Ein Streitgespräch

Hamed Abdel-Samad vs. Khola Maryam Hübsch

15.05.2014 - Tahir Chaudhry

Er gilt als Hauptfigur der deutschen Islamkritik und sie als öffentliches Gesicht der muslimischen Frauen in Deutschland. DAS MILIEU lud Hamed Abdel-Samad und Khola Maryam Hübsch zu einem eindrucksvollen Streitgespräch über die Buch-Thesen beider Kontrahenten ein.

Beide Bücher sind erst neulich erschienen, beide Autoren polarisieren, beide provozieren mit ihren Buchtiteln. Vor dem Hintergrund ihrer Thesen könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Die Diskussion wird auf Grundlage von jeweils drei Thesen aus dem Buch "Der islamische Faschismus" von Hamed Abdel-Samad und "Unter dem Schleier die Freiheit" von Khola Maryam Hübsch geführt. Die Kontrahenten haben jeweils maximal zwei Minuten Zeit, um zu den Buch-Thesen des anderen Stellung zu nehmen.

DAS MILIEU: Herr Abdel-Samad schreibt auf Seite 61 seines Buches: „Religionen, die vielen Göttern huldigen, sind in der Regel toleranter und flexibler als die drei monotheistischen Religionen. […] Der abrahamitische Gott jedoch ist eifersüchtig und duldet keine Götter neben sich. Die Idee, dass es nur einen Gott gibt, der uns geschaffen hat, der alles bestimmt, was mit uns geschieht, der uns vierundzwanzig Stunden am Tag beobachtet, der unsere Gedanken und Träume kennt, der unser Leben mit Geboten und Verboten kontrolliert und uns bei Verfehlungen mit Höllenqualen bestraft – diese Idee ist der Ursprung der religiösen Diktatur, die wiederum Vorbild für alle anderen Diktaturen ist.“

Frau Hübsch, sehen Sie auch den Ursprung der religiösen Diktatur im Monotheismus?

Hübsch: Nein, natürlich nicht. Es gibt ja auch viele Anhänger polytheistischer Religionen, die im Verlauf der Geschichte in unzählige Kriegen verwickelt waren, die auch fanatisch und intolerant waren. Wenn man nur einmal an die hinduistische Kriegerkaste denkt, aber auch an die Geschichte des Islams, wo hauptsächlich polytheistische Mekkaner die Muslime grausam verfolgt haben. Oder wir kennen auch die polytheistischen Römer, die Christen verfolgt haben. Ich glaube aber, was an diesem Zitat wichtiger ist…dass ein Gottesbild kolportiert wird, das fundamental dem widerspricht, wie sich Gott selbst im Koran vorstellt. Der Mensch ist ja von Gott frei geschaffen worden, im Gegensatz zu den Engeln, die nicht einen freien Willen haben. Der Mensch kann sich frei entscheiden, welcher Religion er angehören möchte oder nicht und ob er überhaupt an einen Gott glaubt. Er wird nicht dazu gezwungen, sich an die Gebote des Islams zu halten. Und all das, was als Weisheiten, was an Lehre im Koran formuliert wird, ist dazu da, um dem Menschen zu dienen und nicht, den Menschen zu quälen oder zu drangsalieren. Es soll ihm zu wahrer Freiheit und Zufriedenheit verhelfen. Es ist ein barmherziger und gütiger Gott. Er kennt uns besser, als wir uns selbst. Er ist uns näher als die Halsschlagader. Das sind Formulierungen aus dem Koran. Das drückt für mich eine innige Verbundenheit in Liebe aus. Sie weist uns aber auch auf die Konsequenzen unserer Handlungen hin. Wir tragen Verantwortung, weil uns ein freier Wille gegeben wurde. Hölle ist in diesem Zusammenhang die Umschreibung für einen Zustand der Gottesferne. Über die Konsequenzen unserer Handlungen müssen wir uns bewusst sein und werden entsprechend vorgewarnt.
 
Abdel-Samad: Ja, es gibt hier eine Verkürzung der Geschichte. Als Muhammad in Mekka lebte, hätte er eigentlich keine Probleme haben müssen. Er hat zu Beginn die Araber zum Islam eingeladen, ohne dass ihm etwas passierte. Probleme bekam er erst, als er die anderen Religionen in Mekka in Frage gestellt hat und alles islamisieren wollte. Deshalb haben die Mekkaner ihn aus Mekka vertrieben, weil sie Angst um ihre Geschäfte hatten. Mekka war dafür bekannt, ein Ort der Toleranz zu sein. Alle Religionen durften dort praktiziert werden. Um die Kaaba herum waren Gottheiten für alle arabischen Stämme. In der Kaaba selbst hingen christliche und jüdische Bilder. Erst mit dem Islam kam die Monoreligion und Monokultur, so dass die anderen Religionen von der arabischen Halbinsel vertrieben wurden. Dass der Islam kein Zwang im Glauben kennt, höre ich sehr oft als Argument. Es bezieht sich auf den Vers: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“. Dieser Vers wurde später aufgehoben. Er galt als Muslime noch eine Minderheit waren. Da sprach man noch von Glaubensfreiheit, weil man diese Freiheit für sich selbst beanspruchte. Später aber, als die Muslime die Mehrheit bildeten und das politische Geschehen dominierten, gab es diese Regelung nicht mehr. Spätere Suren, die in Medina offenbart worden, sprechen nicht mehr von Glaubensfreiheit, sondern darüber, dass wer einen Glauben außerhalb des Islam annimmt, zu den Verlierern gehört und als Ungläubiger gilt. Der Ungläubige ist dann schlimmer als das Tier und muss bekämpft werden bis sie demütig Tribut, nämlich die Kopfsteuer zahlen. Das ist Machtpolitik und keine Glaubensfreiheit. Es gibt eine Doktrin im Islam, die Abrogation (nasikh wa mansukh) genannt wird. Frühere Verse werden durch spätere aufgehoben. Das vernachlässigt man, wenn man von Glaubensfreiheit spricht.

Hübsch: Das Abrogationsprinzip wird nicht von allen Muslimen anerkannt. Es gibt keine abrogierte Version, sondern alle Verse des Korans besitzen Gültigkeit. Zum Vorherigen: In der islamischen Geschichte haben die Mekkaner die muslimsiche Minderheit 13 Jahre lang grausam verfolgt. Hinter ihrer Verfolgung steckten handfeste ökonomische Interessen. Die Minderheit hat den Monotheismus propagiert, aber keinerlei Gewalt angewandt. Die Mekkaner hatten ein Problem mit dieser Minderheit, da sie ihre machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen gefährdet sahen. Schließlich wurde viel Geld mit dem Verkauf der polytheistischen Götterfiguren und durch die Pilger verdient. Es ist also vollkommen falsch, dass Mekkaner die toleranten und Muslime die aggressiven waren, das Gegenteil ist der Fall. Zudem steht nirgendwo im Koran, dass diejenigen, die nicht an den Propheten Muhammad glauben, also in Bezug auf seinen Anspruch auf Prophetentum „ungläubig“ sind, pauschal bekämpft werden müssten oder schlimmer als Tiere seien. Übrigens bezeichnete der Prophet in einer Prophezeiung die muslimischen Gelehrten unserer Zeit als „Affen und Schweine“. Man muss die Metaphorik verstehen, dass „nachäffen“  und unmoralisches Verhalten wird hier kritisiert. Und das unabhängig von der formalen Religionszugehörigkeit.

DAS MILIEU: Auf Seite 106 schreibt Herr Abdel-Samad: „‘Das gesamte Wissen befindet sich im Koran‘, das war die neue Geisteshaltung, die die Entfernung der Muslime vom weltlichen Wissen einleitete. Der Glaube sollte gereinigt werden und von fremden Einflüssen befreit werden. Am Ende standen die Verteufelung der Philosophie und des Wissens und die Unterdrückung von der Minderheiten, auch Frauen.“
Frau Hübsch, warum entfernten sich islamische Hochkulturen in der Geschichte Ihrer Meinung nach  immer weiter vom weltlichen Wissen?


Hübsch: Die Gründe sind vielfältig. Abdel-Samald wiederholt die Thesen Sarrazins. Beide verkennen, dass es eine Verbindung gibt zur Religion als wesentlichen Motor der wissenschaftlichen Entwicklung. Der Wissenschaftshistoriker al-Khalili beschreibt in seinem Standardwerk im „Haus der Weisheit“, dass die arabische Wissenschaft im gesamten Goldenen Zeitalter untrennbar mit der Religion verbunden war und dass die wissenschaftliche Revolution der Abassidenzeit ganz eindeutig nicht hätte stattfinden können, hätte es den Islam nicht gegeben. Das liegt an der Lehre!
In 750 Versen, etwa einem Achtel des Buches, sagt der Koran, dass Menschen nachdenken sollen, die Natur studieren und ihre Vernunft gebrauchen sollen. Genau deshalb waren arabische Wissenschaftler auch Pioniere und Arabisch über 700 Jahre lang die internationale Sprache der Wissenschaft. Und der Prophet selbst sagt ja in Bezug auf Frauen, dass sowohl der muslimische Mann als auch die muslimische Frau nach Wissen streben müssen, er erklärte es zur Pflicht! Und er sagt, dass wer zwei Töchter hat, ihnen Bildung gewährt und keinen Unterschied macht, der wird mir im Paradies so nah sein, wie zwei Finger. Dass heutige Muslime das vergessen haben, wenn die Bildung der Massen aus machtpolitischen Gründen nicht forciert wird, ist das kein religiöses Problem. Die gleiche Religion, die einmal Motor für wissenschaftliche Entwicklung war, soll nun das Problem sein. Das Problem ist doch dann eher, dass man den Koran nicht studiert, dass darüber nicht mehr nachgedacht wird.

Abdel-Samad: Wer hat die religiöse Intoleranz auf der arabischen Halbinsel eingeführt? Als die Macht kam, hat Mohammed die Religionen nicht in Mekka gelassen, sondern reinigte Arabien von allem anderen. Bis heute leben keine Nicht-Muslime auf der arabischen Halbinsel. Das bringt mich zum nächsten Punkt. War es der Islam, der diese Blütezeit eingeleitet hat, was Wissenschaft und Philosophie angeht? Natürlich nicht! Sonst wären doch Mekka und Medina Stätte des Wissens und der Philosophie gewesen. Das waren sie noch nie und das sind sie bis heute nicht! Stattdessen waren es Bagdad, Kairo und Damaskus, wo früher schon Hochkulturen am Werk waren, wo arabische Eroberer jenseits ihres Glaubens pragmatisch wurden und Kooperationen mit diesen Hochkulturen angefangen haben. Sie lernten von ihnen und übersetzten die Werke der alten Griechen. Die ersten wirklichen Wissenschaftler im Islam waren Perser und keine Araber. Als diese Toleranz nicht mehr vorhanden war und der Durst nach Wissen verschwand, als  man sich auf die eigene Religion konzentriert hat, da gab es keine Kultur des Wissens mehr. Durch das Einführen der Scharia, womit die islamische Moral herrschte, endete die Kultur des Wissens und die Kultur der Einschüchterung begann.

DAS MILIEU: Herr Abdel-Samad schreibt auf Seite 127: „Überall in der Welt trifft man auf die gleiche Geisteshaltung und das gleiche Gewaltpotenzial unter radikalen Muslimen. Deshalb kann man das Phänomen Islamismus nicht vom Islam trennen, denn der Dschihad-Virus schöpft seine Sprengkraft aus der Lehre und Geschichte des Islam. Das Konzept des Dschihad haben nicht moderne Islamisten erfunden, es stammt vom Propheten Mohamed.“
Frau Hübsch, liegt Herr Abdel-Samad richtig?


Hübsch: Nein, ich glaube er begeht den großen Fehler, dass er seinen Blick nur auf den politischen Islam richtet, der keine hundert Jahre alt ist, der sich ja auch als Reaktion auf Fremdherrschaft und Kolonialismus erst ausgebreitet hat. Also das ist schon eine sehr steile und hanebüchene These. Die jüngste Geschichte des politischen Islam rückwirkend auf die gesamte Geschichte des Islam zu projizieren, macht keinen Sinn. Wenn wir uns den Koran anschauen und die Praxis des Propheten, dann finden wir unzählige Belege für Toleranz und das Miteinander von Religionen. Man denke nur an den Vertrag von Medina unter der Führung Muhammads, wo Juden, Polytheisten und Muslime gemeinsam eine Ummah (Gemeinschaft) gebildet haben, wo es auch eine Trennung zwischen Religion und Politik gab, keine Bevölkerungsgruppe privilegiert wurde und Religionsfreiheit herrschte. Das ist auch etwas, was im Koran verankert ist, wo Gerechtigkeit als oberstes Prinzip der Staatsführung beschrieben wird (Sure 4:60). Es geht dabei um einen säkularen Staat. So argumentiert beispielsweise auch der vierte Kalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat.
Was diesen Dschihad-Begriff angeht. Der wird oft sehr verkürzt dargestellt. Wenn man die Verse des Koran in ihrem historischen und textuellen Kontext sieht, gelten die Verse, die sich mit Gewalt beschäftigen, ausschließlich für den Verteidigungsfall. Und es heißt dann auch, dass wenn Frieden angeboten wird, er angenommen werden muss. Man darf also den geschichtlichen Hintergrund nicht vernachlässigen. Man kann nicht von einem Gewaltpotenzial sprechen, wenn die Muslime in Mekka jahrelang verfolgt werden, nach Medina auswandern und sich erst dann, als sie dort angegriffen werden, verteidigen müssen. Man muss auch erwähnen, dass der Prophet gesagt, dass der größte Dschihad, der Kampf des Menschen gegen das eigene Ego ist. Man kann nicht aus einzelnen Versen den Aufruf zum Mord an alle Andersgläubigen ableiten! Das machen nur Fundamentalisten, weil sie wesentliche Passagen des Koran, die eine ganz andere Botschaft haben, ignorieren. Es ist daher die Aufgabe der aufgeklärten Muslime, den ganzheitlichen Kontext herzustellen und nicht den Fundamentalisten beider Seiten auf den Leim zu gehen.

Abdel-Samad: Es ist schwierig mit dem Dschihad. Der politische Islam ist nicht hundert Jahre alt. Frau Hübsch wiederholt nur die Thesen - das sogar wortwörtlich – von Islamwissenschaftlern wie Michael Lüders und Gudrun Krämer. Der Islam war aber von Anfang an politisch. Die Eroberungskriege begannen ja nicht vor hundert Jahren. Wo hat sich der Islam in Damaskus, Kairo oder Konstantinopel verteidigt? Wo gab es dort Muslime, die verteidigt werden mussten? Es ging dabei immer um politische Macht. Dieses Dschihad-Verständnis ist eine apologetische Haltung, die mit der Entwicklung des Islam nichts zu tun hat. Den politischen Islam hat es immer gegeben. Die vier theologische Rechtsschulen des Islam sind politisch. Ibn Taimiyya im Mittelalter gehört zum politischen Islam. Der Wahabismus ist im 18. Jahrhundert, also schon lange vor dem Kolonialismus entstanden. Das ganze nur als eine Reaktion auf den Kolonialismus zu bezeichnen, ist eigentlich eine Beleidigung der Muslime. Man bezeichnet dann alle Muslime eine Nation, die in einen Dornröschen-Schlaf gefallen war und dann kam der Westen und küsste sie wach. Der politische Islam? Was ist mit den türkischen Eroberungen? Was ist mit den Angriffen der Berber auf Europa? Was war mit den Almohaden und Almoraviden?

Hübsch: Jetzt bringen Sie einiges durcheinander. Lüders und Krämer sind im Gegensatz zu Ihnen anerkannte Islamwissenschaftler. Man muss dann auch von einem politischen Christentum sprechen, wenn man an viele kriegerischen Auseinandersetzungen denkt, die eben von Christen aus territorialen, aus politischen Gründen durchgeführt worden sind. Und natürlich wurde Religion missbraucht, es wurde im Namen von Religion Kriege geführt, die machtpolitisch motiviert waren. So wie heute im Namen der Demokratie Kriege geführt werden. Wir müssen da aber unbedingt zwischen der Lehre der Religion und Politik unterscheiden und darauf achten, wie Anhänger der Religion diese instrumentalisieren. Herr Abdel-Samad behauptet ja, dass die Gewalt aus den Ursprüngen des Islams kommt. Und genau das kann man anhand der Quellen des Islams, vielen Koranversen und anderen Überlieferung widerlegen, wenn man seine Vernunft gebraucht Da muss man die Exegese ernst nehmen und nicht einzelne Koranverse herauspicken, eigennützig und eigenwillig interpretieren und dann missbrauchen. Das macht eben der politische Islam der Fundamentalisten. Um ihre Kriege zu führen, brauchen und brauchten die Menschen keine Legitimation durch Religion, sie schaffen sich ihre Vorwände. Es ist darüber hinaus eine merkwürdige Vorstellung, Ideen könnten sich allein durch Gewalt durchsetzen. Wie heißt es so schön: Schwerter können Territorien erobern, aber keine Herzen, Gewalt kann Köpfe beugen, aber niemals den Geist. Es ist die zutiefst humanistische Lehre des Islam, die die Herzen der Menschen weltweit berührt.

 

Weiterlesen...

 

Teil II: Drei Thesen - "Unter dem Schleier die Freiheit" 

 

Teil III: Abschlussdiskussion über Islamkritiker und gläubige Muslime

 

 

 

Khola Maryam Hübsch: "Unter dem Schleier die Freiheit. Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann"

Patmos Verlag, 192 Seiten, 2014, Hardcover, 16.99 Euro

ISBN: 978-3-8436-0473-4

 

 

Hamed Abdel Samad: "Der islamische Faschismus"
Droemer HC, 224 Seiten, 2014, Hardcover, 18.00 Euro
ISBN: 978-3-426-27627-3

 

 

 

Das Gespräch moderierte Tahir Chaudhry am 25. April 2014.

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