Rezension

Hegel - Der Weltphilosoph

01.06.2020 - Dr. Burkhard Luber

“Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig”

(aus der Vorrede von Hegels “Rechtsphilosophie” 1820)

 

 

Unvermeidlich zum 250. Geburtstag von Hegel wird von verschiedenen Autoren die Gelegenheit ergriffen, sich diesem großen Philosophen zu nähern. Neben der groß angelegten Biographie des ausgewiesenen Hegelkenners Klaus Vieweg liegt nun auch dieses Buch von Sebastian Ostritsch, lehrend und forschend am Institut für Philosophie an der Universität Stuttgart, vor. Interessant und vielleicht sogar symptomatisch für die Genialität dieses Philosophen ist die Tatsache, dass beide Autoren nicht nur den Namen von Hegel in den Titel ihrer Bücher setzen sondern gleichzeitig auch eine Kategorie im Untertitel anführen. Bei Vieweg lautet sie “Der Philosoph der Freiheit”, bei Ostritsch “Der Welt-Philosoph”. 

 

Ostritsch arbeitet diesen Anspruch der Kategorisierung durch eine enzyklopädische Darstellung der verschiedenen Facetten der Hegelschen Philosophie ab, als da unter anderem sind: Die Phänomenologie des Geistes, Die Wissenschaft der Logik, die “Enzyklopädie”, die Naturphilosophie und die Rechtsphilosophie. Wer sich jemals etwas mit Hegel beschäftigt hat, wird Respekt vor dieser umfasssenden Präsentation der Philosophie Hegels durch Ostritsch haben. Jedoch übertreibt der Autor seine Fleißarbeit zuweilen, und das geht leider auf Kosten der Lesbarkeit. Ostritsch setzt bei den LeserInnen einfach zuviel voraus. Wem die Philosophien von Kant, Schelling, Fichte nicht geläufig sind verirrt sich leider immer wieder im Dschungel der Ostritschen Argumentationen. 

 

Das führt zwangsläufig zur Frage, für wen ist das Buch wohl geschrieben, wer ist die Lese-Zielgruppe? Profunde Hegel-KennerInnen dürften hier wohl nichts sensationell Neues finden. Für Leute aber, die sich eine nicht zu schwierige Einführung in die Argumente Hegels verschaffen wollen, dürften, wenn sie nicht gerade bereits vorher versiert sind philosophisch zu denken bzw. einigermaßen mit der deutschen Philosophie-Geschichte des 18./19. Jahrhunderts vertraut sind, allerhand Verständnis-Mühe haben, vielleicht sogar bei der Lektüre scheitern, was schade ist bei der immensen Mühe, die sich Ostritsch gegeben hat. 

 

Aber das Hauptproblem seines Buches ist, dass es zu schwierig geschrieben ist. Ein Philosophie-Studienanfänger kann sich vielleicht durch die Lektüre ein Proseminar an der Universität sparen, aber eine wirkliche Affinität zur Philosophie Hegels entsteht leider nicht. Zweifellos ist die Philosophie Hegels schwierig bis sperrig und es bedarf sicher großer Mühe, sie verständlich darzustellen. Ein gelungenes Beispiel ist hier das Buch von Ralf Ludwig “Hegel für Anfänger”. Bei Ostritschs Buch hat man manchmal den Eindruck, dass hier selber ein Philosoph die Feder führt. Erfreulicherweise bringt uns Ostritsch allerdings neben der Darstellung der Philosophie Hegels auch den Menschen und Schwaben Hegel näher, die verschiedenen Stationen seines Lebens, seine langjährigen Bemühungen, einen angemessenen Platz in der akademischen Welt zu finden und auch Hegels Kritiker kommen bei Ostritsch zu Wort. Das Problem des Darstellungsstils von Ostritisch ist jedoch, dass die/der LeserIn immer wieder hin- und her pendeln muss zwischen einem oft anekdotenhaften Entlangehen an Hegels Leben und dann dem schwierigen Sich Aneignen seiner Philosophie. Eine solcher Perspektivenwechsel kann unterhaltsam sein, hier ist er leider recht mühsam. 

 

Richtig ärgerlich ist allerdings Ostritschs Gesamtwürdigung des Hegelschen Werkes auf Seite 269. Man mag Hegel - wie der Untertitel des Buches es möchte - als einen “Welt-Philosophen” bezeichnen, aber dass heute die “Systemdenker praktisch ausgestorben” (sic!) seien, geht an der Realität eindeutig vorbei. Es mag sein, dass Ostritsch beim Abfassen seines Manuskripts noch keine Kenntnis von der monumentalen Abhandlung von Jürgen Habermas “Auch eine Geschichte der Philosophie” hatte, aber zumindest hätte er das Werk dieses Philosophen, der sich Zeit seines Lebens in zahlreichen Publikationen um eine systematische Theorie kommunikativen Handelns bemüht hat, in solch ein Resume einfließen lassen müssen. Noch viel absurder wird Ostritschs Verdikt über den angeblichen “Tod der Systemdenker” bei seinem völligen Ausblenden der 30 Jahre Systemtheorie von Niklas Luhmann, der in wirklich enzyklopädischer Weise - wahrscheinlich hätte sogar Hegel selber davor Respekt gehabt - alle wichtigen Teilbereiche der modernen Gesellschaft untersucht und sie in eine Gesamttheorie der modernen Gesellschaft gestellt hat. Dass im Jahr 2020 weder Habermas noch Luhmann in Ostritschs Evaluation des Hegelschen Werkes Eingang gefunden, ja überhaupt nicht erwähnt werden, ist nicht nachzuvollziehen. Wenn sich Ostritsch darum bemüht - und das ist für sich gesehen durchaus verdienstvoll - Hegel in die gegenwärtige philosophische Diskussion zu stellen, dann hätte es auf einem angemessenen Niveau erfolgen müssen.

 

Dessen ungeachtet kann der Leser durchaus mancherlei Nutzen aus der Lektüre dieses Buches ziehen: Gerade die farbigen Schildungen Ostritschs über die Person und die Lebenstationen Hegels bringen ihm dessen Person bis hin zu seinem schwäbischen Charme näher. Wer allerdings das Buch mit der Motivation zur Hand nimmt, sich in gestraffter verständlicher Weise über Hegels Philosophie informieren zu wollen, wird bei der leider doch sperrigen, manchmal geradezu mühsam daher kommenden Diktion des Autors seine Mühe bei der Lektüre und dem Verständnis des Geschriebenen haben. Leider helfen ihm dabei die zwar sicher korrekten, aber titelbezogen nichtssagenden Referenzen “TWA Nr...” in den Nachweisen der Zitate wenig. Hier wäre es angebrachter gewesen, zumindest ein zusätzliches Stichwort zu den Titeln der einzelnen Bände der Werkausgabe mit aufzuführen, die zitiert werden. 

 

Hegel - Hardcover | ULLSTEIN

 

Sebastian Ostritsch: Hegel - Der Weltphilosoph. Popyläen / Ullstein Verlag. 2020. 315 Seiten. 26 Euro.

 

 

 

 

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