Kolumne

Häusliche Gewalt & Islam

15.02.2019 - Khola Maryam Hübsch

Die meisten Menschen haben den Koran zwar nicht gelesen, aber eines meinen sie ganz genau zu wissen: Es gebe einen Vers, in dem zum Schlagen von Frauen aufgefordert werde. Was da genau steht und wie er im Verhältnis zu den über 6000 anderen Versen des Korans steht, das wissen die wenigsten.

Das wohlige Gefühl der Überlegenheit, wenn man Frauenfeindlichkeit zur Spezialität der Muslime erklären kann, scheint diese Unwissenheit wert zu sein. Als Familienministerin Franziska Giffey eine Statistik des Bundeskriminalamts über Partnerschaftsgewalt vorstellte, betonte sie, dass zwei Drittel der Tatverdächtigen Deutsche seien und die Gewalt von Männern aus allen gesellschaftlichen Schichten und ethnischen Gruppen ausgehe. Prompt war zu lesen, Giffey verschweige die Koranpassage. Nun haben Täter in der Regel eher zu tief ins Glas als in den Koran geschaut, doch Alkohol zu problematisieren würde ja die Kultur der Mehrheitsgesellschaft angreifen. Dann lieber über den Islam schimpfen.

Der Vers aus der Sure 4 lautet in der gängigen Übersetzung: „Und jene Frauen, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, lasst sie allein in ihren Betten und schlagt sie.“ Manche sind der Meinung, das Verb „adribûhunna“ sei mit „meiden“ statt „schlagen“ zu übersetzen.  Plausibler ist, sich den historischen Kontext zu vergegenwärtigen. Doch über die sozialen Revolutionen, die durch den Islam im 7. Jahrhundert entfacht wurden, spricht niemand. Für die damaligen Verhältnisse progressiv war die Einführung von grundlegenden Rechten für Sklaven und Frauen. Weder die Sklaverei noch häusliche Gewalt oder der Schweinefleischkonsum wurden jedoch explizit verboten. Die Auflagen glichen langfristig einem Quasi-Verbot: Möchtest du Schweinefleisch essen, musst du kurz vor dem Hungertod stehen. Möchtest du einen Sklaven halten, musst du ihn behandeln wie dich selbst. Möchtest du bei einem Ehekonflikt handgreiflich werden, musst du dich erst beruhigen, das Gespräch suchen, für eine Weile trennen und dann symbolisch handeln. Ach ja, und Alkohol darfst du gar nicht trinken. Schwer zu schlucken für viele Männer, die es gewohnt waren Gewalt anzuwenden.

Eine solche Einordnung koranischer Inhalte hilft eher als eine allgemeine Verteuflung des Islams. Naheliegender ist, dass es Tätern nicht um Religion geht, sondern um einen Sündenbock. Wenn Journalisten über diesen Bock springen, indem sie im Koran die Ursache für das weltweite Problem männlicher Gewalt suchen, machen sie sich zu Erfüllungsgehilfen. Besser, wenn Leserinnen und Leser darauf keinen Bock hätten.

 

 


Erstveröffentlichung: Im FREITAG, Ausgabe 06/2019

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