Buchautor im Interview

Harris Zafar: "Der Islam wird nicht militärisch angegriffen!"

15.12.2014 - Tahir Chaudhry

So deutlich wie kein anderer verurteilt er die Gewaltakte der radikalen Extremisten und repräsentiert in US-amerikanischen Medien die Stimme des gemäßigten Islam. DAS MILIEU sprach mit dem Autor, Journalisten, Redner und Aktivisten Harris Zafar über die Unwissenheit über den Islam, über Extremisten, Islam-Kritiker, Islamophobie, den vermeintlichen Krieg gegen den Islam und über sein aktuelles Buch "Demystifiying Islam".

DAS MILIEU: Sie sind ein häufiger Gast bei Fox News, dem meistgesehenen Nachrichtensender der USA, der bekannt für seine konservativen Sichtweisen und einer negativen Voreingenommenheit gegenüber dem Islam ist. Denken Sie, dass Sie mit Ihren Stellungnahmen gerade bei diesem Publikum überhaupt etwas erreichen können?

Zafar: Tatsächlich ist Fox News weithin bekannt für die konservative Ausrichtung und die Verbreitung islamfeindlicher Thesen, aber es gibt dort durch Auftritte einiges zu holen. Gerade diejenigen, die regelmäßig Fox News einschalten oder andere konservative Fernsehsender, müssen unbedingt noch mehr die richtige Botschaft des Islam verstehen. Meist haben sie von Berichten über Muslime gehört, die unmenschliche Gewalttaten verüben oder von Muslimen, die einfach schweigen, wenn sie Radikalisierung in den eigenen Reihen beobachten. Eine religionswissenschaftliche Umfrage aus dem Jahre 2011 hat gezeigt, dass es eine signifikante Korrelation zwischen dem Vertrauen in Fox News und der negativen Haltung gegenüber Muslimen gibt. Da dieses Publikum nun nicht einmal die Chance hatte, sich eine rationale muslimische Stimme anzuhören, die zur Mäßigung, Toleranz und Gerechtigkeit aufruft, sind die Auftritte auf diesem Sender sehr wichtig.

DAS MILIEU: Was die Wahrnehmung des Islam angeht, haben wir in Deutschland eine recht ähnliche Situation wie in den USA. Es gibt eine verbreitete Unwissenheit und viele Vorurteile gegenüber diese Religion. Neben einigen Parteien aus dem rechten Lager gibt es auch zahlreiche Kritiker, ähnlich wie Sam Harris, Pamela Geller oder Bill Maher, die nur den „Islam“ der Extremisten akzeptieren um 1,6 Milliarden Muslime öffentlichkeitswirksam zu diffamieren. Wenn Medien und Politik dieses negative Bild des Islam vermitteln, hat die Gesellschaft eine andere Wahl als diesem zu folgen?

Zafar: Sicherlich haben Menschen, die als Vordenker gelten, einen großen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung bei einer Vielzahl von Themen. Genau hier enttäuschen sie, da sie nicht in der Lage sind, den Leuten, die ihnen vertrauen, mit ehrlichen Informationen zu versorgen. Figuren wie Sam Harris und Bill Maher haben jedes Recht ihre eigenen Ansichten und Meinungen zu vertreten. Das Problem tritt erst auf, wenn deren Rhetorik und Meinungen das Streben der Öffentlichkeit nach Fairness und Wahrheit behindern. In einem solchen Klima, in dem ihre Meinungen als Fakten ausgedrückt werden, müssen Muslime die Initiative ergreifen, um Zugänge zu finden, durch die sie diese Missverständnisse aufklären können. Jede Gesellschaft muss die Chance bekommen, zu sehen und zu verstehen, dass der Islam nicht durch die Sichtweisen und Handlungen nur einer gewissen Gruppe aus der weltweiten muslimischen Bevölkerung definiert werden kann. Es herrscht eine Ignoranz gegenüber der Tatsache vor, dass es Meinungsvielfalt unter den Muslimen gibt und wenn sogenannte Intellektuelle wie Sam Harris oder Bill Maher daran scheitern diese Meinungsvielfalt zu berücksichtigen, dann gibt es nur eine Möglichkeit für Muslime, nämlich die Initiative zu ergreifen und Berührungspunkte mit der Gesellschaft zu schaffen, um ihr die wahre Natur ihres Glaubens zu zeigen.

DAS MILIEU: Ich bekomme immer wieder zu hören, dass es unmöglich sei, den „wahren“ Islam auszumachen. Gibt es ihn, den wahren Islam?


Zafar: Natürlich werden die meisten behaupten, dass ihre Interpretation und ihr Verständnis das einzig wahre und richtige sei. Um diesen Anspruch zu testen, muss man sich anschauen, ob die Praxis zu 100% mit dem Koran und dem gelebten Beispiel des Propheten Mohammed übereinstimmt. Der wahre Islam wird durch den gesamten Koran (der ganzheitlich verstanden werden muss, ohne das bestimmte Verse ignoriert oder abgelehnt werden) und durch die Berichte über das Leben des Propheten Mohammed (die nicht im Widerspruch zum Koran stehen dürfen) definiert. Diejenige Interpretation, die diese Kriterien erfüllt, stellt den wahren Islam dar.
 
DAS MILIEU: Oft wird seitens der Kritiker beklagt, dass Muslime nicht kritikfähig seien, wo doch Kritik nötig sei, um den Islam von den negativen Auswüchsen zu befreien. Doch wo zieht man dabei die Grenze zwischen Islam-Kritik und Islamophobie?

Zafar: Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen diesen beiden. Jeder hat das Recht auf Meinungs- und Gewissensfreiheit. An sich respektiere ich auch das Recht eines jeden sich kritisch über den Islam zu äußern, denn es gibt oft Dinge, mit denen man nicht übereinstimmt oder die man problematisch findet. Tatsächlich mag ich es, wenn ehrliche Kritik geübt wird, da ich so die Chance bekomme, diese Dinge anzusprechen. Dies fördert und befruchtet den Dialog, der sehr lebendig ist, sobald es Unterschiede in den Überzeugungen gibt.

Mit den Glaubensinhalten des Islam nicht übereinzustimmen, ist etwas vollkommen anderes als diese Religion zu beleidigen oder das Misstrauen gegenüber Menschen, die dieser Religion angehören, zu befeuern. Folglich steht Islamophobie für die Verbreitung von Lügen und Gerüchten über den Islam und das Schüren von Ängsten und Misstrauen gegenüber Muslimen. Woran erkennt man Islamophobie? Wir sehen sie an den Behauptungen einiger, dass Muslime insgeheim vorhätten, die Weltherrschaft an sich zu reißen und dort, wo sie leben, die Scharia als Staatsgesetz einzuführen. Wir sehen sie an den Behauptungen, dass der Islam von Grund auf eine gewalttätige Religion sei. Wir sehen sie an den Forderungen für alle Muslime Profile anzulegen und diese solange als „Schuldige“ zu führen bis ihre Unschuld bewiesen ist. Das ist nicht vernünftig, denn hier geht es ganz offensichtlich nicht um Meinungsunterschiede in Bezug auf die islamische Lehre. Ich begrüße den Dialog mit jedem, der tatsächlich eine Meinungsverschiedenheit hat oder irgendeinen Aspekt des Islam nicht versteht.

Das ist auch das Kennzeichen der Ahmadiyya Muslim Jamaat, der ich angehöre. Unsere Überzeugung ist, dass Menschen der Islam nur durch Logik, Rationalität und Dialog näher gebracht werden kann.

DAS MILIEU: Der Dialog kann auf verschiedenen Ebenen und auf unterschiedliche Art und Weisen geführt werden. Glauben Sie, dass durch das Lesen von Büchern oder das Hören von Vorträgen ein Umdenken eingeleitet werden kann?

Zafar: Es gibt Menschen, die auf der Suche nach Wissen und Wahrheit sind, wobei es auch andere Menschen gibt, die bereits ihre Urteile gefällt haben und es nicht zulassen werden, dass sie sich jemals ändern. Es ist die Mühe durchaus wert, wenn ausführliche Abhandlungen über den Islam geschrieben werden und in Form von Büchern verbreitet werden oder wenn erhellende Vorträge gehalten werden. Damit wird denjenigen geholfen, die ernsthaft auf der Suche nach Wissen sind. Als ein gläubiger Muslim weiß ich, dass mein Glaube mich dazu auffordert, die wahre Botschaft auf respekt- und würdevolle Weise in voller Deutlichkeit zu überbringen. Der Rest ist in Gottes Hand. Aber wenn wir nicht einmal den Menschen das Angebot machen, sich die tatsächlichen Lehren, die der Prophet Mohammed gebracht hat, anzuhören und zu verstehen, dann haben wir kein Recht uns über die Ignoranz der Menschen gegenüber dem Islam zu ärgern. Solche Bildungsinitiativen werden dringend benötigt.

DAS MILIEU: Erst kürzlich meinte jemand zu mir: “Ja, es gibt friedliche Muslime, ABER auch diese können nicht leugnen, dass der Islam ein Gewaltproblem hat, da der Koran zu Gewalt auffordert!“. Wie würden Sie darauf antworten?

Zafar: Solche Aussagen beruhen auf einer extrem einseitigen Sicht, dass Muslime nur friedlich sein könnten, wenn sie Teile ihres Glaubens oder des Korans ignorieren. Fälschlicherweise bekommen Muslime, die Gewalttaten verüben, das Etikett der „wahren“ Muslime verliehen, weil sie ihren Glauben gemäß dem Koran praktizieren würden. Hingegen werden Muslime, die friedliebend sind und andere zum Dialog und zu Toleranz aufrufen nicht als gläubige Muslime angesehen. Das ist eine sehr ungerechte Art die Dinge zu betrachten. Warum wird uns eingeredet, dass nur die gewaltbereiten und intoleranten Muslime durch den Islam beeinflusst werden und die friedlichen und vernünftigen Muslime nicht?

Ich widme einen großen Teil des Buches der Analyse dieser Behauptung, ob der Islam an sich eine gewalttätige Religion sei und ob der Koran Gewalt legitimiere. Und eine objektive Analyse der Koran ergibt, dass er keine Gewalt fördert. Fernab von der Förderung von Gewalt verurteilt der Koran die Gewalt und fordert Muslime dazu auf, alle Mittel auszuschöpfen, um Gewalt und Verfolgung zu vermeiden. Tatsächlich gibt es die sogenannten „Gewaltverse“ im Koran, die auf einige gewaltverherrlichend erscheinen, wenn sie aus dem Kontext gerissen werden, doch ein einziger Vers einer Schrift kann nicht für sich sprechen, wenn der Kontext der umgebenden Verse außer Acht gelassen wird. Sobald der korrekte Kontext in Erwägung gezogen wird, kann der Koran niemals als gewaltverherrlichend angesehen werden.

DAS MILIEU: Erst kürzlich wurde ihr Buch "Demystifying Islam“ (Entmystifizierung des Islam) veröffentlicht. Darin beschäftigen Sie sich mit den schwierigen und heiklen Fragen, die im Zusammenhang mit dem Islam aufgeworfen werden. Können Sie uns die drei größten Missverständnisse über den Islam nennen?

Zafar: Erstens herrscht ein großes Missverständnis vor, dass der Islam ein einheitlicher Block sei und es keine wirkliche Vielfalt (im muslimischen Denken und Handeln) gebe. Menschen sind erstaunt, wenn sie hören, dass nur 15 Prozent der islamischen Welt arabischer Herkunft ist. Somit ist es keine arabische Religion. Arabisch ist nicht die Sprache der Muslime. Muslime gehören verschiedenen Ethnien, Nationalitäten und Hintergründen an. Die muslimische Bevölkerung wächst in allen Erdteilen.

Zweitens besteht der allgemeine Vorwurf, dass der Islam zu Gewalt und Zwang aufrufe, um seinen Einfluss auszuweiten oder aufrechtzuerhalten. Das ist schlichtweg falsch. In meinem Buch „Demystifying Islam“ untersuche ich sehr genau das Leben des Propheten Mohammed und die umfassenden Lehren des Heiligen Koran, um darzustellen, dass es keinen Raum für Terrorismus im Islam oder gar für Gewalt zur Verbreitung des Glaubens gibt.

Zuletzt gibt es den verzerrten Blick, dass der Islam jegliche Freiheiten untergrabe. Zu den anhaltenden Vorwürfen gehört auch, dass der Islam die Meinungs- und Religionsfreiheit oder gleiche Rechte und Freiheiten für Frauen nicht kenne. Daher widme ich ein Kapitel dieses Buches diesen Bereichen, um die Wahrheit darüber offenzulegen, ob der Islam denn tatsächlich solche Freiheiten verbietet oder sich für diese einsetzt.

DAS MILIEU: Wenn der Islam nun eine Religion des Friedens ist, warum sehen wir dann die vielen Probleme mit Menschen, die dieser Religion angehören und dass nicht nur im Nahen Osten, Afrika oder Asien, sondern auch hier in westlichen Staaten?

Zafar: Diese Frage ist durchaus gerechtfertigt. Tatsächlich gibt es einige Unruhen in verschiedenen Staaten des Nahen Osten, Asien und Afrika. Meiner Meinung nach spielen folgende drei Kernprobleme eine Rolle:
1.    Die Orte, an denen Probleme vorherrschen werden meist durch geopolitische und wirtschaftliche Instabilität geplagt. Das hat nichts mit Religion zu tun. Vielmehr hat es mit dem Unfrieden in einer Kultur und Gesellschaft zu tun, der durch jahrzehntelange politische Unbeständigkeit verursacht wurde. In  Zeiten solcher Unordnung und Unzufriedenheit haben Menschen es verstanden ihren Unmut und ihre Motivation religiös aufzuladen und öffentlich Ausdruck zu verschaffen. So beginnt die Religion zum leidtragenden Element zu werden, auch wenn die tatsächliche Wurzel des Problems in keiner Weise etwas mit der Religion zu tun hat.
2.    In diesen Tagen gibt es überraschenderweise sehr wenige wirkliche Gelehrte des Islam. Viele Kleriker bezeichnen sich selbst als Gelehrte, aber stützen sich auf „klassische“ Interpretationen, die erst Jahrhunderte nach dem Ableben des Propheten Mohammed erfunden wurden. Diese klassischen Interpretationen wurden vor Jahrhunderten durch Kleriker erfunden, die bei unbeliebten Herrschern angestellt waren, um die religiöse Sprache zu nutzen, damit das Andersdenken in der Öffentlichkeit unterbunden werden konnte. Die politischen und dynastischen Führer der muslimischen Herrschaftsbereiche setzten den Klerus ein, ähnlich wie es nach der konstantinischen Wende zur Praxis gehörte. Respektiert für ihr religiöses Wissen wurden sie gestützt, um unbeliebte politische Regime zu legitimieren. Damit wurden politische und soziale Aufstände mit religiösem Ausdruck gerechtfertigt.
3.    Eine Sache, die der islamischen Welt fehlt ist die Einheit, die nur durch eine religiöse Führung gewahrt werden kann.

DAS MILIEU: Muslime werden im Westen oftmals als Fremdkörper angesehen, deren Lebensstil vollkommen im Widerspruch zu westlichen Werten stehe. Sehen Sie einen Widerspruch? Und wie sollten westliche Gesellschaften mit den Muslimen umgehen?

Zafar: Jeder Muslim, der sich wirklich mit der ursprünglichen Botschaft des Islam auseinandersetzt, wird verstehen, dass der Islam sich für dieselben Freiheiten einsetzt, die im Westen hochgeschätzt sind. Von der Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit zu den Frauenrechten. Muslime werden durch ihre Religion dazu aufgefordert, loyal und gesetzestreu gegenüber dem Staat zu sein, in dem sie leben. Es sind solche Anweisungen und Gebote, die Muslime, die etwa der Ahmadiyya Muslim Jamaat angehören, dazu antreiben, eine aktive Rolle in ihren jeweiligen Heimatländern zu spielen. Von der Blutspende, die unzählige Leben rettet bis hin zu Putzaktionen, Armenspeisungen und Dienst an der lokalen Gemeinde, hat uns unser Glaube zu loyalen und engagierten Staatsbürgern gemacht. Daher sollte die westliche Welt verstehen, dass nichts der muslimischen Identität inhärent ist, was im Widerspruch zu der westlichen Identität eines Muslims stehen könnte. Muslime sollten also auf gleiche Weise behandelt werden, wie alle anderen in einer Gesellschaft.

DAS MILIEU: Es gibt viele Muslime, im Hinblick auf die heutigen Konflikte beispielsweise im Irak in Syrien oder Afghanistan schlussfolgern, dass westliche Staaten einen Krieg gegen die islamische Religion führen würden. Denken Sie, dass derzeit militärisch gegen den Islam vorgegangen wird?

Zafar: Nein, ich glaube nicht, dass heutzutage westliche Staaten einen Krieg gegen den Islam führen. Es gibt sicherlich Individuen und Gruppen hier im Westen, die einen Krieg der Worte und Vorstellungen gegen den Islam führen, aber es gibt derzeit keinen staatlich geförderten militärischen Angriff gegen den Islam.

In der Tat haben westliche Regierungen jahrzehntelang Fehler gemacht und diese Fehler haben zu den Konflikten, die wir heute in der Welt beobachten können, beigetragen. Aber das ist immer noch kein Krieg gegen den Islam. Das beste, was Muslime tun können ist, ihre Verantwortung wahrzunehmen, um ihren Beitrag zur Beseitigung der Konflikte in der Welt zu leisten. Es braucht einen Krieg gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Chaos.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zafar!

 

 

 

Harris Zafar: "Demystifying Islam: Tackling the Tough Questions"

Rowman & Littlefield, 204 Seiten, 2014, 20,30 Euro.

ISBN: 978-1442223271

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