlich im positiven Sinne und damit möglicherweise einzigartig, v.a. aber sehr einfühlsam und ehrlich geschrieben. Nicht grundlos ist es zum Bestseller geworden und hat zwei Preise bekommen. Neben der herausragenden emotionalen Ebene und wunderbaren Naturbeschreibungen liefert es viel Wissen über die Abrichtung von Greifvögeln und auch Exkurse in die Geschichte, Literaturwissenschaft, Psychoanalyse und keltische Mythologie. Gesellschaftskritik und aktuelle Themen wie Zerstörung der Natur, Atomwaffen und Migration kommen ebenfalls zur Sprache. Außerdem gilt zu erwähnen, dass in Form von Perspektivwechseln und parallel zu Helens Schicksal und ihrer Abrichtung von Mabel das tragische Schicksal des für seine Artus-Romane bekannten Schriftstellers Terence Hanbury White (1906-1964) und die Abrichtung seines Habichts „Gos“ dargestellt wird. Somit ergibt sich bei Macdonalds Werk ein Genre-Mix aus Biographie, Autobiographie, Natur- und Tierbeschreibung, der der gegenwärtigen britischen Strömung „New Nature Writing“ zuzuordnen ist.

Helen Macdonald: H wie Habicht. Allegria 2015. 416 Seiten. 20 Euro. (16,99 Kindle-Edition)   

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